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Autoren Mal am Po

Wer schrieb die »Geschichte der O«? Nach 40 Jahren outet sich die Urheberin.
aus DER SPIEGEL 31/1994

Manche mögen's heiß. Die Initialen, die der Gebieter ihr in den Po einbrutzelt, erfüllen sie mit »unsinnigem Stolz«; die Peitsche beschert ihr einen »rauschhaften Zustand«, und »wohltätig sind die Ketten«.

So war sie, die O, die lustvoll leidende Heroine der »Geschichte der O«, in die Welt gesetzt vor 40 Jahren von einer unbekannten Pauline Reage; Groll und Gusto hat das Skandalon dann weltweit erregt und Kino gemacht. Immer aber blieb die Frage: Wer war's?

Einige führende Franzosen, die den »O«-Gout priesen, standen lange in dem Ruch, das Werk pseudonym verfaßt zu haben. So Andre Pieyre de Mandiargues, Francois Mauriac sowie der »Academie Francaise«-Literat Jean Paulhan.

Seit letzter Woche weiß die Welt, was Connaisseuren längst vertraut ist: Paulhans Geliebte, die Literatin Dominique Aury, hat sich die »Geschichte der O« vom Leib geschrieben; es war »ein Liebesbrief«, sagt Aury, 86, heute, um den fluchtbereiten Paulhan »zu verstricken«.

Zum späten Outing hatte sich Aury vom US-Magazin The New Yorker überreden lassen; Paulhan, er starb 1968, kann nichts mehr dazu sagen. Die Lage damals schien ernst: »Ich war nicht mehr jung, nicht hübsch, ich mußte andere Waffen finden« - die »im Kopf«. Aury war Mitte 40, Paulhan fast 70.

Paulhan galt als Verehrer des Göttlichen Marquis; für eine Sade-Edition hatte er eine Abhandlung geschrieben. Die Konjunktion von Paulhans Neigung und Aurys Phantasie gebar, was dann als greller Komet losschwirrte: das Sado-Maso-Delir »Geschichte der O«.

Im Dämmer zwischen Tag und Schlaf habe sie ihre »Träumereien« niedergeschrieben. Paulhan, dem sie Proben zeigte, spornte sie an; das fertige Stück krönte er mit einem enthusiastischen Vorwort und reichte es einem befreundeten Verleger. Und floh nicht.

Die klassische Sprache der hochgebildeten Aury und die Geisterbahnfahrt ins, freudianisch, polymorph Perverse: Das gab den Kick. Und der Opfergang der Heroine, ihre Kriechspur als Lustobjekt: Das konnte, schlossen Esel, per Sado nur ein Macho ausgeheckt haben.

Ob männliche oder weibliche Phantasien - »es waren ehrliche Phantasien«, sagt Aury heute. Freilich: »Niemand könnte es ertragen, so traktiert zu werden.« Das Brandmal am Po zählt noch zu den minderen Lustbarkeiten; die Sache ging wesentlich tiefer.

Als 1969 Gerüchte kreisten, eine Frau, die Aury, habe die »O« ersonnen, sah die Zeit eine »Herausforderung« dräuen: »Gibt es in den Kellern der Frauenseele etwas, das auf Unterwerfung und Selbstaufgabe besteht?« Falls ja, dann werde davon die »Zukunft der Emanzipation der Geschlechter abhängen«.

Die »Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften« ist demnach, liebe Gewohnheit, etwas hinterher: Bei der jüngsten Indizierung, 1982, fand sie den »O«-Ton »so frauenfeindlich, wie es frauenfeindlicher nicht mehr geht«. Andererseits stürmte sie der Zeit voraus und nannte den wahren Urheber: Dominique Aury.

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