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»Mal was Nettes über die Nazi-Zeit«

Auf dem bundesdeutschen Schallplattenmarkt blüht das Geschäft mit Tondokumenten aus der Hitler-Ära -- betrieben von seriösen und ominasen Händlern. Politische Besorgnisse deswegen bekamen kürzlich Bundeskanzler Schmidt und Herbert Wehner in Polen zu hören. In einem Beitrag für den SPIEGEL kündigt der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion nun »notwendige Schritte« gegen den Mißbrauch mit Dokumenten« an (siehe Seite 217).
aus DER SPIEGEL 50/1977

Wieder braust ein Ruf wie Donnerhall: »Stuka vor«, »Flamme emport«, »Torpedo los«, »Deutschland, erwache!«

Wieder »blitzen die stählernen Schwingen«, die »Panzer rollen in Afrika vor«, »Wir stürmen dem Siege entgegen«. »denn«, so schallt es aus tausend deutschen Frauenkehlen, »wir fahren gegen Engelland -- ahoi !«

Fanfarenzüge und Landsknechtstrommler sind angetreten, die Schalmeienkapelle der SA spielt auf und der Musikzug der Leibstandarte Adolf Hitler.

Noch einmal posaunt Heinz Goedecke, Hitlers Lautsprecher, sein »Wunschkonzert für die Wehrmacht« in den großdeutschen Äther. Noch einmal beschluchzt Wilhelm Strienz, der Bassist von der Heimatfront« »Antje, mein blondes Kind«.

Zwischen »Badenweiler« und »Pappenheimer«, bei »Stille Nacht, heilige Nacht«, unter Schlachtenlärm, Sirenengeheul, Schwüren, Gebeten und Jubel, Jubel, Jubel halten der Führer und seine Vasallen wieder Einzug in die bundesdeutschen Wohnstuben.

Ob Hitler oder Himmler, Göring oder Goebbels, ob Ley, Schirach, Jodl oder Brauchitsch -- die alten Kameraden kommen wieder groß zu Wort und dick ins Geschäft. Mit dem Buchhandel, dem Zeitschriftenmarkt und dem Kino-Gewerbe hat auch die Schallplatten-Branche die rechte Rille aufgespürt: Sie schleust immer mehr braunen 0-Ton unter die HiFi-Kundschaft: In Sondermeldungen, Wehrmachtsberichten und jeder Menge tausendjähriger Redekunst feiern Propagandarummel und Kriegsgeschrei des Dritten Reichs fatale Urständ. Rudolf Heß, der »Friedensbote hinter Gittern« (Verlagsprospekt), hält noch einmal seine Weihnachtssprache von 1936, samt Glockengeläut und »Ave Maria«. Robert Ley verteidigt, vernehmbar betrunken, vor Fabrikarbeitern »die deutsche Substanz«.

Akustisch erneuert wird der Ehrentag des Reichsarbeitsdienstes, die Deutsche Mainacht der Hitlerjugend im Harz, die Vereidigung von SS-Nachwuchs vor der Feldherrnhalle in München. Das Triumphgeschrei vom Fackelzug bei Hitlers Regierungsantritt schallt aus neudeutschen Tonmöbeln ebenso unverfälscht wie »das Dröhnen der ersten Raketentriebwerke der Kriegsgeschichte« in einer Reportage über die V 1. Höhepunkt aller Nazi-Konserven: Der Führer spricht.

Noch niemals seit Kriegsende sind die dröhnenden Zeugnisse der Hitler-Ära so umfangreich feilgeboten worden. Unter dem -- zumeist geheuchelten -- Etikett zeitgeschichtlicher Aufklärung kommt die alte Platte auf nostalgische Touren.

Wie auffällig -- und fragwürdig -- dieses Geschäft sich anläßt. bekamen jetzt sogar Bundeskanzler Helmut Schmidt und der SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner zu spüren: Am Rande ihrer Gespräche mit Edward Gierek in Polen wurden den Bonner Staatsgästen polnische Besorgnisse über den neudeutschen NS-Plattenhandel vorgetragen.

In das Bombengeschäft teilen sich seriöse Einzelhändler und Kaufhäuser mit ominösen Postfach-Anbietern und Briefkasten-Firmen.

»Ekstase und Begeisterung, Fanatismus und Hetze«, ereifert sich beispielsweise der Hamburger Jahr-Verlag in einer Reklameschrift, »prägten das Gesicht des Dritten Reiches«, doch sie »bleiben blaß in der Definition -- sind erregend dagegen in der Unmittelbarkeit des Tons": »Packender, authentischer läßt sich Geschichte nicht erleben« -- und vermarkten.

Als erregende Begleitmusik zu seinen im Frühjahr 1974 gestarteten Druck-Dokumentationen »Das III. Reich« und »Der II. Weltkrieg«, »gedacht als Ergänzung zum Gedruckten«, drehte Verleger Alexander Jahr der Leserschaft seines üppig aufgemachten Periodikums auch immer mehr einschlägige Langspielplatten an.

Beim Bundesarchiv in Koblenz und beim Deutschen Rundfunk-Archiv in Frankfurt am Main kaufte er »für wesentlich geringere Kosten als die sonst üblichen Gagen und Lizenzen« nach und nach alle attraktiven Tonträger der Nazi-Epoche auf -- genug Material für mittlerweile 20 LPs, die im Schnitt inzwischen in je 30 000 Exemplaren rotieren. Die vier Platten »Hitler spricht« kletterten im neuartigen Medienverbund auf über 40 000. Empfohlener Richtpreis: 12,80 Mark.

Obwohl Jahrs Ruhmesblätter aus großdeutscher Vergangenheit der Käuferschaft zeitkritisches Nachdenken ersparen und so leicht ein geneigtes Ohr finden, hätte der Hamburger Jung-Verleger das »an sich gute Geschäft« noch steigern können: »Aber«, so bedauert er, »unserem Haus fehlen die richtigen Vertriebskontakte zu Fachhandel und Kaufhäusern.«

Genau solcher Beziehungen kann sich die Firma »Miller International« in Quiekborn bei Hamburg rühmen. Seit Jahren mit dem Billigst-Label »Europa« (Märchen, Schnulzen, klassische Evergreens) gut im Geschäft, ging Miller, so Jahr, »direkt nach unserem Start daran, am laufenden Band neue Titel herauszubringen, und fast alles war uns nachgemacht«.

Auch Miller griff in die öffentlichen Archive, durchsetzte den Verschnitt aus Reden und Reportagen mit aufklärerischen Zwischentexten und päppelte seine »Dokumentar-Serie« auf zehn Langspielplatten hoch.

Während Jahr allerdings glaubt. »daß wir mit dem Material wohl bald am Ende sind«, will Miller weiter Nazi-Antiquitäten in Umlauf bringen. Gerade erst hat die Firma die Goebbels-Kundgebung aus dem Berliner Sportpalast ("Wollt ihr den totalen Krieg?") und Zwiegespräche aus dem Nürnberger Prozeß herausgebracht. »Der Absatz«, frohlockt Pressesprecher Krollner, »ist gleichmäßig gut«, eine LP kostet meist unter zehn Mark.

Indes: Nur ein Teil, vermutlich sogar der kleinere, des Umschlags mit NS-Dokumenten spielt sich in den Grabbelkästen von Supermärkten oder in Fachgeschäften ab. Unübersehbar und undurchschaubar vollzieht sich der Vertrieb im Verborgenen, über Postfach-Krämer und Phantasie-Firmen.

So offeriert ein Händler in Westfalen, dessen Briefkopf ein an die Sigrune der SS gemahnendes Emblem ziert, nazistische Bücher und Platten neben Antiquitäten-Kram und Tierfellen. Ein »Buchdienst Harald Hauser«, 7 Stuttgart 80, Postfach 800531, der in der »FAZ« für ein tönendes Goebbels-Porträt wirbt, ist weder im Telephon- noch im Adreßbuch ausfindig zu machen. Harald Hauser wohnt in Stuttgarts Engelboldstraße 25 bei der Schneiderei Harms Poehler in Untermiete.

In tiefbraunem Dunkel liegen vor allem die Geschäfte der Firma »Documentary Serics Establishment«. Sie hat Sang und Klang, Ruhm und Ehre des Dritten Reichs auf inzwischen 36 Langspielplatten ausgebreitet und gilt in der Branche als Pionier und Umsatzführer. Ihre Platten, so urteilte der Bayerische Rundfunk, dienen »der Propaganda für den Nationalsozialismus, seiner gegenwärtigen und künftigen Rechtfertigung, der Erbauung der Unbelehrbaren und der Bestärkung in ihren Ansichten«. Allerdings: Den »unbekannten Hersteller« der »anonymen Produktion« konnten die Münchner Rechercheure nicht ausmachen.

Auch die »FAZ« vermerkte letztes Frühjahr ironisch, daß diese »Historischen Tondokumente zur Zeitgeschichte« -- ihre »Objektivität ist die von Heiligenlegenden« -- »in scheuer Zurückhaltung« alles verheimlichten, was über ihre und ihrer Macher Herkunft Auskunft geben könnte.

Wer immer sich, animiert durch auffällige Inserate in so zuständigen Blättern wie »National-Zeitung« und »Deutsche Wochen-Zeitung«, aber auch im »Bielefelder Katalog« für klassische Musik, zum Kauf der NS-Tonwaren entschließt, muß sich zunächst einmal an das Postschließfach 121 in Schaan/Fürstentum Liechtenstein wenden -- der einzigen bekannten Anschrift des Unternehmens.

Alimorgendlich geht Frau Helga Beck in Schaan an dieses Postfach, sortiert die Kundeneingänge in ihrer Wohnung, Wiesengasse 64, und notiert alles fein säuberlich in einem großen Buch. Helga Beck ist die Tochter von Richard Meier, einst Parteiführer im Fürstentum Liechtenstein und heute, zusammen mit seinem Schwiegersohn Kaspar Beck, einem Zahntechniker, Fürstlicher Medizinairat. Helga Beck ist Repräsentantin und einzige Verwaltungsrätin mit Einzelunterschrift bei »Documentary Series Establ.«

Hat Frau Beck die Post des von ihr verwalteten Unternehmens gesichtet, schickt sie sie gesammelt an ihre Duzfreundin Else Hocheder. Die Witwe Else Alfred Hocheder, geb. Brandt, 64, wohnt in Düsseldorfs Vorort Benrath, ist die Eigentümerin von »Documentary Series« und zugleich Mitinhaberin der Firma E. Hocheder & Co. KG«, »Fabrikation und Vertrieb von bespielten Schallplatten«, laut Paketaufkleber, Rechnungen und Zahlkarten über das Schließfach 4307 in der Düsseldorfer Hauptpost zu erreichen.

Zweimal an jedem Werktag, morgens um sieben und kurz nach Mittag, entnimmt Frau Hocheder, die deutsche First Lady des Nazi-Platten-Gewerbes, diesem Postfach die Bestell-Kollektion aus Liechtenstein. In der Parterre-Wohnung und den Kellerräumen des viergeschossigen Eckhauses Benrodestraße 35 werden die Wünsche ihrer Kundschaft »aus aller Welt« versandfertig gemacht.

Die Geschäfte ihres Liechtensteinisch-Düsseldorfer Firmenverbunds schirmt die rheinische Kauffrau so erregt-energisch gegen Einblicke vorgeblich Unbefugter ab, als ob sie Adolfs Leiche im Keller verberge. Zwar brüstet sie sich: »Wir haben nichts zu verbergen« -- aber sie verbirgt alles:

Ihre Platten tragen keinerlei Hinweise auf das Land oder gar den Ort der Pressung. Die Bestellnummer ist mit zittriger Hand in die Matrize geritzt. Die Platten-Taschen verschweigen die Herkunft der verwendeten Schallaufnahmen, den Namen des Produzenten, der Sprecher (gelegentlicher Zwischentexte) und der Autoren der Rückseiten-Kommentare.

Um auch »mal was Nettes über die Nazi-Zeit« zu verbreiten, hat sich Else Hocheder schon früh in der akustischen Braunzone umgehört. Bereits Ende der fünfziger Jahre, als Hitlers Tiraden samt Pimpfgesängen und Pg-Geschrei noch anrüchig schienen, importierte sie von einer Firma namens »Documentary Series, New York« ein Dokumentar-Potpourri mit »Speeches and Songs of Nazi-Germany«. Diese Sammlung, lobte damals ein Düsseldorfer Händler, wende sich »an die reifen Menschen zwischen 30 und 55 Jahren, die der aufklingenden Vergangenheit entkamen und heute die bestverdienende Schicht darstellen«.

Als das Düsseldorfer Amtsgericht wegen der Abbildung von Hakenkreuzen die Import-Covers beanstandete, überklebte Frau Hocheder die Nazi-Symbole. Das Frankfurter Amtsgericht verurteilte dann das Produkt selbst als »nationalsozialistische Propaganda mit staatsgefährdender Tendenz«.

Trotz, vielleicht auch wegen der »Hexenjagd«, die Frau Hocheder nun gegen ihr zeitgeschichtliches Wirken eröffnet sah, konnte sie ihren Handel immer weiter ausbauen.

Im September 1974 -- seit fünf Jahren florierte das Geschäft nunmehr über die Liechtensteiner Postbox 121

ging die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft gegen die ehrenwerte Gesellschaft vor. Unter der Geschäftsnummer 8 Js 397/72 beantragte sie erfolgreich die Einziehung von fast 9000 Plattentaschen und 30 000 Katalogen. Während die Platten laut Anklageschrift »in ihrem Inhalt nicht zu beanstanden« seien, verstießen Prospekte und Plattenhüllen ("in reißerischer Aufmachung« für »ausschließlich kommerzielle Zwecke") gegen Paragraph 86 a des Strafgesetzbuches -- das »Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen

Gelegentlich ging Frau Hocheder allerdings auch als Klägerin vor Gericht -- vor allem gegen ihre noch jungen Konkurrenten Alexander Jahr und Miller International. »Diese zwei«, beteuert sie, »haben mich mehr bestohlen als ein ganzes Rudel Raben.« So hatte die Plattenmacherin beispielsweise das SS-Lied »Wenn alle untreu werden« »in mühevoller Kleinarbeit« zu Notenpapier bringen, vom Essener Polizeichor singen und die Aufnahme durch Klangfilter künstlich verrauschen und veralten lassen -- so überzeugend, daß die Produzenten von Jahrs Dokumentar-Serie den Song für ungeschütztes Archivgut hielten und kopierten.

Nach ihrem Ärger vor Gericht ließ Firmenchefin Hocheder bei der Lüdenscheider Druckerei Maack neue Taschen, ohne Hakenkreuze, Hitler-Gruß und Nazifahnen, dafür vorzugsweise in Schwarz-Weiß-Rot, drucken. Doch den Texten auf der Rückseite, gelegentlich ein wenig demokratiefreundlich zurechtfrisiert, fehlt immer noch, was seinerzeit die Staatsanwaltschaft so vermißte: »eine Klarstellung der Verwerflichkeit der ideologischen Bestrebungen und Ziele des Nationalsozialismus«.

»Vielleicht nie zuvor im Zweiten Weltkrieg und erst recht nicht danach«, schwärmt da ein Anonymus, habe es eine Formation gegeben wie die SS-Division »Das Reich«, so gut ausgebildet und standhaft, so schwungvoll und so glänzend geführt.

»Guten Gewissens und ungebeugt«, berichtet ein unbekannter Kenner, »marschierten die Soldaten der Waffen-SS in stolzer Ordnung in die Gefangenschaft.« Sicher, nach dem Krieg »ergoß sich eine Flut von Verleumdungen über sie ... Im Volke freilich waren sie gut gelitten«.

Dennoch will sich Frau Hocheder, die ihre Platten fast durchweg für 25 Mark, derzeit Spitzenpreis des gesamten Marktes, vertreibt, diesem Volk nicht offenbaren. Wer immer mit ihr die NS-Vergangenheit akustisch bewältigt, macht die Schotten dicht -- die Reihen fest geschlossen:

Als der SPIEGEL bei Frau Beck in Schaan anrief, legte diese sofort wieder auf. Toningenieur Günter Kliewer, der in seinem Hildener Tonstudio, Walder Straße 161, für Frau Hocheder Bänder bearbeitet, wiegelte ab: »Von mir erfahren Sie nichts!«

Die »Saarländische Kondensatorenfabrik« in St. Ingbert, Im Schiffelland 6, deren »Abteilung Schallplatten« die Nazi-Platten preßt, verweigerte »jede Auskunft über unsere Geschäftsbeziehungen«. Frau Hocheder selbst demonstrierte dem SPIEGEL, daß sie den Ton ihrer Produkte auch live beherrscht: »Leute von Ihrem unverschämten Schlag sollte man nach altbewährter Art gehörig durchprügeln!«

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