Arno Frank

Macron an Putins Tisch Die endlosen, beinahe sibirischen Weiten der politischen Unvereinbarkeit

Arno Frank
Eine Glosse von Arno Frank
Ob Macron bei Putin, Scholz bei Biden oder Xi Jinping bei der Eröffnung der Winterspiele: Die Sitzordnung ist bei politischen Treffen fast ebenso bedeutend wie die Weltordnung.
Putin, Macron in Moskau: Zarte Anklänge an die korinthische Ordnung

Putin, Macron in Moskau: Zarte Anklänge an die korinthische Ordnung

Foto: Sputnik / AFP

Der Tisch ist zurück auf der Weltbühne. Genau genommen ist der Tisch die Weltbühne. Ein symbolischer Ort, an dem über Krieg und Frieden entschieden wird. Sichtbar wurde das am Montag im Kreml, als sich der russische und der französische Präsident an einem Möbel trafen, das mit »Tisch« nur sehr unzureichend beschrieben ist.

Es handelte sich um ein gestrecktes Oval mit einer Länge von schätzungsweise vier Metern, mutmaßlich aus chakassischem Marmor, berühmt für seine Weiße, geschützt durch eine spiegelnde Glasplatte und geschmückt mit floralen Intarsien. Gestützt wird das Monstrum nicht von Beinen, sondern, wie die russischen Streitkräfte, von drei Säulen im ungefähren Umfang der Booster einer Sojus-Rakete, mit zarten Anklängen an die korinthische Ordnung.

Der Tisch ist das, was man »einschüchternd« nennen könnte. Das ist er sogar dann, wenn Wladimir Putin daran die Führer von Armenien, Aserbaidschan, Kasachstan und Tschetschenien gleichzeitig empfängt. Wer hier Platz nimmt, redet mit einem Russland in vollem Bewusstsein seiner vergangenen oder auch künftigen Größe.

In intimer Ohrfeigenreichweite an hölzernen Antiquitäten

Und natürlich ist dieses Möbelstück genau so gemeint. Wie diplomatisch Putin und Macron einander auch begegnen mögen – zwischen ihnen liegen die endlosen, beinahe sibirischen Weiten der politischen Unvereinbarkeit. Es ist der reine Tisch, auf dem »alle Optionen liegen«. Immerhin ohne Tischtuch, das zerschnitten werden könnte.

Scholz, Biden im Oval Office: Gearbeitet wird jetzt nicht, nur beisammen gesessen

Scholz, Biden im Oval Office: Gearbeitet wird jetzt nicht, nur beisammen gesessen

Foto: Pool / Getty Images

In westlichen Zusammenhängen hat sich der Tisch längst ins Metaphorische verabschiedet. Der US-Präsident lässt sich im onkeligen Oval Office des Weißen Hauses mit seinen Gästen fotografieren, die Sessel zum Pulk der Fotografen hin geöffnet. Gearbeitet wird jetzt nicht, nur beisammen gesessen. Hinter verschlossenen Türen trifft man sich höchstens sinnbildlich an runden oder auch eckigen Tischen, um »auf Augenhöhe« irgendwelche Probleme zu lösen.

Augenhöhe ist immerhin gewährleistet, Distanz aber auch. Das Wort »Auseinandersetzung« findet hier unerwartet zu sich selbst.

Aus postheroischer Perspektive  wirkt der Tisch im Kreml deshalb beinahe komisch. Relikt aus einer Zeit, in der auf Tischplatten noch Aufmarschpläne ausgebreitet wurden. Und das ist gerade der Witz an diesem heldenhaften Tisch. Postheroisch kann nur sein, wer bereits alle Schlachten geschlagen hat. Für Putin gilt das gegenwärtig gerade nicht.

So gesehen ist es ein Tisch nach russischem Geschmack, ob er nun aus zaristischen oder sowjetischen Beständen überkommen sein mag. Solche Symbolpolitik ist nicht unwichtig. Sie strahlt nach außen wie nach innen. Wenn sie etwas ausgefressen oder auszubaden haben, empfängt Putin seine Minister gern in intimer Ohrfeigenreichweite an hölzernen Antiquitäten.

Bisweilen empfängt er auch gar nicht. Oder lässt so lange warten, dass sein Besuch irgendwann alle Gemälde im Vorzimmer gesehen hat und hilflos Ausschau nach einem Stuhl hält, auf dem er sich niederlassen könne – wie es dem türkischen Präsidenten Erdoğan einst ergangen ist. Zu besonderen Gelegenheiten, wenn etwa eine deutsche Kanzlerin und Hundephobikerin zu Gast ist, lässt er auch seinen Labrador herumschnuppern.

Im Kreml kann man sich nur schwer des Eindrucks erwehren, dass Pracht und Protz nur geborgt sind. Auch ein Putin bewegt sich darin wie ein Schauspieler zwischen Kulissen.

Einen Tisch ganz anderer Abmessungen hat die Welt erst neulich in Peking zu sehen bekommen. Xi Jinping lud zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele nicht an einen Solitär, sondern schlicht zusammengerückte Normaltische. Während Xi von einer erhöhten Bühne herab seine Rede hielt, konnten die Staatsgäste des Banketts ihre Blicke über den eigentlichen Clou dieses Ensembles schweifen lassen, ins Reich der Mitte des umstellten Raums.

Machtdemonstration diktatorischer Dekorationswut

Mit ihnen sah die Welt keine weiße Leere, sondern eine sorgsam modellierte Ideallandschaft, ein putziges Modelleisenbahnchina mit Bergen, Tälern, nachempfundenen Wäldern, einem hellblauen Fluss und verschiedenen Sportstätten, wie mit Puderzucker bestreut. Platz fand hier sogar ein bizarres Detail wie die Schanze von Shougang, im Schatten der Stahlhütte der Shougang Group im staublungenfarbenen Industrierevier von Shijingshan.

Xi Jinping bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele: Sorgsam modellierte Ideallandschaft

Xi Jinping bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele: Sorgsam modellierte Ideallandschaft

Foto: Shen Hong / picture alliance / Xinhua News Agency

Im Original ist das ein dystopischer Albtraum. In dieser Machtdemonstration fernöstlicher Geschmacksferne und diktatorischer Dekorationswut aber wirkten die Kühltürme wie etwas, das man gern zum Nachtisch verzehren würde. Ein »Tischlein, deck dich!« chinesischer Blütenträume.

Der Tisch in der Politik, er taugt also wieder als Tableau für Träume wie für Tacheles.

Im Arsenal des Symbolpolitischen kommt ihm wieder besondere Bedeutung zu. Er stiftet Gemeinschaft. Es gibt aber immer einen Stifter. Jemanden, dem der Tisch gehört, in dessen Haus er steht und der die Tafelrunde – oder den Gast – herbeiruft. Daraus ergibt sich zwangsläufig eine Rangordnung, die mit der Tischordnung identisch ist.

Wie genau der Tisch beschaffen ist, spielt dabei keine Rolle. Das gilt auch für das kümmerliche Sträußchen weißer Blumen, mit denen die Leere zwischen Macron und Putin hilflos bepuschelt worden ist.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.