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Madonna: »Minnie Mouse auf Helium«

Madonna auf Tournee: ein Ereignis der Superlative-Mehr als eine Million Menschen sahen allein in den USA den Superstar, der in dieser Woche auch in der Bundesrepublik auftritt und sich dabei im Glitter-Outfit und als Monroe-Verschnitt präsentiert. Doch trotz verbesserter Show: Ihr fehlen Persönlichkeit und Charisma. *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Wollt ihr mich heiraten?« animierte Superstar Madonna während ihrer 1985er Konzerttournee das Publikum. Frenetischer Jubel und gellende Pfiffe begleiteten ihr großzügiges Angebot, das kongenial zu ihrem Bastard-Image aus Volks-Madonna und Westentaschen-Hure paßte.

Auf der gerade stattfindenden 1987er Welttour, die sie auch zu einem Konzert in Deutschland am 22. August nach Frankfurt führt, versucht sich die gereifte, 28jährige Künstlerin an feinsinnigerem Entertainment. In einem 16 Songs dauernden Set setzt sie unter dem Motto ihres gerade in den USA angelaufenen Films »Who''s That Girl« auf Rollentausch: Zeigte sie sich früher nur als blechbehangener Punk-Weihnachtsbaum, präsentiert sie jetzt eine Palette unterschiedlicher Typen: vom Glitter-Outfit bis zum Monroe-Verschnitt.

Was Madonna Luise Ciccone ausmacht, ist ihr unbedingter Wille, sich durchzusetzen. Als Tochter italoamerikanischer Eltern in der Nähe von Detroit geboren, lernte sie schon früh, sich zu behaupten. Sie war eine von sieben Geschwistern, ihre Mutter starb, als sie sieben Jahre alt war.

Stolz erzählt sie Episoden aus ihrer Kindheit und betont das Verhältnis zu den älteren Brüdern: »Sie pflegten mich an meinen Unterhosen an der Wäscheleine aufzuhängen... Oder sie haben mich zu Boden gedrückt und mir in den Mund gespuckt.« Madonna wehrte sich, indem sie die Geschwister beim Vater anschwärzte. Früh schon war sie sich ihrer Mittel bewußt: »Ich galt als kleine Dame in unserer Familie, weil ich meine Weiblichkeit einsetzte, um das zu bekommen, was ich wollte.«

In der High-School kokettierte sie mit einem Flittchen-Image. Mit Siebzehn nahm sie Ballettunterricht, mit Achtzehn ging sie nach New York, um Karriere zu machen. Diesem Ziel ordnete sie ihr Leben unter: »Ich bin ehrgeizig, aber wenn ich nicht genauso talentiert wäre, wäre ich ein groteskes Wesen.«

Über Soft-Pornos, Aktphotographie und als Sängerin einer Band diente sie sich mühselig die Erfolgsleiter nach oben. Ein Job als Sängerin und Tänzerin bei Patrick Hernandez, der 1979 mit »Born to be alive« einen Hit hatte, bescherte ihr bescheidene Aufmerksamkeit, ein Demoband mit Eigenkompositionen brachte ihr einen Plattenvertrag.

Der Aufstieg zum Weltstar erfolgte relativ schnell. Das erste Album erschien 1983, elf Hits landeten bis jetzt auf einem der ersten fünf Plätze der internationalen Charts, ein Erfolg, der außer ihr nur Elvis Presley und den Beatles gelang. Ihr Einstieg als Schauspielerin mit Susan Seidelmans »Susan, verzweifelt gesucht« verlief vielversprechend, in den meisten Kritiken wurde sie überschwenglich gelobt.

Der zweite Film, gemeinsam mit Ehemann Sean Penn, endete als grandioser Flop. Ihre schauspielerische Leistung wurde in Amerika zur schlechtesten Rolle des Jahres 1986 gekürt. »Das beste an diesem Film waren die Drehpausen« bemerkte sie im nachhinein selbstkritisch und will in ihrem gerade angelaufenen

Film verlorenes Terrain aufholen. Fehler sind für Madonna lediglich ein Korrektiv, aus dem sie lernen kann. Ihr Kapital sind Disziplin und Einsatz. Sie trinkt kaum Alkohol, ist überzeugte Vegetarierin, treibt regelmäßig Sport und kennt nur ein Ziel: Erfolg.

Doch sie schuf nie etwas Originäres, bediente lediglich einen Trend. Zu einer Zeit, da selbst Normalbürger sich ein schrilleres Outfit zulegten, umgab sich die passionierte Hausfrau ("Ich wasche gern ab") mit einem Edelschlampen-Image: Zu Korsetts, BHs und Strumpfhosen behängte sie sich mit billigem Plastik- und Blechgerümpel.

Inhaltlich entpuppte sie sich als ultramoderner Repräsentant der Restauration. Ihr verklärtes Frauenbild: »In den fünfziger Jahren haben sich die Frauen ihres Körpers nicht geschämt. Sie haben ihre Sexualität genossen.«

Zu ihren Kennzeichen gehörte ein meist freier Bauchnabel und eine Prise Hausfrauensex. Dazu sang sie mit mickriger Piepsstimme und schenkte dem Publikum laszive Schlafzimmerblicke. An den entscheidenden Stellen - physisch wie psychisch - hielt sie sich bedeckt. Mick Jagger bescheinigte ihren Songs »prinzipielle Dusseligkeit«, das Magazin »Time« befand sie für zu leicht: »Minnie Mouse auf Helium«.

Sie kennt nur vorübergehende Stationen auf ihrem Erfolgsweg, Endpunkte sind ihr verhaßt. Ob Musiker, Manager und Diskjockeys - sie arbeitet nur so lange mit ihnen, wie sie von ihnen profitiert. Selbst ehemalige Freunde schwärmen: »Die Leute reden von Ausbeutung ... in Wirklichkeit lehnen sie doch nur jemanden ab, der den richtigen Drive hat. Natürlich sieht das so aus, als ob man Menschen im Stich läßt oder einfach über sie hinwegtrampelt. In Wahrheit schreitet Madonna voran und die anderen bleiben einfach stehen. Die kennt keine falsche Höflichkeit. Da ist es ihr egal, ob Federn dabei fliegen.«

Das ausgekochte Luder transportiert sie nicht nur in ihren Texten, sondern auch in den Videos. »Ich bin ein materialistisches Mädchen und lebe in einer materialistischen Welt« singt sie und offenbart damit ihre Strategie. Sie lebt nicht nur mit den Gesetzen dieser Gesellschaft, sondern bereitet sie gleichzeitig künstlerisch auf.

Bewegte Madonna in den früheren Videos den Unterleib wie in einem Werbefilm für Gynäkologen, machte sie bald sichtbare Fortschritte. Sie kam zwar nicht über den künstlerischen Status des Semi-Amateurs hinaus, überzeugte aber das ganz große Publikum.

Die gerade laufende Tour ist schon wegen ihres finanziellen Aufwandes ein Ereignis der Superlative. Madonna besucht drei Kontinente, gastiert in Japan, USA und Europa. In den USA speiste sie bei 17 Terminen über eine Million Menschen ab; in Frankfurt gastiert sie im Waldstadion. Ihre Crew besteht aus 50 Mitgliedern: 7 Musiker, 6 Tänzer 3 Backgroundsänger, 1 Koch, 1 Fitneßtrainer, 1 Bettentester (!), der ihr vorausreist, 8 Großleinwände, 23 Sattelschlepper, 1 DC 7 und 1 Jumbo 747 umfaßt das gigantische Spektakel.

Ein treppenförmiger Bühnenaufbau verschafft ihr Auslauf, die Show wird von Großbildwänden flankiert die ihre Performance überdimensional widerspiegeln. 28 Keyboards sind unter der Bühne aufgetürmt und dokumentieren optisch die Hybris der Künstlerin: Quantität, die nicht unbedingt einen qualitativen Sprung mit sich bringt.

Mehrere Kostümwechsel und die Choreographie des Show-Profis Jeffrey Hornadey sollen ihre Performance unterstützen. Bei »Papa Don''t Preach«, einem der fünf Hits ihres letzten Albums, werden Projektionen des Papstes, Reagans und des Weißen Hauses gezeigt - es folgt die Aufforderung »Safe Sex«.

Sie erlegt Gangster verkleidet sich mit Hut und Brille; in einem grellen Dress mit Augen auf den Brüsten spielt sie vergeblich gegen die Ikonographie eines Marilyn-Monroe-Videos an und legt sich dann ausgestreckt auf die Bühne. Die Zugabe endet dramatisch. Madonna steht im Satin-Korsett am dunklen Bühnenrand und gibt die Frage »Who''s That Girl« an das Publikum weiter. Die Musik schwillt ab, vorbei ist der Spuk.

Die Presseberichte sind verhalten: Fast alle loben ihren Arbeitseinsatz und ihre Fortschritte, die meisten vermissen Persönlichkeit und charismatische Kraft - unnötig, Madonna will Erfolg und kann ihn vorweisen. Mehr hat sie nie versprochen. _(In »Susan, verzweifelt gesucht«. )

In »Susan, verzweifelt gesucht«.

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