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TV-Spiegel Maigret spielt falsch

Gunar Ortlepp, 42, ist Kulturredakteur beim SPIEGEL.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Überlegen, streng und grimmig, ein Kommissar, mit dem nicht gut Kirschen essen ist -- so blickt er jeden Donnerstag ab Viertel nach acht aus dem ARD-Kanal. Und man will es nicht recht glauben, daß die Fernseher auf der anderen Rheinseite in feinem Schmunzeln erstrahlen, wenn sie (und das tun sie nun schon seit fünf Jahren) ihren Jean Richard den Maigret spielen sehen.

Aber das kommt einfach daher. daß Monsieur Jean, 51, einmal ein populärer Komiker war, dessen pfiffige Faxen man nicht so leicht vergißt. Er ist überhaupt vieles gewesen -- Karikaturist, Schnellzeichner im Varieté, Theater-Impresario -, und vieles ist er noch heute. Er besitzt bei Paris einen der schönsten Zoos in Europa und gleich daneben einen Kindervergnügungspark. Er ist Direktor des Zirkus »Jean Richard«, er hat an die 400 Angestellte, er dressiert Löwen und Tiger. Kurz, er macht viele Dinge zur gleichen Zeit und kann einfach alles nur: Den Maigret kann er nicht so gut.

Nun ist es freilich gar nicht so leicht, Simenons behäbigen Kriminaler, diesen wuchtigen Mann mit der Pfeife, der sich täppisch dem blutigen Geheimnis entgegenschnüffelt, glaubhaft zu personifizieren. Manche der Besten haben das schon versucht. in Kinostücken und Fernsehproduktionen. seit Jean Renoir und Julien Duvivier den Kommissar vor vier Jahrzehnten fürs Lichtspiel entdeckten -- Charles Laughton etwa und Gino Cervi haben es, eher schlecht als recht, probiert, Heinz Rühmann und Jean Gabin.

Doch der beste aller bisherigen Maigrets, das war, 52 unvergessene Folgen lang. zweifelsfrei der Engländer Rupert Davies, der zur wehmütigen Valse musette immer so nachdenklich sein Streichholz an der Mauer anratschte. der immer so unnachahmlich durch die Nase schniefte -- einen winzigen Schniefer nur -, wenn er sich pfeifestopfend hinterm Schreibtisch zurücklehnte und brummte: »Bring ihn rein, Lucas!

Es leuchtet ein, daß Jean Richard, der weder ratscht noch schnieft, gegen solch einen Maigret kaum ankommen kann -- um so weniger, als seine ORTF-Regisseure ihn auf eine Art und Weise ins Bild rücken, bei der auch ein Rupert Davies versagt hätte. Rupert war nie allein, er hatte immer den kleinen Lucas, den jungen Lapointe, den schwerfälligen Torrence, die -- »Wir haben ihn, Chef!«, »Was soll ich jetzt tun, Chef?« -- um ihn herumquirlten.

Richards Maigret jedoch (denn die Boxervisage seines Lucas zählt ja wohl nicht) hat nur sich selbst. Einsam, von allen guten Regie-Geistern verlassen, bewegt er sich durch ein schwarz-weißes Paris. das seine vorgestrige Atmosphäre, den erstrebten Hauch dreißiger Jahre, eher der schlechten Bildqualitat verdankt.

Nur auf sich gestellt, lediglich assistiert von einem Erzähler. der die ohnehin wenig dramatische Handlung vollends ins Epische rückt, führt er seine langen, langen Verhöre, Fast ganz allein füllt er auch den Bildschirm, meist mit Gesichtsstudien.

Seine etwas weichlichen Züge können jäh ganz hart werden, scharf und gefährlich, mürrisch, verbissen. hochmütig, konsterniert, verbindlich. nachdenklich, verschlossen, spannungsgeladen, böse. Jeder sieht, wie er denkt. Vielleicht denkt er: Ich muß sie überzeugen, daß ich nicht nur Komiker bin, daß ich auch das seriöse Fach beherrsche, und zwar meisterhaft.

Keine Frage, Jean Richard ist ein guter Schauspieler. Aber was soll ein guter Schauspieler ohne Szene, ohne Handlung? Denn beides verschwindet fast völlig hinter der Gestalt. hinter dem -- zugegeben: interessanten

Gesicht dieses Maigret (dessen Art. mit der Pfeife umzugehen, übrigens den Pfeifenraucher verrät).

Wo sind denn die feinen psychologischen Fäden, die es zu entwirren. die Geheimnisse einer rätselhaften Welt, die es zu entdecken gilt? Sie müßten, vom Zuschauer aus gesehen, irgendwo hinter Jean Richard zu finden sein. Der aber beachtet sie nicht, er tut nur so. In Wirklichkeit gibt er eine One-Man-Show, geht es ihm nicht um »Maigret und den nächtlichen Besucher«, um »Maigret und das schweigende Dorf«; ihm geht es nur um eines -- um »Jean Richard und den Fall Maigret«. Den aber wird er so nicht lösen.

Gunar Ortlepp
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