Margarete Stokowski

"Männerwelten"-Beitrag Zeigt her eure Wunden

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
In der Sendezeit von Joko und Klaas wurde Gewalt gegen Frauen thematisiert. Dafür gab es viel Applaus. Aber wieder sprachen nur Frauen über ihre Erfahrungen. Wären jetzt nicht mal die Männer dran?
Sophie Passmann und Palina Rojinski im "Männerwelten"-Beitrag

Sophie Passmann und Palina Rojinski im "Männerwelten"-Beitrag

Foto: ProSieben / dpa

Deutschland ist ein sehr gleichberechtigtes Land, wir lieben starke Frauen, aber wir wissen auch, dass sie manchmal leiden, und deswegen finden wir es gut, wenn sie alle paar Jahre eine Runde drehen und ihre Wundmale zeigen und alle staunen und sagen: Puh, ja, schlimm, wow, danke für deine Offenheit.

Das klingt jetzt nicht so schön, aber es ist eine Erkenntnis, die man aus dem Film "Männerwelten" mitnehmen kann, der vor ein paar Tagen auf ProSieben lief. Wer es nicht gesehen hat: Darin führt Sophie Passmann durch eine Ausstellung, in der Frauen von Übergriffen berichten. Es gibt eine Galerie von Penisfotos, die Frauen unverlangt geschickt wurden, es gibt Erzählungen über körperliche Angriffe, beleidigende Kommentare aus dem Internet, eklige Chatverläufe und Sprüche, und Outfits, die Frauen trugen, als sie vergewaltigt wurden.

Um es gleich zu sagen, ich fand die Aktion in ihrer Grundidee und auch in weiten Teilen ihrer Ausführung gut und richtig. Wenn die Hauptsendezeit eines großen Fernsehsenders genutzt wird, um auf Gewalt gegen Frauen hinzuweisen, dann ist das erst mal sogar extrem gut.

An dem Film selbst kann man natürlich dies und das kritisieren, das ist irgendwie auch logisch, weil niemand die Revolution auf ProSieben erwartet. Wenn Feministinnen einander kritisieren, wird oft bemängelt, dass sie doch auch mal zusammenhalten könnten, aber Kritik gehört dazu, das liegt daran, dass es sich um eine Bewegung handelt und nicht um eine Werbeagentur auf ihrem großen Pitch.

Ich hätte die Auswahl der beteiligten Frauen diverser gestaltet  und vermutlich auch die Auswahl der genannten Situationen (zum Beispiel sind Trennungen Phasen, in denen Frauen besonders oft Gewalt widerfährt, und gleichzeitig wird Frauen mit aggressiven Partnern eben oft geraten, sich "halt einfach zu trennen") und nicht mit "Terre des Femmes" kooperiert, die sich bezüglich Prostitution, Transgeschlechtlichkeit und Kopftuch nicht ganz so bedingungslos für alle Frauen einsetzen.

"Männerwelten" war "bewegend" - aber zu was?

Aber die Frage ist: Wie oft wollen wir dieses Spiel noch spielen? "Manche Leute haben lange geglaubt, wenn man das Grauen nur anschaulich genug darstelle, würden die meisten Menschen die Ungeheuerlichkeit und den Wahnsinn des Krieges schließlich begreifen", schrieb Susan Sontag in "Das Leiden anderer betrachten". Nun wissen wir aber, dass das für Kriege nicht stimmt. Und für Gewalt gegen Frauen stimmt es auch nicht.

Man konnte oft lesen, "Männerwelten" sei "bewegend" gewesen, aber bewegend zu was? Wir hatten #aufschrei, wir hatten #MeToo, wir hatten Titelseiten voll mit Frauen, die erzählen, was ihnen angetan wurde, offene Briefe und Reden und Kampagnen - ein sehr großer Anteil der feministischen Arbeit der letzten Jahre bestand daraus, Gewalt gegen Frauen abzubilden. Das ist wichtige Arbeit, aber wie viele Jahrzehnte sollen wir das noch machen? Wie oft muss noch gesagt werden: "Ja, das passiert wirklich"?

Die bloße Abbildung von Machtverhältnissen bedeutet nicht ihre Zerstörung, und die kurze Erzählung eines Übergriffs ist zu wenig, um zu erfahren, was die Umstände waren, warum das passierte und wie man folgende Taten verhindern kann. Wie war das für sie, was passierte danach, hat sich dadurch an ihrem Leben etwas verändert?

Wenn ich von einer solchen Verletzung höre, dann interessiert mich die Geschichte ihrer Heilung mehr als die der Verwundung selbst. Denn die Verletzungen sind bekannt. Was ist mit den Narben, was ist mit der Medizin?

Es ist kein Geheimwissen, dass Frauen belästigt werden, dass wir beschimpft und bedroht und vergewaltigt werden. Die Übergriffe laufen immer wieder nach denselben Mustern – nicht aber der Kampf, der danach folgt. Dass mich die Verletzung weniger interessiert als die Heilung, heißt nicht, dass sie mich nicht interessiert oder dass ich denke, man sollte da nicht zuhören . Aber es heißt: Wir kennen das eigentlich schon. Oder: Die Möglichkeit, davon zu erfahren, ist extrem gegeben. Wenn man das alles nur abbildet, dann ist es nur zementierter Schmerz. Ja, es kann helfen, ihn zu teilen, ja, es kann andere Frauen ermutigen, ihren Schmerz zu teilen – und dann?

Was, wenn wir uns daran gewöhnen? Was, wenn sich die Idee immer weiter verfestigt, dass diese Art von Erlebnissen – ungefragt angefasst werden, widerliche Sprüche hören, vergewaltigt werden – eben zum Frausein dazugehört? Weil das ja so vielen passiert?

Perfekter Moment, um zu sagen: Heute weiß ich es besser

In den "Männerwelten" kommen Männer eigentlich nicht vor (außer ihre Penisse). Es bleiben Taten mit Opfer, ohne Täter. Aber Gewalt gegen Frauen ist kein Naturphänomen. Was ist mit der Gegenseite? Wer war das? Wie oft macht er das? Haben sie je darüber geredet? Bereut er es? Wurde er bestraft? Wenn ja, war er überrascht? Tut es ihm leid? Wenn ja, würde er andere davon abhalten, dasselbe zu tun wie er damals?

Als Reaktion auf den Film wurde oft auf ein Video von 2012 verwiesen, in dem Joko und Klaas (in deren Sendezeit "Männerwelten" stattfand), eine Wette laufen hatten, in der Joko Winterscheidt einer Hostess an Brüste und Hintern fassen sollte, und dies dann auch tat. Klaas Heufer-Umlauf, dessen Idee das gewesen war, fand das sehr lustig und machte Witze darüber, dass die Frau danach sicherlich "sechs Stunden unter der Dusche" stünde . Die beiden haben sich damals entschuldigt, und man könnte, wie andere prominente Männer, sagen, das ist jetzt aber auch ein paar Jahre her . Aber wie viel besser wäre "Männerwelten" gewesen, wenn diese Geschichte auch darin vorgekommen wäre?

Natürlich muss man nicht jeder öffentlichen Person jeden Fehler jahrelang hinterhertragen, aber wenn jemand gerade dabei ist, Ruhm und Dankbarkeit einzusammeln, wenn er mit einer Sendung genau das kritisiert, was er vor Kurzem noch selbst getan hat, dann kann man schon mal dran erinnern, dass es ein perfekter Moment gewesen wäre, zu sagen: Guckt mal, ich war auch mal so, und heute weiß ich es besser. (Wenn es denn so ist).

Was folgt aus der Erkenntnis, dass Frauen oft Gewalt widerfährt? Applaus von Politikern , für den Mut und die Offenheit, super, aber gleichzeitig tut sich Deutschland schwer mit der Istanbul-Konvention, und die Strafverfolgung von Gewalt gegen Frauen, ob verbal, körperlich oder digital, läuft mittelmäßig, gelinde gesagt. Auch: Applaus von Männern, die es eh schon geschnallt haben. Was nicht folgt: Das Bekenntnis von denen, die Frauen heute respektieren und den Weg dahin bereit sind zu zeigen. Es ändert sich nichts, solange Männer nicht ihr bisheriges Verhalten reflektieren, einander auf Fehler hinweisen und solange Täter mit "der ist halt so" entschuldigt werden.

Logik, das lieben Männer doch so, oder?

Nun könnte man sagen, ja vielleicht reflektieren sie das ja, aber man sieht es nicht. Klar. Aber man sollte es sehen können . Warum sollte man von Frauen erwarten, dass sie über Übergriffe sprechen, sich verletzlich zeigen, ihre Traumata vor Kameras ausbreiten, ihr Gesicht hinhalten, aber von Männern nicht? Wie viel Potenzial für Ehre und Respekt gäbe es jetzt für Männer, die sich bekennen, auch schon mal übergriffig gewesen zu sein, und Besserung geloben? Vermutung: viel.

Solange es so etwas nicht gibt, müssen wir dann davon ausgehen, dass es da draußen keine fünfzig Männer gibt, die öffentlich gestehen würden, einer Frau gegenüber mal übergriffig gewesen zu sein und dass es ihnen leidtut? Das kann man nicht erwarten, werden manche sagen, aber – warum? Zu feige, zu beschäftigt, zu unreflektiert?

Es wäre einfach der nächste logische Schritt, wenn wir Gewalt nicht nur abbilden, sondern bekämpfen wollen. Und Logik – das lieben Männer doch so, oder nicht? Rationales Geschlecht, dachte ich.