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STARS Märchen aus Brooklyn

Mit ihrer Rolle einer verliebten Witwe in Norman Jewisons »Mondsüchtig« hat sich der einstige Popstar Cher als Kino-Komödiantin etabliert. *
aus DER SPIEGEL 12/1988

Sie ist schön, märchenhaft schön. Gleich drei Feen haben sich um die angegraute Loretta Castorini bemüht, drei Angestellte eines Schönheitssalons in Brooklyn, die ihren Job verstehen: Vor aller Augen verwandelt sich die lustlose Witwe in Cinderella. Alles ist wie im Märchen: Die Prinzessin bekonmt ihren Prinzen, und die Nächte in Little Italy sind silbern verklärt durch einen riesigen, prallen Mond. »La bella luna«, sagen die Castorinis, sizilianische Einwanderer, »wenn der Mond scheint, dann gehen die Männer zu den Frauen, und sie lieben sich.« Und die Liebe verwandelt sie alle.

Norman Jewisons Film »Mondsüchtig« ist die wohl schönste und leichteste Komödie des Jahres. Scheinbar mühelos brilliert in ihr eine Schauspielerin, die bis dahin, in den Augen der Hollywood-Moguln, das Handicap hatte, Megastar einer anderen Branche zu sein: Cher, das Zebra aus der Menagerie der Popkultur. Mit »Mondsüchtig« verwandelt sich Cher, das Produkt, endgültig in Cher, die Schauspielerin. Sie selbst sieht das wohl ähnlich. »Der erste Film«, sagte sie, »den ich mir hinterher anschauen konnte, ohne kotzen zu müssen.«

Cherilyn Sarkisian, eine Überlebende der sechziger Jahre, die den Sprung in die achtziger geschafft hat. Ihr Lebenslauf liest sich wie die Blaupause der Popkultur. Ihre Biographie und die Teenager- und Life-Style-Revolutionen der Nachkriegszeit liefen synchron.

Mit 16 brannte sie, Tochter einer Cherokee-Indianerin und eines armenischen Alkoholikers, von zu Hause durch. In Phil Spectors legendärem Plattenstudio, Anfang der sechziger Jahre, traf sie Sonny Bono, einen Gelegenheitsarbeiter, der nebenher Songs schrieb. Ihr erster Hit »I got you Babe« verkaufte sich viermillionenmal. Mit ihrem Zottellook, den Junkkostümen aus Perlen, Fellen, bunten Hemden, gehörten »Sonny & Cher« zu den ersten Ikonen der Flowerpower-Generation.

Anfang der siebziger Jahre, als der Verkaufsschlager »Hippie« ausgereizt war und ihre Ehe mit Sonny gescheitert, emigrierte Cher nicht, wie viele andere, in den Drogentod, sondern ins Fernsehen und nach Las Vegas, ins Neon-Museum der Entertainment-Dinosaurier. Cher, das Konzept, wurde geboren, ein synthetisches Produkt wie Warhols Suppendose: Elf Kostümwechsel pro Show brachten ihr 350 000 Dollar in der Woche. Sie hätte so, als weiblicher Liberace, überwintern können von facelifting zu facelifting, bis in alle Ewigkeit. »Ich verstehe sehr gut, wie völlig mittelmäßige Begabungen berühmt sein können. Ich selber war es, wer weiß wie oft, bevor ich versucht habe, irgendwas wirklich gut zu machen.«

Sie war smart genug, das Spiel zu begreifen. Und viel zu ehrgeizig, um nach seinen Regeln zu leben. Sie wollte Schauspielerin werden, pfiff auf Las Vegas und ihren ägyptischen Hollywood-Traum-Bungalow. Sie ging nach New York, spielte für 500 Dollar die Woche am Broadway, sprach vor, biß sich durch. Und kreierte eine neue Person, die zu den Kulturmythen der achtziger Jahre gehört: das Biest, das nach eigenen Regeln lebt.

Zu diesen Regeln gehören nicht zuletzt wesentlich jüngere Begleiter. Ihr jetziger Freund war noch ein Baby, als sie durch »I got you Babe« bereits ein

Star war, ein hübscher Barkeeper, der obendrein noch gut küssen kann. »Wieder einmal hat sich meine Faustregel bestätigt«, sagte sie, »nämlich, daß wer gut küssen kann, auch einfach gut bumst.«

Klar, daß Cher für solche Sprüche vom Publikum nicht gerade geliebt wurde. Als ihr Name im Vorspann des Sozialdramas »Silkwood« über die Leinwand lief, johlte das Preview-Publikum gehässig. Kurz darauf wurde sie für ihre gar nicht glamouröse Nebenrolle als lesbische Freundin der Silkwood Meryl Streep für den Oscar nominiert.

In Peter Bogdanovichs Freak-Movie »Die Maske« spielt sie wieder eine Kämpfende: Sie kämpft gegen die Vorurteile ihrer Umwelt, kämpft um ihr behindertes Kind, eine drogensüchtige Jeanne d''Arc der Hippierevolte, die für Ideale ficht, die nicht den Sprung ins Reagan-Jahrzehnt geschafft haben: Toleranz, Friedfertigkeit, freie Liebe. Mittlerweile hatte sich auch bei Kritikern herumgesprochen, daß Cher mehr ist als ein extravaganter Kleiderständer aus der Hollywood-Aristokratie: Auf dem Cannes-Film-Festival wurde sie als beste Darstellerin für »Die Maske« ausgezeichnet.

In diesem Jahr will sie es auch den Geldleuten beweisen: Sie spielt um das Zauberwort »Bankability«. Wer »Bankability« hat, hat es geschafft. Er ist Zugnummer. Er garantiert Kasse. Clint Eastwood hat es und Eddie Murphy und vielleicht Meryl Streep. Drei Filme hat Cher in 18 Monaten gedreht, und alle laufen zur Zeit in den Kinos.

Neben Jack Nicholson spielte sie in der Okkult-Satire »Die Hexen von Eastwick«, einem Film, an dem sie von Anfang an nur die Tatsache mochte, daß sie neben Jack Nicholson spielte. Die Produzenten mochten ihn, weil er bisher über 65 Millionen Dollar einspielte.

Kurz darauf kam Peter Yates'' Gerichtssaal-Thriller »Suspect«, den der Regisseur für seinen »besten Film seit ''Bullitt''« hält. Nicht zuletzt wegen Cher. »Sie brachte eine phantastische Nüchternheit ein, eine Lakonik, die früher nur Steve McQueen gehabt hat.«

Am Tag, als die letzte Klappe gefallen war, flog Cher nach New York, um mit den Dreharbeiten zu »Mondsüchtig« zu beginnen. Sie ging auf Regisseur Norman Jewison zu, baute sich vor ihm auf, schaute ihm in die Augen: »Sie wissen, daß ich ein harter Brocken bin« - Auftakt zu einer wundervollen Komödie.

Cher ist Loretta Castorini, eine 37jährige Witwe mit angegrautem Scheitel, temperamentvoll bis in die Fingerspitzen, ernüchtert vom Leben und von der Liebe. Sie entschließt sich zur Vernunftehe mit Johnny, einem netten, etablierten Trottel. »Liebst du ihn?« fragt ihre Mutter. »Nein«, sagt sie. »Das ist gut«, sagt die Alte, »denn wenn du es tust, machen sie dich wahnsinnig.«

Alle wollen sie vernünftig sein, und alle verwandeln sich in diesem Winternachtstraum in Little Italy, das der Mond durchglänzt, als wäre es Shakespeares Ardenner Wald. Loretta verliebt sich in Johnnys jüngeren Bruder, Ronny, einen Bäcker, den das Leben ähnlich unzart angefaßt hat. Sie wehrt sich mit Händen und Füßen gegen das Wunder, das ihr geschieht, sie klammert sich an die Vernunft, während ihre Reserven schmelzen, und am Morgen nach dieser verrückten Nacht, mit Vollmond und Schwüren im Bett und Puccinis »Boheme«, läuft sie mit ihren roten Cinderella-Schuhen über das graue Pflaster von Brooklyn, kickt eine leere Bierdose und breitet die Arme aus wie ein Schmetterling, der davonfliegt. So leicht, so temperamentvoll und traurig und komisch war sie nie zuvor: Cher - der Kinostar.

Als sie 1986 zur Oscar-Verleihung erschien, kam sie in einer schwarzen Lederkombination und sah aus wie Frankensteins Braut. Sie war sauer, weil sie für den Film »Die Maske« nicht nominiert worden war. Dieses Jahr kann sie das Horrorkostüm im Schrank lassen, sie hat ihre Nominierung bereits. _(Bei Probeaufnahmen zu »Wetten, daß ... » )

Bei Probeaufnahmen zu »Wetten, daß ... »

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