Margarete Stokowski

Mallorca-Urlaub trotz Corona Wohin mit der Wut wegen Malle?

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Mallorca ist nicht mehr Risikogebiet. Ran an die Flugtickets! Das sorgt natürlich für Ärger. Dabei sollten sich die Menschen statt über Urlaubsreisende lieber über den Kapitalismus empören.
Entspannen am Strand von Magaluf: So sehen sich viele Deutsche über Ostern

Entspannen am Strand von Magaluf: So sehen sich viele Deutsche über Ostern

Foto: John-Patrick Morarescu / ZUMA Wire / imago images

Beginnen wir mit einem Glückwunsch an die Lufthansa, die vielleicht prächtigste Schlange, die die Bundesregierung in dieser Pandemie an ihrer Brust gesäugt hat: das neun Milliarden schwere, ökonomisch fragwürdige Hilfspaket  für die Fluggesellschaft ist nur wenige Monate her, da blüht der kleine Racker förmlich auf und feiert die dritte Welle der Pandemie mit Extraflügen seiner Tochtergesellschaft Eurowings nach Mallorca – und die Bundesregierung bittet die Bevölkerung, nicht in den Urlaub zu fliegen. »Der Appell ist, auf jede nicht unbedingt notwendige Reise zu verzichten«, erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert, aber was heißt schon »nicht notwendig« in einer Zeit, in der so ziemlich alle Urlaub nötig hätten? Die Märkte zittern, aber vor Lachen.

Was macht man mit so einer Situation? Seit den ersten Wochen der Pandemie vor rund einem Jahr habe ich mich häufig gefragt, wie es sein kann, dass sich nicht viel mehr Menschen durch offensichtlich kontraproduktive politische Entscheidungen in eine Richtung radikalisieren, in der sie kapitalismuskritischer werden und offener für solidarische Ideen, die Gesundheit und Leben vor Profite stellen.

Die Antwort ist wahrscheinlich ziemlich einfach. Denn die Gefühle, die so eine Pandemie produziert, müssen natürlich nicht notwendigerweise mit utopischen Gedanken über eine bessere Welt einhergehen. Warum auch sollten Menschen neben Zoom-Konferenzen, Homeschooling, Trauer um Verstorbene, Zukunftsängsten und psychischen Problemen noch die Kraft aufbringen, sich ein neues System vorzustellen? Wut, Missgunst und Neid sind einige dieser Gefühle, die die Pandemie in einem Land voller Ungleichheiten begleiten, und sie mögen auf den ersten Blick natürliche, instinktive Zustände sein, aber sie entladen sich in gesellschaftlich vorgeprägten Bahnen auf dem Weg des geringsten Widerstands.

Und so gibt es nun also vielerorts Wut auf diejenigen, die die Aufhebung der Mallorca-Reisewarnung dafür genutzt haben, Flüge zu buchen. Die Reaktionen auf Twitter lagen nicht allzu breit gefächert hauptsächlich im Bereich von »Ich hasse wirklich jeden, der jetzt nach Mallorca fliegt« bis »fickt euch doch alle, ihr unsolidarischen, destruktiven Arschlöcher«, oft begleitet von verschiedenen Varianten von »ich kann nicht mehr« oder »ich versteh es nicht«.

Nun ist es so: Die Reisewarnung wurde aufgehoben, weil die Bundesregierung entschieden hat, Mallorca und andere Regionen und Länder von der Liste der Risikogebiete zu streichen. Eurowings bot daraufhin einen Extraschub Flüge an, und diese Flüge wurden gebucht. Natürlich. Wenn Urlaubsflüge erlaubt sind, werden Urlaubsflüge angeboten, und wenn sie angeboten werden, werden sie gebucht. Aber vor der Entscheidung der Buchenden standen die Entscheidungen der Regierung und der Flugunternehmen. Von Hass auf die Lufthansa oder das Auswärtige Amt (das die Warnung aufgehoben hatte) war allerdings wenig zu lesen.

Um es gleich zu sagen: Das bedeutet nicht, dass diejenigen, die jetzt Ostern auf Malle gebucht haben, keine Verantwortung tragen. Sie mögen sich auf die Sicherheitsvorkehrungen inklusive Tests verlassen, aber die Inzidenz auf Mallorca liegt nicht bei null, es ist also definitiv möglich, sich dort anzustecken und das Virus mit nach Hause zu bringen. Man muss kein Drosten-Ciesek-Ultra sein, um das zu sehen.

Ich persönlich würde mir im Moment eher einen Fuß abhacken, als eine Flugreise zu buchen, aber ich bin ehrlich gesagt ohnehin nicht der Flugreisentyp, also ist das kein sehr edles Statement. Wenn es nun aber die geimpfte Pflegerin ist, die seit Ewigkeiten im Dauerburnout weiterarbeitet, oder die alleinerziehende Mutter, die in ihrer Einzimmerwohnung mit ihrem durchdrehenden Kind verzweifelt, oder der Rentner, der seine Frau an das Virus verlor und der aus dem gemeinsam gebauten Haus mal rausmuss, dann sollten verwöhnte Homeoffice-Hockerinnen wie ich gepflegt das Maul halten. Klar sind das ausgedachte Beispiele, ich habe keine Ahnung, wer die Flüge gebucht hat, bis auf diesen einen »Bild«–Reporter, aber das Ding ist: Es ist egal. Es sollte nicht so weit kommen, dass man sich überlegt, wer die Reise nun verdient hat und wer nicht. Zumal ohnehin Leute mit Geld und freier Zeiteinteilung längst auf den Kanaren oder woanders abhängen (oder Leute von RTL, Stichwort »RTL-Reporter macht den Test«).

Mit jeder neuen Pandemiewelle gibt es eine neue Gruppe von vermeintlich besonders Schuldigen. Ischgl-Urlauber*innen, Jugendliche im Park, Raver*innen, Hochzeitsgäste, migrantische Familienbesucher*innen, Glühweintrinker*innen. Glühwein und Sangria nehmen sich da in jeder Hinsicht nicht viel. Natürlich begeht jeder Einzelne, der sich riskant verhält, einen Fehler, aber das ursprüngliche Problem liegt nicht in der moralischen Unzulänglichkeit der Einzelnen, sondern im Versagen der Politik, die dieses Fehlverhalten nicht nur ermöglicht, sondern hervorruft und damit erstens zur Infektionsgefahr und zweitens zur Spaltung beiträgt.

Denn die meisten Menschen in Deutschland sind immer noch gegen übermäßige Lockerungen. Einer Studie zufolge war Mitte Februar nur ein Drittel für mehr Lockerungen , das dürfte sich bei den Meldungen über die Infektiosität der Mutanten nicht wesentlich geändert haben.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Wenn die Wut und Verzweiflung, die viele angesichts der Mallorca-Buchungen verspüren, nun dazu führt, dass sich eine Welle des Hasses auf Urlauber*innen oder in allgemeiner Misanthropie entlädt, anstatt auf die Politik und die Unternehmen, die diese Situation ermöglichen, dann läuft etwas falsch. Es ist zwar leichter, Leute zu verurteilen, die an den Strand wollen, als politische oder unternehmerische Entscheidungen zu kritisieren, aber es bringt weniger. Und sicherlich ist es schmerzhafter, eigene Wahlentscheidungen (wer wählt nach dieser Pandemie noch CDU?) oder Konsumverhalten zu überdenken, aber ein richtig ordentlicher Lufthansa-Boykott oder eine allgemeine Entwicklung hin zur Kapitalismuskritik wären gesünder und nachhaltiger als blinde Malle-Wut. Man muss es nicht »Radikalisierung« nennen, man könnte auch sagen: lebenslanges Lernen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.