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MALEREI / LÉGER Magische Hoheit

aus DER SPIEGEL 34/1967

Nachdem der Franzose Fernand Léger seinen Schlüsselbund abgemalt hatte, wußte er nicht weiter ihm fehlte ein Kontrastmotiv.

Dem Ratlosen half der Zufall: In einer Arbeitspause stieß Leger auf eine Postkartenreproduktion der Mona Lisa. Er malte die Renaissance-Dame ("Für mich ein Gegenstand wie alle anderen") neben die Schlüssel und fügte noch eine Sardinenbüchse hinzu. Der Künstler später über die Potpourri-Komposition: »Es ist ein Bild, das ich gern anschaue, ich verkaufe es nicht.«

Das Lieblingsbild ist auch 37 Jahre nach seiner Entstehung und zwölf Jahre nach dem Tod des Malers noch unverkauft -- es gehört zum Leger-Nachlaß, der im »Musée Fernand Leger« im Provence-Ort Biot gehütet wird und aus dem jetzt erstmals ein geschlossener Bestand in Deutschland ausgestellt ist. Bis zum 10. September zeigt die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden 20 Gemälde (darunter »Mona Lisa mit den Schlüsseln") sowie 79 Gouachen und Zeichnungen aus Biot.

Der Überblick -- die größte deutsche Leger-Ausstellung seit zehn Jahren -- kommt zur rechten Zeit; denn der nüchterne Gegenstandsmaler ist neuerdings, von jungen Künstlern verehrt und ausgebeutet, so aktuell wie nie zuvor.

So sind Légers penible Darstellungen banaler Umweltdinge zu Vor-Bildern der Pop-Art geworden; seine Kompositionen aus roboterähnlichen Menschengestalten haben die sogenannte Neue Figuration angeregt; und die bunten Streifen, mit denen Leger bisweilen seine Gemälde überzog, inspirierten die geometrische Flächenfärbung der »Hard Edge«-Malerei.

So vielfältige Nachwirkungen übt nun ein Künstler aus, der zwar längst theoretisch gewürdigt worden war, dessen Einfluß aber zunächst fast ganz auf die Gebrauchsgraphik beschränkt blieb. Denn der Bauernsohn aus der Normandie -- 1881 geboren, im gleichen Jahr wie Picasso -- war eher ein Einzelgänger und hatte sich früh von den avantgardistischen Maiweisen seiner Epoche abgewandt.

Wohl hatte Leger, der seit 1900 in Paris lebte, vor dem Ersten Weltkrieg eine Weile kubistisch und abstrakt gearbeitet. Doch angeregt von seinem Freund, dem malenden Zollbeamten Henri Rousseau, entdeckte er bald eine »magische Hoheit der Dingwelt« (so der Kunsthistoriker Werner Haftmann).

Magische Faszination empfand der Maler besonders vor Gegenständen aus Metall. So begeisterte er sich in einer Luftfahrtausstellung, die er mit dem Dada-Vorläufer Marcel Duchamp besuchte, für Flugzeugpropeller und empfand: »Mein Gott, was für ein Wunder!«

Ein ähnliches Erlebnis hatte Leger in der »überpoetischen Atmosphäre« des Weltkriegs -- als Pionier ließ er sich vom »Glanz einer 7,5-Zentimeter-Kanone« blenden. Der »Zauber des Lichts auf dem blanken Metall«, gestand der Maler, »genügte, um mich die abstrakte Kunst der Jahre 1912/13 vergessen zu lassen«.

Dennoch nutzte Leger Erfahrungen seiner kubistischen Periode, als er nach Kriegsende begann, Maschinenteile ("Das schöne Sujet von heute besteht in der schönen Maschine") als Symbole der modernen Arbeitswelt darzustellen: Er vereinfachte Räder, Kolben und Röhren zu stereometrischen Formen und ordnete sie in präzisen Kompositionen.

Neben Maschinenteilen malte Léger dann auch andere, isolierte Gegenstände wie Hüte, Schlüssel oder Löffel. und 1924 ließ er solche Dinge sogar in seinem ohne Drehbuch produzierten Trickfilm »Das mechanische Ballett« auf treten.

Menschlichen Gestalten hingegen versuchte der Maler, dem »psychischer Ausdruck immer eine zu sentimentale Angelegenheit« war, den gleichen Charakter zu geben wie den Maschinen. Seit den zwanziger Jahren setzte er Figuren aus Kugel- und Zylinderformen zusammen, ohne sie mit persönlichen Zügen zu versehen.

Diese puppenhaften Gestalten arrangierte der Künstler zu Gruppen von Radfahrern, Spaziergängern oder Zirkusartisten, aber auch zu fröhlich bunten Arbeitertrupps -- eine Reverenz des KP-Mitglieds Léger vor dem Proletariat.

Eine neuartige Methode zur Kolorierung seiner Gruppenbilder und Objekt-Stilleben entdeckte Leger im Exil in New York, wohin er sich während des Zweiten Weltkriegs zurückzog: Er verwertete den Effekt der bunten »Scheinwerfer der Lichtreklamen, die über den Broadway fegen«. »Man steht da, spricht mit jemand«, beobachtete der Emigrant, »und plötzlich wird der Mann blau.«

Aus dem Beleuchtungsgag zog Léger, der seine Bilder bis dahin stets in reinen, doch an den Gegenstand gebundenen Farben gemalt hatte, eine künstlerische Konsequenz ("Erfinden hätte ich das nicht können") -- er begann seine Leinwände ohne Rücksicht auf das Sujet mit unregelmäßigen Farbflächen zu überziehen. »Die Farbe«, postulierte er, »hat eine Realität in sich selbst.«

Das dekorative Farbstreifen-Prinzip war aber vor allem für Kunst am Bau geeignet, zu der sich Léger besonders berufen fühlte -- in späten Jahren wurde er aus aller Welt auch immer häufiger berufen.

So schmückte der Skeptiker ("Ich verehre die Heiligen und verspotte die Pfarrer") beispielsweise eine Kirche im Alpen-Ort Assy mit einem großen Mosaik; er entwarf Dekorationen für den New Yorker Uno-Saal, für die Universität in Caracas und für die Oper in San Paulo.

Auch nach Deutschland lieferte Leger ein Schmuck-Projekt: 1955 skizzierte er der Stadt Hannover eine Fassadendekoration mit Handball- und Radfahrmotiven für die Halle des Niedersachsen-Stadions. Doch als der Künstler im gleichen »Jahr starb, wollten die Auftraggeber die Ausführung nicht mehr riskieren.

Weniger Bedenken hatte die Maler-Witwe Nadia Léger -- sie übernahm den Hannoveraner Entwurf für den Museumsbau, den sie dem Verstorbenen in Biot errichtete. Die Einweihung des Gebäudes wurde 1960 von mehreren hundert Gästen -- darunter die Besatzung eines vor der Küste ankernden US-Kriegsschiffes -- mit einem drei Tage währenden Mahn-Mahl im Luxushotel »Le Provencal« in Juan-les-Pins begangen.

Derartiger Aufwand ist Besitzern von Léger-Gemälden erschwinglich, denn die Werke des Malers werden zu hohen Preisen gehandelt. (So bot im letzten Jahr der Bremer Kunsthändler Michael Hertz Légers »Komposition mit der Hand und den Hüten« für 650 000 Mark an; das kubistische Gemälde »Das Dorf« sollte 420 000 Mark kosten, und für »Formkompositionen« aus der gleichen Stilphase war ein Preis von 400 000 Mark festgesetzt.)

Auch ferner werden bei Bedarf einzelne Stücke aus Biot veräußert. Die »Mona Lisa« bleibt zwar vorerst in Leger-Händen, ein zweites Hauptwerk der Baden-Badener Ausstellung ("Die drei Musikanten") steht jedoch zum Verkauf. Bis September ist das Bild dem Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum reserviert.

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