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THEATER Männchen zur Brust

Die Dicke aus dem »Großen Fressen« und 16 Liliputaner spielen in Paris eine spektakuläre »Prinzessin Turandot«.
aus DER SPIEGEL 7/1974

Im Film »Das Große Fressen« war sie die schöne Dicke, und Marcello Mastroianni hat ihr da versonnen den nackten Hintern getätschelt. Jetzt gehen ihr wieder Kerle an den vollen Leib -- ganz kleine:

Sechzehn Zwerge in Tüllröcken und Pluderfräcken zerren an Andréa Ferréol, 27, reißen ihr den Blütenrock herunter, nesteln ihr am glitzernden Korsett, an den lachsroten Strumpfhaltern und begrapschen, was an der Dicken schön ist.

Da wird nicht »Schneewittchen und die sieben Zwerge« für Matrosen gespielt, sondern -- vom Pariser »Théatre National de Chaillot« -- die alte Parabel »Prinzessin Turandot« von Gozzi: und die Publikumswirkung beschreibt der »France-Soir« so: »Jedermann rennt hin, und alle Snobs von Paris schreien »Oh« und »Ah«!«

Es ist freilich ungewöhnlich, die altchinesische Prinzessin im Land der Zwerge zu sehen. Die grausame Edeldame, die ihren Bewerbern drei Rätsel stellt und ihnen, bei Versagen, den Kopf abschlagen läßt, kam bislang mit Gleichgroßen gut zurecht.

Der Regisseur, der Rumäne Lucian Pintilie, 40, erklärt seinen Zwergen-Einfall aus einem »überspitzten Aspekt« des Stoffes: Dem »Erhabenen«, eben der Prinzessin, stehe eine Gruppe gegenüber, der »jeder Zugang zum Erhabenen versperrt« sei: kleine Leute also, Liliputaner.

Um die Erhabene noch größer zu machen, paßte er Andréa Ferréol Stiefel mit 20 Zentimeter dicken Brikettsohlen an und einen Topfhut mit langer Pfauenfeder; hohe Töne -- vom Band eingespielte Arien aus Puccinis »Turandot«-Oper -- brauchte sie nur grimassierend zu markieren.

Der Größen-Unterschied soll aber auch die Phantasie beflügeln: Mit »normalen Schauspielern«, sagt Pintilie. hätte er die »erotischen Halluzinationen gar nicht sichtbar machen können«. Denn ehe die Prinzessin schließlich ihr erwähltes Männchen zur Brust nimmt, krabbein alle anderen zu einem sexuellen Sit-in auf der hingesunkenen Riesendame herum.

Zu dem »schönen, aber morbiden« Spektakel ("Le Monde") wurden die Liliputaner (Größe: 103 bis 137 Zentimeter) aus aller Welt zusammengeholt: auch ein schwarzer ist dabei. Die meisten sind gewiefte Schneewittchen-, Zirkus- oder Fernseh-Zwerge, zwei verkaufen sonst Erdnüsse und Lavendel auf Jahrmärkten, und eine holländische Kleindarstellerin singt bei Hochzeiten das Ave Maria.

In Frankreich, erforschte der »Figaro« aus diesem Anlaß, gibt es nur 80 bis 100 Liliputaner: sie seien damit die »kleinste Minderheit«. Als Behinderte brauchen sie weder Einkommensteuer noch Fernsehgebühren zu bezahlen.

Andréa Ferréol, in Frankreich auch als TV-Star populär, geht mit ihren Liliputs oft und gern ins Café. »Zwerg sein ist doch keine Mentalität«, erklärt sie, »sondern nur eine Frage von Drüsen und Knorpeln.«

Die Fleischesfülle, die sie sich mit Bier und Weißbrot für das »Große Fressen« anfressen mußte (82,5 Kilo bei 1,63 Meter Größe), hat sie mittlerweile um 15 Kilogramm vermindert. »Sie ist jetzt rund und rosig wie von Rubens«, schwärmt der »Nouvel Observateur«.

Mit ihrem Mut zur Masse, dekretiert das Polit-Magazin »Le Point«, habe sie aber auch »eine Revolution erzeugt: Man geht wieder mit gutem Gewissen opulent essen«.

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