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Märchenbilder, Todesbilder

Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 21/1990

Ein kleiner japanischer Junge tritt aus dem Tor vor seinem Vaterhaus - eben ist ein Frühjahrsgewitter niedergegangen, die Sonne bricht durch -, und er läuft in den Wald, obwohl man ihm das strikt verboten hat. Heimlich will er auf einer Lichtung das Paarungsritual der Füchse beobachten, eine bizarr gemessene Tanzprozession maskierter Gestalten zu Flötenmusik.

Als der Junge nach Hause kommt, erwartet ihn vor dem Tor seine Mutter, Tränen im Blick. Er habe sein Leben verwirkt, sagt sie ihm, denn die Füchse sind natürlich Dämonen, mit denen sich nicht spaßen läßt. Sie überreicht ihm das Messer, mit dem er Harakiri begehen soll, und verschließt das hohe hölzerne Tor. Tapfer marschiert der Kleine zurück in den Wald, und dort erwartet ihn ein anderes Wunder als der Tod.

Ein Märchen, ein Angst-Lust-Traum von Neugier und Strafe, der sich gnädig löst. Der kleine Junge heißt Akira Kurosawa, der Familienname ist am rechten Torpfosten zu lesen. Akira Kurosawa erinnert sich nicht, wann er das geträumt hat (gewiß nicht als fünfjähriger Junge, sondern viel später), doch es ist einer jener Träume, an die er sich besonders eindringlich erinnert. »Seltsam«, sagt er mit einem Lachen, als wäre da etwas zu entschuldigen, »man hält mich für einen Menschen von militärischer Disziplin. Meine Mitarbeiter aber wissen, daß ich ein großer Träumer bin. Oft, wenn ich morgens am Drehort ankomme, erzähle ich ihnen als erstes, was ich geträumt habe. Ich muß es einfach erzählen. Die meisten Träume vergesse ich dann sehr rasch, aber manche, ich weiß auch nicht warum, haben mich nie losgelassen und durch mein Leben verfolgt.«

In seinem 80. Lebensjahr hat Akira Kurosawa aus acht dieser unergründlich beharrlichen Träume einen Film gemacht. Er hat sie so genau in Szene gesetzt, wie sein Gedächtnis es erlaubte, hat also für den ersten, der von der Hochzeit der Füchse erzählt, nach alten Fotos akkurat die Front seines Vaterhauses rekonstruiert, doch er hat diese Träume zugleich, unausweichlich, in kostbare Kunstwerke verwandelt: Selbst der Wald aus gigantischen Zedern, durch den der kleine Junge pirscht, wirkt wie von Meisterhand angelegt, und jede Bildkomposition zeigt ihre Delikatesse. Kurosawa hat auch Gelände einfärben lassen und, einer genauen Naturstimmung zuliebe, mit den Bauern eines Dorfes schon ein Jahr vor Drehbeginn ausgehandelt, mit welchem Getreide sie ihre Felder bestellen sollten. Die Verwirklichung eines Traums, im strengen Wortsinn, verlangt strengste Kunst.

Seinen 80. Geburtstag hat Kurosawa, der sich so sehr als Japaner fühlt, daß er sein Land noch nie ohne zwingenden Grund verlassen hat, in der Fremde gefeiert, in Los Angeles. Er ist mit seinem ältesten Sohn und seinem Neffen, die die Familien-Filmfirma in Jokohama leiten, in ein Japan-Restaurant essen gegangen, spätabends im Hotelzimmer hat er den Fernseher angeknipst, und da lief sein berühmter Film »Die sieben Samurai« von 1954. »Ich habe ein paar Szenen lang zugeschaut, und dabei ist mir etwas aufgefallen: Die Darsteller der drei Samurai, die im Film überleben, sind danach, noch jung, gestorben, die Darsteller der vier Samurai aber, die im Film sterben, sind gesund und glücklich alt geworden.« Das Spiel von Kino und Wirklichkeit ist für Kurosawa immer ein Spiel auf Leben und Tod.

Am Tag nach seinem 80. Geburtstag sitzt er in seinem kleinen Hotel-Salon, ein kräftiger Riese, der wie ein 60jähriger wirkt, trinkt schwarzen Kaffee, raucht schwarze Zigaretten und kehrt, weil er nicht wahrhaben will, wie ungern er Interviews gibt, alle Freundlichkeit hervor. Nur die erste Frage bleibt offen: Was er in dieser Nacht geträumt hat, ist schon vergessen. Und auf die letzte Frage, ob sein Leben mehr durch die großen Erfolge oder die schweren Niederlagen geprägt worden sei, antwortet er zögernd: »Ich weiß es nicht, wirklich, ich weiß es nicht.« An seinen Handgelenken sind die Narben zu sehen, wo er sich vor bald 19 Jahren die Pulsadern aufgeschlitzt hat.

Er hat Freunde und Gönner in Hollywood, die bewundernd zu ihm aufblicken (Coppola, Scorsese, Spielberg, Lucas), aber Hollywood ist ihm fremd. Hier hat er Siege gefeiert, mit dem Oscar 1951 für »Rashomon« begann sein Weltruhm, und hier hat er jene bitteren Fehlschläge erlitten, die ihn 1971 mit an den Rand des Selbstmords trieben: Jahre vertaner Arbeit an zwei großen Projekten, die dann, eins ums andere, von Hollywood-Bossen liquidiert wurden.

Der zwingende Grund, noch einmal hierher zu kommen, ist die Feier am übernächsten Tag: Da nimmt der große Alte, flankiert von den Goldjungen Spielberg und Lucas, deren Finanzmacht seine »Träume« ermöglicht hat, einen Ehren-Oscar für sein Lebenswerk in Empfang. Und weil er nun etwas sagen muß, sagt er: »Ich glaube, ich habe das Wesen der Filmkunst noch nicht wirklich ergründet, aber ich träume davon, ihm Schritt für Schritt näher zu kommen.«

Träume und Kunst-Träume. »Wenn der Mensch träumt, ist er ein Genie«, sagt Kurosawa. In jener Schattenzone, in der die tiefsten, »die reinsten und die verzweifeltsten Wünsche« Gestalt annehmen, sieht er den Ursprung von Mythen und Märchen, der Ursprung der künstlerischen Kreativität.

Natürlich kennt er die Schlüsselrolle von Träumen in der Bibel, in antiken Dichtungen, bei Shakespeare oder in den klassisch-japanischen No-Dramen. »Aber das sind keine echten Träume. Sie sind prophetisch oder sie enthüllen ein Geheimnis. Echte Träume, wie die, aus denen ich meinen Film gemacht habe, sind bei aller Intensität vieldeutig und bleiben rätselhaft.«

Die berühmten Traum-Sequenzen der Kino-Geschichte, etwa von Lang, Bunuel, Hitchcock, Bergman, sind ihm natürlich geläufig; ungewöhnlich an seinem Film scheint, daß er den Träumen keine Wach-Welt entgegensetzt, keine Realität. Aber auch das, meint Kurosawa, sei nicht wirklich neu; er erinnere sich, als Junge einen amerikanischen Stummfilm gesehen zu haben, der aus einem einzigen Traum bestand.

Sein Gedächtnis ist scharf, und für ihn als Jungen war das Kino ein Traum-Ort. Sein Vater, Berufsoffizier aus altem Samurai-Geschlecht und später Hochschullehrer für Kampfsport, frönte einer ganz unmilitärischen Film-Liebe und nahm seine beiden Jüngsten, Heigo und Akira, oft mit ins Kino. Heigo, der vier Jahre Ältere, ergriff den Beruf jener »Filmerzähler«, die damals in Asien die stummen Bilder erklärten und durch ihre dramatisierende Kunst manchmal selber eine Art Star wurden. Heigo betätigte sich als Filmtheoretiker und wollte Regisseur werden. 1933, als auch in Japan der Tonfilm gesiegt hatte, beging er Selbstmord.

Der Schatten dieses bewunderten Toten stand über Akiras Weg zum Film; bis dahin hatte er Maler werden wollen, nun trat er, gewissermaßen an Heigos Stelle, in Japans straff hierarchisch organisierte Kino-Industrie ein und stieg Schrittchen um Schrittchen empor. Nach sechs Lehrjahren, 1942, durfte er seinen ersten eigenen Film in Angriff nehmen, ein Samurai-Spektakel, dem noch viele folgten. Auf ihnen gründet sein Ruhm, sie haben ihn zum letzten legendären Großmeister des Historienfreskos gemacht, zum Lenker rauschhafter und grauenvoller Feldschlachten, die in der Filmgeschichte kaum ihresgleichen haben.

Daß er mit 80 Jahren herabgestiegen ist von seinem Feldherrenhügel, daß er in sich gegangen ist und einen Film über sich selbst gemacht hat - das ist die letzte große Überraschung, die er seinem Publikum bereitet. Sein Film, eigensinnig und überwältigend reich an Formen und Farben, sei »eine Folge von acht Selbstporträts«, sagt Kurosawa, und er hat sie einer Lebenschronologie von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zugeordnet.

Der Kindheit und Jugend folgt die Abenteuerlust des jungen Mannes, dann der Krieg, die künstlerische Berufung (der angehende Maler Akira sucht, auf einem Kornfeld bei Auvers, Rat bei Vincent van Gogh), der atomare Alptraum der Nachkriegszeit (sechs explodierende Kernkraftwerke bringen den heiligen Berg Fudschi zum Schmelzen), dann eine schaurige Endzeit-Vision und zum Abschluß ein heiter-idyllisches Totenfest, das zum philosophischen Gleichnis wird, zur Klage um die von der Menschheit verwüstete Harmonie der Schöpfung. Keine Episode, die nicht vom Tod handelt; was Kurosawa ihm entgegensetzt, ist die Klarheit, die Schönheit seiner Bilder.

Anfang Mai hat er noch einmal eine lange Reise auf sich genommen, wohl oder übel: Zur Eröffnung der Festspiele in Cannes wurden seine »Träume« uraufgeführt. Doch er hatte es eilig, wieder nach Hause zu kommen.

Kurosawa liebt sein Japan, und hätte der Kaiser 1945 den »Heldentod der hundert Millionen« befohlen, dann - Kurosawa sagt es noch heute ganz gelassen - hätte er den Selbstmordbefehl vollstreckt. Doch sein geliebtes Japan ist nicht das wirkliche, und das wirkliche hat ihn bitter enttäuscht. Aller Weltruhm entschädigt ihn nicht für die Geringschätzung in seiner Heimat, für den Mißerfolg besonders jener Filme, die sich mit Japans Gegenwart auseinandersetzten. Nicht nur Hollywood-Sturköpfe, auch das Kassenfiasko des letzten dieser Filme, des düsteren Vier-Stunden-Werks »Dodeskaden«, 1970, trieb ihn damals (wie er das heute umschreibt) in den »Todeswahnsinn«.

In den vergangenen 25 Jahren hat er nur alle fünf Jahre einen Film machen können, und das Geld mußte er in Europa und den USA auftreiben: »Im heutigen Japan werden Künstler verachtet.« Seine »Träume«, die er selbst nicht deuten will, gehören der Welt, und er ist heimgekehrt, um einen Film über das voll rationalisierte, voll elektronisierte, voll entseelte Japan der Gegenwart zu beginnen. Der Riese hat mit seinem Vaterland noch eine Rechnung offen. f

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