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FILM Männer unterwegs

»Paris, Texas«. Spielfilm von Wim Wenders. Deutschland 1984, 148 Minuten; Farbe. *
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 2/1985

Vatermutterkind, das ist die ganze Geschichte. Der Film »Paris, Texas« braucht zweieinhalb Kinostunden, um eine Mutter und ihren kleinen Sohn nach vier Jahren der Trennung wieder zusammenzuführen: Ein Jubelaugenblick, ein Rührmoment, eine Umarmungsseligkeit ohnegleichen.

Die Mutter aber hat während dieser vier Jahre immer gewußt, wo ihr Kind sich befindet, hat sich gelegentlich nach ihm erkundigt und hat ihm regelmäßig Geld zukommen lassen. Sie hätte es also jederzeit, wenn sie nur den Wunsch gehabt hätte, wiedersehen können - warum nun die Anstrengung von zweieinhalb Kinostunden und an ihrem Ende diese Gefühlsüberwältigung, dieser krönende Jubel?

Der Mann, der von einem x-bestimmten Punkt der Geschichte an die Besessenheit seines Lebens daransetzt, Mutter und Kind wieder zusammenzubringen,

ist natürlich der Vater. Doch vom Versöhnungsfinale schließt er sich aus: Er betrachtet es aus der Ferne, hält seine Vaterrolle damit für vollendet und fährt mit seinem Auto davon, in den roten Abend hinein - so wie einst John Wayne in »Der schwarze Falke«, am Ende einer noch viel verrückteren, Jahre verschlingenden Kindesrettungs- und Familienzusammenführungsaktion, allein in den roten Abend davonritt.

Die typischen Wim-Wenders-Helden, seit seinem ersten Spielfilm »Summer in the City« (in dem nur der Titel und die Träume amerikanisch waren), waren Männer unterwegs. Und oft ließ sich schwer ausmachen, ob sie eher auf der Flucht vor einer Vergangenheit oder auf der Suche nach einer Zukunft waren: Irrende, Rastlose, Getriebene. Mit Frauen kamen sie schlecht zurecht, mit Kindern, als Gefährten in der Einsamkeit, sehr viel besser.

Diesmal - der Held heißt Travis - ist alles so amerikanisch, wie man nur wollen kann. Die Film-Reise führt von der Südostecke der USA quer über den Kontinent in die Südwestecke und wieder zurück, gut viertausend Autokilometer im ganzen.

Als der Mann in den ersten Filmbildern auftaucht, unter den großen Augen eines Falken, taumelt er erschöpft durch die glühende Wüste am Südrand von Texas, erreicht mit letzter Kraft eine menschliche Ansiedlung und bricht zusammen.

Offenbar ist der Mann stumm und ohne Gedächtnis: Wo und wie er die letzten vier Jahre gelebt hat, bleibt ein Geheimnis. Es gelingt immerhin, den Stummen zu identifizieren, seinen jüngeren Bruder in Kalifornien zu verständigen - und der macht sich sofort auf die

weite Reise, um Travis heimzuholen, als wäre er der verlorene Sohn.

Wim Wenders hat den Schriftsteller und Gelegenheitsschauspieler Sam Shepard kennengelernt, weil er ihn als Hauptdarsteller für seinen Film »Hammett« haben wollte. Daraus wurde nichts, weil Shepard dem amerikanischen Produzenten nicht prominent genug war, doch aus dieser Begegnung ist »Paris, Texas« entstanden: Shepard hat für Wenders ein Drehbuch mit starker Situations- und Dialogkraft geschrieben, Wenders hat Shepard als Autor-Partner ernstgenommen wie keinen seit seiner frühen Zusammenarbeit mit Peter Handke. Von Wenders mögen die Grundzüge des rastlosen Wenders-Helden Travis stammen, Shepard hat ihm die alptraumhaften, verfluchten und geradezu mythisch vermurksten Familienbeziehungen aufgepackt, in denen viele Shepard-Theaterstücke herumbohren.

In »Paris, Texas« sind die handelnden Personen allesamt Mitglieder einer Familie: zwei Brüder, ihre beiden Frauen und das Kind, das auf merkwürdige Weise ihrer aller Kind zu sein scheint. Als nämlich Travis - unterwegs hat er Sprache und Erinnerungsbruchstücke wiedergefunden - mit seinem Bruder in dessen bürgerlich-bescheidenem Heim in Burbank/Los Angeles eintrifft, findet er dort seinen Sohn Hunter wieder, der ihm mit seinem ganzen früheren Leben vor vier Jahren auf mysteriöse Weise abhanden gekommen war.

Natürlich ist der nun bald Achtjährige der Sohn von Travis und seiner Frau Jane, aber ebenso natürlich nennt er seine Pflegeeltern nicht Onkel und Tante, sondern Mama und Papa, und offenbar war den beiden (wenigstens unbewußt) daran gelegen, daß Hunter seine wirklichen Eltern vergißt, denn im Lauf der Jahre ist der Junge, den ihnen der Himmel ins Haus geschickt hat, zum Herzstück ihrer kinderlosen Ehe geworden.

Dieses Glück zerstört Travis, weil er die Wahnidee eines anderen Glücks im Kopf hat: Er reißt die Vaterrolle an sich, indem er aus seinen Streuner-Klamotten in das pompöse Kostüm eines Bilderbuchpapas mit Anzug, Weste, Schlips und Hut umsteigt. Er gewinnt den Jungen für sich und bricht mit ihm auf, die seit vier Jahren verschwundene Mutter Jane in Texas wiederzufinden.

Aber welche Katastrophe hatte denn diese drei Menschen getrennt? Fest steht wohl, daß nach der Geburt des Kindes die große Liebe zwischen Jane und Travis umschlug in Eifersucht und Haß. Jane sagt, Travis habe sie verlassen. Travis hingegen (der sich im Lauf des Films vom Stummen zum wortmächtigen Redner wandelt) erzählt die Sache, als hätte ein Blitz der Götter die unheilige Familie auseinandergerissen, in dem Augenblick, bevor es zum Totschlag kam:

Er sei aus dem Schlaf aufgeschreckt, von Flammen umgeben, habe Frau und Kind retten wollen, aber die seien spurlos verschwunden gewesen, also sei er ins Freie gerannt, selber brennend, und sei weiter und weiter gerannt, tagelang, bis er die Besinnung verlor. So besinnungslos, muß man wohl annehmen, ist er vier Jahre lang immer weiter durch die Wüste gerannt.

Die Geschichte, die dieser Film erzählt, und die Geschichte, von der er handelt, sind also ziemlich zweierlei. Auf die eine (das verborgene, bilderlose Familiendrama) hat Wim Wenders sich mit einem andächtigen Pathos eingelassen, das ihm bisher völlig fremd schien; die andere aber (die Reise von Texas nach Kalifornien und zurück) hat er mit einer Bilderlust inszeniert und stilisiert (Kamera: Robby Müller), die das Sehabenteuer über die Literatur siegen läßt.

Erst sind es all die Wüstenlandschaften, staubigen Straßen, verschlissenen Motels und kalt-klebrigen Imbißbuden, die sich zu einer Folge von leuchtenden Trostlosigkeits-Chiffren reihen. Am Ende steht Houston, dessen Silhouette aus der Ferne wie eine abweisende Festung wirkt und dessen Innerstes das Glitzerlabyrinth der Peep-Show ist, in der Travis (Harry Dean Stanton) in einer dramatisch großen Szene seine Jane (Nastassja Kinski) wiederfindet.

An Vatermutterkind-Geschichten sind nie nur drei Personen beteiligt (oder fünf, wie in diesem Fall), denn auch Vater und Mutter haben Vater und Mutter. Und zu diesem Ursprung zurück strebt Travis, streben Shepard und Wenders.

Die Sache ist die: In Paris, Texas, haben Papa und Mama von Travis einander kennengelernt und haben Travis gezeugt. Später hat Papa oft und gern unter Freunden als Witz erzählt, er sei seiner Frau in Paris begegnet - was für diese dumpfen Texanerschädel offenbar bedeutete, daß sie eine Hure sei. Der schäbige Standardwitz aber, so meint Travis, habe Papas wahre Angst- und Wahnvorstellung verraten: daß seine Frau tatsächlich eine Hure sei.

So ist »Paris, Texas« das Kennwort für eine banale Männerangst, die dieser Film zum monströsen Familienfluch aufbläht. Denn Travis hat die »Krankheit« geerbt: Sie hat einst seine Ehe mit Jane zerstört, und jetzt, da er Jane in der Vitrine einer Peep-Show wiederfindet, attackiert er sie sofort grob, um sie endlich zum Eingeständnis zu bringen, daß sie eine Hure sei.

Dann aber siegt der Sohn in ihm über den Vater; er überläßt Frau und Kind ihrer Umarmung und macht sich auf, um einer letzten Wahrheit über seine eigene Mutter ins Auge zu schauen. Der jüngere Bruder hat den Familienfluch viel leichter erfüllt und aufgelöst: Er hat eine Frau geheiratet, die tatsächlich aus Paris, Frankreich, stammt.

Was für ein Wahngespinst! Es ist aber nicht so, daß es Wenders-fremd und seinem Film aufgepfropft wäre: Seine Inszenierung tut alles, um die Vereinigung zwischen dem Sohn und der Mutter (die natürlich keine Hure ist) zum Ewigkeitsaugenblick hochzujubeln, der alle Geschichte ein für allemal aufhebt.

So ist in »Paris, Texas« tränennah beisammen, was den Film ausmacht: zutiefst mulmige Macho-Mythologie, wunderbar manierierte Schönheit und offene Sentimentalität. Urs Jenny _(Szenenphoto mit Nastassja Kinski, dem ) _(Kind Hunter Carson und Harry Dean ) _(Stanton. )

Szenenphoto mit Nastassja Kinski, dem Kind Hunter Carson und HarryDean Stanton.

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