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Goethe-Institut Mafia des Mittelmaßes

Kleine Palastrevolte im Goethe-Institut: Die Besetzung des Pariser Postens verstärkt den Ruf nach einer gründlichen Reform.
aus DER SPIEGEL 31/1991

Als französische Rundfunkreporter jüngst das Herrenfinale aus Wimbledon kommentierten, verschmatzten sie den Nachnamen des neuen Tennis-Helden, Stich, regelmäßig zu dem Spritzlaut »Stitsch«. Auch wenn er darin keine der »immer noch üblichen« antideutschen Sticheleien vernehmen mag, fühlt sich Georg Lechner, 57, wieder einmal bestätigt - er, der seit fünf Jahren in Paris für deutsche Sprache und Kultur wirbt, spricht nur zögernd, fast ängstlich über die »Erfolge« der eigenen Arbeit. Die halbwegs korrekte Aussprache der Namen aus dem Nachbarland gehört anscheinend zu den utopischen Zügen deutsch-französischer Verständigung.

Lechner räumt im Juli des nächsten Jahres seinen Posten als Leiter des Pariser Goethe-Instituts. Er hat zwar Gründe genug, stolz zu sein: Rund 4000 Studenten im Jahr belegen zur Zeit allein im Institut der französischen Hauptstadt die deutschen Sprachkurse, hinzu kommen Deutsch-Lernende an sechs weiteren Goethe-Instituten in Frankreich - so viele wie noch nie zuvor. Doch wenn er das höchst effektive Engagement der Franzosen in Deutschland - mit 24 französischen Kulturhäusern - damit vergleicht, fällt ihm das berufsbedingte Selbstlob ausnahmsweise schwer. Da klagt er vehement über eine »unverantwortbare Unausgeglichenheit« der kulturpolitischen Bemühungen hüben und drüben.

Lechner war und ist in seinem Pariser Amt so unbequem und aktiv wie kaum einer seiner Vorgänger. Zusammen mit den französischen Instituten in Deutschland erarbeitet er im Jahr vier bis fünf gemeinsame Projekte - intelligente, zuweilen auch mutig linkslastige Symposien, informative Wanderausstellungen, wie »Das Bild des Nachbarn«, originelle Filmreihen, Bücher, wie die Essay-Sammlung über den Unterschied von »esprit« und Geist.

Das zweiwöchige Kolloquium »Brecht nach dem Fall der Mauer«, das er vorigen Herbst in Paris veranstaltet hat, war ein Riesenerfolg. Die Wuppertaler Tanzfee Pina Bausch puschte er durch hartnäckig wiederholte Einladungen hoch zu einer »Leitfigur deutscher Kultur«, wie er sagt - mit Recht.

Grundsätzlich hat all dies an der tief verwurzelten Neigung der Galloromanen wenig geändert, Gott für einen Franzosen zu halten und den Teufel eher rechtsrheinisch anzusiedeln. Das Mißtrauen, das vereinigte Deutschland werde sich stärker dem Osten zuwenden und Frankreich vernachlässigen, nährt jetzt neue Aversionen. Daraus folgert Lechner: Die große historische Herausforderung, vor der die Goethe-Institute durch die Öffnung und mögliche Integration Osteuropas stehen, erfordert gerade bei den schwierigen Freunden im Westen eine besondere Sensibilität.

Die Aussichten, daß dies einigermaßen gelingt, sind nicht besonders rosig. Lechners Nachfolger auf dem heiklen Pariser Stuhl wird Klaus-Peter Roos, 55. Er war bis 1. Juli stellvertretender Generalsekretär in der Münchner Institutszentrale.

Roos gilt als wackerer Verwalter, spricht gut Französisch - er ist mit einer _(* Vor dem Goethe-Institut in Paris. ) Französin verheiratet - und erreicht so wenigstens jenes minimale Klassenziel, von dem etliche andere Direktoren ausländischer Goethe-Filialen meilenweit entfernt sind, von Budapest bis Tokio. Aber eine Persönlichkeit wie Lechner, der das von ihm Vermittelte auch lebendig repräsentiert, scheint Roos nicht zu sein. In Institutskreisen wird dem kontaktfreudigen Presse- und Sponsorship-Virtuosen nachgesagt, er sei intellektuell so profiliert, daß er »nicht einmal einen Schatten« werfe.

Der Fall ist symptomatisch für die Personalmisere einer Institution, die mehr und mehr den medienschlauen, aber farblosen Managertyp bevorzugt. Er schweift weniger aus intellektueller Neugierde als wegen der beträchtlichen Auslandszulagen in die Ferne. Sprache und Kulturgeschichte des Gastlandes sind ihm in der Regel gleichgültig. Diese Misere ist der Hintergrund einer kleinen Palastrevolte wider die palastintern häufig gegeißelte »Mafia des Mittelmaßes«.

Fünf angesehene Institutsleiter haben ein kritisches Reformpapier formuliert, das unter anderem bessere Aufstiegschancen für kreative Außenseiter und Seiten-Einsteiger verlangt - eine Kampfansage an die übliche Ochsentour-Karriere. Das bislang geheimgehaltene Dokument des Ungehorsams wird in diesen Tagen dem Präsidium in München vorgelegt.

Insider sind gespannt darauf, wie wohl der harmoniesüchtige Präsident des Instituts, Hans Heigert, auf das Unruhe-Papier von unten reagieren wird. Heigert ist selber ein Seiten-Einsteiger: Vor seinem Goethe-Amt, das er 1989 übernahm, hatte er die Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung geleitet. o

* Vor dem Goethe-Institut in Paris.

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