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PHILOSOPHEN Märchen des Geistes

Unter Kollegen galt er als Schlitzohr. Nun ist das Vermächtnis Paul Feyerabends erschienen: eine philosophische Plauderei in vier Vorlesungen.
aus DER SPIEGEL 7/1999

Vernunft war für ihn »nix anderes als eine eingefrorene Leidenschaft«, und um die aufzutauen, war ihm fast jedes Mittel recht. Kollegen schockierte der kriegsverletzte, auf eine Krücke angewiesene Denker, als er sie in den siebziger Jahren mit einem Vers von Cole Porter abservierte: »Anything goes«, methodisch sei einfach »alles brauchbar«, Vernunft oder Magie, Wetter-Computer so gut wie Regentänze.

War Paul Feyerabend durchgedreht? Schüler des legendären Karl Popper, Professor auf einem angesehenen Philosophie-Lehrstuhl der Universität Berkeley, hochgelobter Fachmann für Logik und Wissenschaftstheorie, und dann tut der Mann nichts anderes, als alle Standards über den Haufen zu werfen. »Wider den Methodenzwang« nannte er ein Buch, »Erkenntnis für freie Menschen« das nächste - seither galt Feyerabend (1924 bis 1994) als Elefant im Porzellanladen der theoriebesessenen Rationalisten.

Erst gegen Ende seines Lebens, als Feyerabends anti-systematische Sätze immer deutlicher der zersplitterten Wirklichkeit entsprachen, konnten jüngere Denker mit seinen Attacken auf den Vernunftglauben wieder etwas anfangen. Eine witzigmelancholische Autobiographie (Titel: »Zeitverschwendung") und Briefe bewiesen, daß der gebürtige Wiener kein bloßer Schalk war (SPIEGEL 28/1995). Und nun zeigen Vorlesungen, die er auf Einladung von Soziologen im norditalienischen Trient gehalten hat, noch mehr: Hinter dem Gedankenspieler Feyerabend steckte ein lebenslang Neugieriger, der nichts so haßte wie öde, selbstsichere Predigten*.

Dabei klingen die Überschriften seiner vier Plaudereien, als werde es gleich fürchterlich abstrakt: »Realität und Geschichte«, »Wissenschaft und Fortschritt«, »Theorie und Praxis«, »Wahrheit und Erfah-

* Paul Feyerabend: »Widerstreit und Harmonie«. Trentiner Vorlesungen. Passagen Verlag, Wien; 176 Seiten; 38 Mark.

rung« - fehlte nur noch, à la Martin Heidegger, »Sein und Zeit«. Doch die einschüchternden Etiketten täuschen. Feyerabend wünschte sich vor allem, daß seine Hörer die hehren Ideen »etwas entspannter angehen« sollten.

Munter fragt er los: Ist Geschichte »ein wahnsinniger Flickenteppich von Geschehnissen«? Gleicht die menschliche Natur »einem Einkaufswagen«, in dem »verschiedene Waren nebeneinander liegen, manche göttlich und manche monströs«? Woher stammen die gedanklichen »Gräben« zwischen angeblich objektiven Urteilen und Lust, Ekel oder Fanatismus? Wer weiß Sicheres über den Urknall, die »Bestialität« des Menschen oder die Grundlagen des Denkens? Überhaupt: »Wen sollen wir zu unseren Lehrern machen?«

Philosophen schneiden bei dem Rundblick schlecht ab. Schon der Grieche Xenophanes, der lange vor Sokrates lebte, war laut Feyerabend zwar ein erstaunlich frecher »Kulturkritiker«, aber mit seiner Lehre hapert es.

Er nahm an, daß es nur ein göttliches Wesen gebe. Es, oder vielmehr Er (natürlich war es ein Er), war reines Denken. Keine Gefühle, keine Leidenschaften, gewiß kein Humor. Zum Ausgleich war Er allmächtig. Er war auch sehr faul - »Er geht nicht bald hierhin, bald dorthin, sondern bewegt alles, was es gibt, durch die Macht seines Denkens«, sagt Xenophanes. Das ist niemand, den ich würde kennenlernen wollen.

Zu viel Abstraktion, zu wenig Weltgehalt: Für Feyerabend reicht solch »schrittweise Versteinerung des Lebens« durch die Denker bis in die Gegenwart. Selbst die Grundannahme heutiger Teilchenphysiker, daß alle Bausteine der Welt irgendwie von einer »tieferen Einheit« zusammengehalten würden, beeindruckt ihn wenig. Lebenslang lustvoller Forschungs-Anarchist, warnt er ein letztes Mal: Niemand müsse sich seiner Ansichten schämen, auch wenn andere sie als unvernünftig abkanzelten. Ein brauchbares Weltbild für den Alltag sei in jedem Fall besser als die »PR der Wissenschaftsmafia«.

Woher aber soll das eigene Weltbild kommen? Als Wegweiser kann sich der Skeptiker Feyerabend nicht mehr betätigen. Und doch schimmern, während er von Galilei, Einstein oder Dr. Mabuse spricht, einige Hinweise durch. Etwa auf den weisen Pythagoras, der laut Feyerabend jedes Wissen daran maß, ob es »die Seele auf der rechten Bahn« halte. Oder auf den Astronomen, der 1943, als Los Angeles aus Furcht vor japanischen Bombenangriffen verdunkelt war, mit seinem Spiegelteleskop auf dem Mount Palomar besonders präzise, von Streulicht freie Bilder machte - mit dem »unausdrücklichen Wissen« des guten Handwerkers.

Wie ein Handwerker des Geistes stellt sich Feyerabend auch selbst dar: Wissen ist für ihn mehr als Information und Theorie. Im Umgang mit der Welt braucht es ebensosehr »praktische, beinahe körperliche Fähigkeiten«. Und da die nur vorgelebt werden können, hat er in diesen Vorlesungen einen Anfang gemacht - indem er nicht systematisch dozierte, sondern erzählte.

»Eine systematische Darstellung reißt Ideen aus dem Boden, der sie wachsen ließ, und ordnet sie einem künstlichen Schema ein«, bemerkt er gleich zu Anfang. Auffällig daran ist für Feyerabend nur der Macht-Effekt. Aber an Macht, vielleicht gar ideologischer Macht, liegt ihm, dem Ideen-Vagabunden, nichts. Darum erzählt er »Märchen, die ich um einige Ereignisse herum spinne«.

Ist das die Aufgabe eines Philosophen? Selbst dies überläßt der sympathische Filou seinen Lesern. »Märchen zu hören, ist vielleicht nicht Ihre Sache - Sie wollen vielleicht DIE WAHRHEIT hören. Nun, wenn Sie das wollen, dann sollten Sie besser woanders hingehen - nur, bei meinem Leben, ich kann nicht sagen, wohin genau Sie da gehen müßten.« So ehrlich kann nur jemand sein, der wirklich Spaß am Denken hatte. JOHANNES SALTZWEDEL

* Paul Feyerabend: »Widerstreit und Harmonie«. TrentinerVorlesungen. Passagen Verlag, Wien; 176 Seiten; 38 Mark.

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