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MEDIZIN / SÄUGLINGS-STERBLICHKEIT Mär von Karotten

aus DER SPIEGEL 11/1968

Westdeutschlands Ärzte sind uneins darüber, wie viele Kinder kurz vor, während und nach der Geburt unter ihren Händen unnötigerweise sterben.

Fest steht: Gemessen an der Todesrate der Neugeborenen, zählt die Bundesrepublik zu den minderzivilisierten Ländern.

In Japan sterben 18, in Dänemark 17, in Schweden 12 von jeweils 1000 Kindern während des ersten Lebensjahres. Die schwedische Kindersterblichkeitsrate wird, wie der Düsseldorfer Gynäkologe Dr. Karl Arno Hüter formulierte, als das »zur Zeit Unvermeidliche angesehen«.

In der Bundesrepublik aber sind es fast doppelt so viele Kinder, die während der ersten zwölf Lebensmonate sterben: 23 von jeweils 1000 Lebendgeborenen.

Jedes Jahr sterben in der Bundesrepublik fast 25 000 Kinder vor ihrem ersten Geburtstag, nahezu 10 000 bereits am Tage der Geburt. Etwa jedes 33. Kind kommt tot zur Welt oder stirbt kurz nach der Geburt, in den Vereinigten Staaten oder in den Niederlanden hingegen nur etwa jedes 40. Kind.

Die Gründe für diesen Rückstand und Mißstand liegen klar zutage:

> Mangelnde Ausbildung und Fortbildung bei Gynäkologen und Hebammen. So bleiben beispielsweise moderne Untersuchungsmethoden, die es gestatten, lebensbedrohende Krankheiten des Kindes vor seiner Geburt zu erkennen, noch weithin ungenutzt.

> Mängel in der Organisation und Einrichtung von Entbindungsstationen. Hüter: »Es gibt zahlreiche unzureichend ausgestattete, vornehmlich kleine Geburtshilfeabteilungen«, und eben diese haben »die höchste Mütter- und Kindersterblichkeitsziffer«.

> Unzureichende Zusammenarbeit zwischen Gynäkologen und Kinderärzten. Der Berliner Gynäkologe Dr. Erich Saling: »Für das Neugeborene fühlt sich keiner verantwortlich.«

> Unzulängliche Vorsorgemaßnahmen bei Schwangeren. Die in Ländern wie Schweden und Holland schon weithin realisierte Forderung, daß Frauen während der ganzen Schwangerschaft jeden Monat einmal gründlich untersucht werden sollten, blieb in der Bundesrepublik bislang für zwei Drittel aller Frauen unerfüllt.

Seit Jahren wird Kritik in all diesen Punkten auf Gynäkologen- und Kinderärzte-Kongressen und in den Fachzeitschriften beider Disziplinen vorgebracht. Doch immer wieder stoßen Reformvorschläge auf den massiven Widerstand von ärztlichen Verbandsfunktionären. Grund: Deutschlands Kassenarztverbände fürchten, daß solche Reformen das Einkommen der frei praktizierenden Ärzte schmälern könnten.

So schmähte Dr. Gerhard König, Zweiter Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, die Vorhaltungen der fachkundigen Kritiker schlicht als »Polemik« und als »Diskriminierung der Leistungen der frei praktizierenden Ärzteschaft«.

Die neuerliche Kritik an ärztlichen Unzulänglichkeiten war im November letzten Jahres auf einem Kongreß der »Deutschen Gesellschaft für perinatale Medizin« vorgetragen worden, die sich eigens als Stoßtrupp gegen die zu hohe Mütter- und Kindersterblichkeit in der Bundesrepublik formiert hat**. Seither befehden sich die beiden feindlichen Ärztelager in den Spalten von Tageszeitungen und Standespresse.

Die Hauptsorge der reformfreudigen Mediziner gilt einem Zeitabschnitt im menschlichen Leben, der als besonders gefährdet gilt, aber bis vor wenigen Jahren dem rettenden Zugriff der Ärzte weitgehend entzogen war: In der perinatalen Periode -- zehn Tage vor und nach der Geburt -- sterben, wie auf dem Berliner Kongreß der Vorsitzende Saling erläuterte, »nahezu ebenso viele Menschen wie später im Alter

* Bei einer Vorlesung an der Medizinischen Akademie Düsseldorf.

** perinatal: Fachausdruck für die Zeitspanne von jeweils zehn Tagen vor und nach der Geburt (von griech. peri um herum und lat. natus = Geburt).

zwischen zwölf Monaten und 40 Jahren«. Zugleich aber, so Saling weiter, war dieser kritische Zeitraum noch bis vor kurzem »eines der rückständigsten Gebiete der Medizin« -- der Arzt wußte vom ungeborenen Kind nicht mehr, als er dem undeutlich hörbaren Herzschlag im Mutterleib entnehmen und aus dem Zustand der Mutter schließen konnte.

In den letzten Jahren freilich wurde eine Reihe von Verfahren entwickelt, die genauere Diagnosen und auch Behandlungen in dieser gefährlichen Phase erlauben. Saling selbst beispielsweise ersann Methoden zur Untersuchung des Fruchtwassers in den letzten Wochen der Schwangerschaft, die Rückschlüsse auf drohende Schädigungen des Kindes zulassen.

Der Berliner Gynäkologe entwickelte Verfahren zum raschen Blutaustausch nach der Geburt (etwa bei Blutunverträglichkeit zwischen Mutter und Kind) und erdachte ein Belebungsgerät (Klinikjargon: »Auferstehungsköfferchen") für Neugeborene. Kommentar des Erfinders: Wiederbelebungen dürfen nach gegenwärtigem Standard der Medizin nicht mehr »darin bestehen, das Kind mit dem Kopf nach unten ein bißchen hin und her zu schwenken, ihm auf den Po zu klopfen oder einen Finger in den Mund oder Anus zu stecken. Das britische Fachblatt »Archives of Disease in Childhood« beurteilte Salings Aktivitäten als »größten Fortschritt in der Geburtshilfe seit Erfindung der Geburtszange«.

Solche Errungenschaften wurden zum Beispiel in skandinavischen und amerikanischen Kliniken bald genutzt -- kaum in der Bundesrepublik.

Im Dezember letzten Jahres verbreitete die »Münchener Medizinische Wochenschrift« das Ergebnis einer Repräsentativbefragung, die Dr. Heinrich A. Krone, Leiter der Bamberger Staatlichen Frauenklinik, an nahezu 8000 Patientinnen vorgenommen hatte. Resultat: Nur wenig mehr als ein Drittel aller Schwangeren in der Bundesrepublik wird »ausreichend betreut«. Krone: »Der hohe Prozentsatz ungenügend betreuter Schwangerer ist in erster Linie auf mangelhaft durchgeführte ärztliche Untersuchungen zurückzuführen.«

Gänzlich ohne ärztliche Hilfe, das jedoch größtenteils wohl durch eigene Schuld, waren elf Prozent der befragten Frauen geblieben, wie Krone ermittelte. Von den Schwangeren. die einen Arzt konsultierten, wurde jede neunte nur äußerlich untersucht; bei jeder sechsten wurde nicht der Blutdruck gemessen, bei jeder fünften nicht der Urin analysiert. Jeweils zwei von drei Frauen wurden vom Arzt nicht einmal auf die Waage gestellt.

Solcher Sorglosigkeit schreiben es die Kritiker unter den Gynäkologen zu, daß in der Bundesrepublik die perinatale Sterblichkeit kaum geringer ist als zu Zeiten des letzten deutschen Kaisers.

Seit Jahren feilschen zwar etliche deutsche Ärzte um günstigere Vergleichszahlen gegenüber dem Ausland, weil angeblich deutsche und ausländische Statistiken nicht zu vergleichen seien. Auf Fortschritt drängende Gynäkologen indes, wie der Düsseldorf er Dr. Hüter, halten für ausgemacht, daß bundesdeutsche Geburtshelfer häufig weder mit der gebotenen Sorgfalt vorgehen noch die verfügbaren modernen Diagnose- und Behandlungsverfahren hinlänglich nutzen.

»Katastrophale Verhältnisse« konstatierte Kritiker Hüter auch für den Ausbildungsstand jener Geburtshelferinnen, die zumindest in Kleinstädten und Landgebieten noch einen Großteil der Haus-Entbindungen vornehmen: der Hebammen.

Doch auch Großstadt-Hebammen verbreiten mitunter längst überholte Ammenmär: Im Hamburger Elisabeth-Krankenhaus kommentierte die diensttuende Hebamme die gelbliche Hautfärbung eines Neugeborenen, die auf eine gefährliche Gelbsucht zurückzuführen war: »Da hat die Mama wohl viele Karotten gegessen.« Das Kind litt Schaden.

4000 Kinder jährlich, so die erschreckende Bilanz der Bundesrepublik, erleiden während oder gleich nach der Geburt Hirnschäden, die meist lebenslange Beeinträchtigung nach sich ziehen. Mindestens 50 Prozent dieser Schädigungen könnten nach Ansicht von Experten durch rechtzeitige Erkennung und Behandlung verhütet werden. Die Perinatal-Mediziner fordern dementsprechend, daß -- wie schon seit langem an vielen US-Kliniken -- bei jeder Geburt auch ein Kinderarzt anwesend sein soll. Nach dem gegenwärtigen Brauch wird er meist erst geholt, wenn es zu spät ist.

Aber so hoffnungslos zerstritten sind die beiden Lager im Kampf um Schwangeren- und Neugeborenen-Fürsorge, daß sich die Reformer einstweilen auf einen Katalog von Mindestforderungen beschränkten:

> Zehn bis zwölf Routine-Untersuchungen während der Schwangerschaft; Schulungskurse über die wichtigsten Verhaltensmaßregeln für Schwangere.

> Überweisung aller sogenannten Risikofälle -- Schwangere mit Stoffwechselleiden (etwa Diabetes), Herz-, Nieren- oder Leberleiden, Infektionskrankheiten, Blutunverträglichkeit, mit früheren oder zu erwartenden Geburtskomplikationen -- an den Facharzt oder eine Klinik.

> In den Entbindungsstationen sollen die Frauen schon während der Wehen dauernd überwacht, jede Geburt soll von einem Arzt geleitet werden. Ein vollständiges Operationsteam und ein Labor müßten jederzeit einsatzbereit sein.

> Ärzte und Kliniken sollen, wenn überdurchschnittlich viele der von ihnen behandelten Mütter und Kinder sterben, vor einem Ärzte-Kollegium Rechenschaft ablegen. Solche »interkollegialen Kontrollen« haben sich beispielsweise in den USA und in Kanada bewährt.

Die Möglichkeit, sich während der Schwangerschaft in ärztliche Kontrolle zu begeben, nehmen jetzt immerhin mehr westdeutsche Frauen wahr als noch vor einigen Jahren. Denn seit 1966 finden sich die Krankenkassen endlich bereit, die Kosten solcher Vorsorge-Untersuchungen zu erstatten.

Freilich, die Art, in der die Kassenärztlichen Vereinigungen die dieser Regelung zugrunde liegenden »Mutterschaftsrichtlinien« handhaben, führte zu einem neuen, grotesk anmutenden Mißstand: Weithin haben die Kassenärztlichen Vereinigungen es abgelehnt, Beratungsstellen in Kliniken an der Vergütung für Schwangeren-Vorsorge zu beteiligen.

Die Folge: Wohlausgerüstete Beratungsstellen für Schwangere, die etwa an deutschen Universitätskliniken schon eingerichtet worden waren, mußten wieder geschlossen werden.

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