Zur Ausgabe
Artikel 63 / 79
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

PSYCHOLOGIE Mal rechts. mal links

Friedrich Hacker: »Freiheit die sie meinen«. Hoffmann und Campe, Hamburg; 480 Seiten; 34 Mark.
aus DER SPIEGEL 21/1978

Ist das alles? Wenn ja -- wozu dann dieses Buch?« So fragt sogar der Autor auf Seite 69, doch weil das Buch dann noch weitere 411 Seiten hat, sind seine Fragen leider gar nicht ernst gemeint. Schade -- weil doch der Volksmund meint, Selbsterkenntnis sei der erste Weg zur Besserung.

Die muß er während des Schreibens einmal gehabt haben, der Professor Dr. med. Friedrich Hacker, 64, laut Klappentext »Chef eigener Kliniken in Kalifornien, Gründer und Leiter der Hacker-Foundation, Professor für Psychiatrie an der Medizinischen und Juristischen Fakultät der Universität von Südkalifornien, Gründer der Sigmund-Freud-Gesellschaft in Wien, Wissenschaftlicher Leiter des »Instituts für Konfliktforschung' in Wien« etc. etc.

Gesteht er doch, »daß bei Fortschreiten der Arbeit an dem Buch der mir vorerst klar vorschwebende Zweck in immer weitere, unerreichbare Ferne zu rücken schien. Was beabsichtige ich eigentlich?«

Nun, Hacker wollte ein Buch über die Freiheit schreiben, über wirkliche und vermeintliche. Herausgekommen ist ein Potpourri im Dreiviertel-Takt mit so vielen Wiederholungszeichen, daß der Leser bald mitsingen kann: »Alle Macht geht von oben aus und wird nach unten ausgeübt ... Freiwilliger Konsensus ist ein kostbares Gut und ein vitales Erfordernis jeder Demokratie ... Herrschaft ermöglicht Ausbeutung ... Wir können auch zu etwas werden, was wir noch nicht sind ... Die Niederlage der Freiheit kann zur permanenten Katastrophe der Versklavung führen ...

Ganz im Stil Wiener Walzerseligkeit erläutert der gebürtige Wiener Hacker dann auch im Kapitel »Gleichheit und Freiheit« mit Hilfe Adeles Arie aus der »Fledermaus« die »Klassenstruktur der Freiheit": »Ach, warum schuf die Natur mich zur Kammerjungfer nur.«

Die Antwort kennt nur der Professor. Großes Solo: »Der Freiheitsverwirklichung widersetzen sich noch immer die unzähligen äußeren Hemmnisse und Hindernisse, die Ausbeutungsabsicht, das Machtstreben und die Herrschaftsgelüste der anderen.« Darauf muß eine Kammerjungfer erst kommen.

Natürlich will Hacker nicht noch vorhandene Zofen von ihren Herrschaften befreien, denn »Freiheit, die ich meine -- meinen im Sinne des mittelhochdeutschen minnen lieben -, also Freiheit, die ich liebe, kann und soll weder aufgezwungen noch aufmanipuliert werden.«

Aufmanipulieren tun nur die anderen: Terroristen und die Hare-Krischna-Jünger, Diktatoren und die Presse, Demagogen und die Werbung. Hacker tanzt recht gut nach den alten Tönen von Packard und Marcuse. Dazu beherrscht der Psychiater noch vollendet den Wechselschritt. Er versäumt fast nie, erst auf dem einen und dann auf dem anderen Bein zu hüpfen. Beispiel: »Das gesicherte Leben in -- relativer-Freiheit verwöhnt und verzärtelt ... Und nun das andere Bein: »Der freie Mensch muß auch das Recht besitzen, hohe Risiken einzugehen und zu scheitern.«

Dann folgt eine Drehung, etwa so: »In diesem Sinne ist die Entwicklung des Symbols ein Symbol der Entwicklung.« Oder so: »Objektiv eindeutig und eindeutig objektiv sind Sinn, Bedeutung und Definition der Freiheit

Ach ja, so ein bißchen pikant zwischen Plüsch und Pleureusen wird es auch. Der Professor im Rezitativ: »Die Erreichung des genitalen Stadiums ist sowohl Ziel wie auch Errungenschaft des reifen Ichs.« Es geht also auch um sexuelle Freiheit, mit Hackers einfachen Worten gesagt, um »das Ende der Versklavung an infantile und »unreife' orale, anale oder phallische Organisationsformen«.

Das läßt sich noch viel einfacher sagen, und Hacker kann das auch. Am Beispiel Huhn, das »lediglich ein Mittel zum Zweck (ist), das Übergangsstadium zwischen zwei Eiern, die Methode, durch die -- im Auftrag der Natur -- ein Ei aus dem anderen hervorgeht«. War macht der Hahn?

Der hält sich am besten an den Gründer und Leiter der Hacker-Foundation: »Gegen erzwungene, von außen auferlegte Programmierung und Entprogrammierung gibt es in der sich frei dünkenden Gesellschaft Bedenken, Rechtsmittel und zahlreiche Möglichkeiten, sich zur Wehr zu setzen« Sollte das die neue Hack(er)-Ordnung sein?

Eigentlich geht es Hacker aber nicht um Hühner, sondern um Kaninchen, denn »wir sind manipulierte Versuchskaninchen, aber solche, die mit anderen und an sich selber Versuche anstellen«. Freilich, »nur einige Kapitel dieses Buches«, bekennt Hacker bescheiden, »sind Kochbüchern zu vergleichen, die in Rezepten vorschreiben, wie man Sklaverei zubereitet ...«, aber bitte mit Sahne.

Das heißt aber nicht, Hacker hätte sich begnügt, »in hochtönenden Worten und theoretischen Begriffen nachzuweisen. daß wir ohnehin verloren sind«, vielmehr versuchte er »zu erforschen und zu erproben, wer und was uns daran hindert, verantwortungsbewußte Reife zu erlangen«.

Ein Grund dafür ist, daß »entscheidende Unterschiede bestehen zwischen Regimes, die, unter welchem Vorwand immer, Menschen töten, verhaften, einsperren, deportieren ... und solchen, unter denen dies unmöglich, ja sogar undenkbar ist«.

Friedrich Hacker hat ein Buch über die Freiheit geschrieben, und nach 460 Seiten muß der Leser dem Autor recht geben: »Es bedarf wohl der Liebe, des selbsttranszendierenden und potentiell sogar selbstzerstörerischen Gefühls, vielleicht auch der Blindheit der Liebe, um trotz allem (was im Buche steht) an die Zukunft der Freiheit zu glauben.«

Zur Ausgabe
Artikel 63 / 79
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.