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Mama ist an allem schuld

SPIEGEL-Redakteurin Angela Gatterburg über »Perfekte Frauen«
aus DER SPIEGEL 19/1989

Ihre Energien sind beängstigend. Sie joggen und halten Diät, besuchen Fortbildungskurse und sprechen mehrere Sprachen. Sie tragen breitschultrige Jacketts und lassen keinen Zweifel daran, daß sie Nackenschläge wegstecken, ohne mit der getuschten Wimper zu zucken. Mit wichtigen Mienen marschieren sie durch Vorstandsetagen und erwarten Beifall für ihre grandiose Selbstinszenierung. »Perfekte Frauen« nennt die Amerikanerin Colette Dowling solche bemerkenswerten Geschöpfe in ihrem gleichnamigen Buch.

Der Typus trifft auf allfälliges Interesse: 50 000 verkaufte Exemplare sorgten innerhalb von nur drei Wochen für einen Platz in den deutschen Bestsellerlisten. Die Autorin wundert das kaum: Das zeige nur, welch sicheres Gespür ihre Geschlechtsgenossinnen dafür hätten, »daß in ihrem Leben etwas nicht stimmt«.

Die 51jährige Journalistin kann dabei selbst als Lehrbeispiel für ihre Thesen stehen. Sie ist eine erfolgreiche Karrierefrau und war einst von schädlichem Narzißmus und Perfektionswahn befallen - Untugenden, die sie zwar wohlhabend, aber auch unglücklich machten, wie sie freimütig offenbart.

Schon früh gehorchte Colette Dowling, Tochter eines Hochschullehrers aus Woodstock, dem inneren Drang, etwas Bedeutendes zu schaffen. Konsequent verabschiedete sie nach freudlosen Ehejahren den trunksüchtigen Gatten, päppelte drei Kinder auf und schrieb nebenbei noch schnell ein Buch. Es entstand der »Cinderella Komplex«, ein publizistischer Knaller, der in 17 Sprachen übersetzt wurde und der Verfasserin binnen kurzem zu Weltruhm verhalf.

Beschrieben wird das »Aschenputtel-Syndrom«, die Angst der Frauen vor Unabhängigkeit, Erfolg und Verantwortung und die heimliche Sehnsucht nach dem Traumprinzen. Heute, nur sieben Jahre später, scheint das alles wie weggewischt, und die Autorin propagiert das Gegenteil: Nunmehr sieht sie die Geschäftswelt von rigiden Emanzen bevölkert, die im Bemühen, es den Männern gleichzutun, deutlich überzogen haben. Sie erscheinen ihr allesamt »defeminisiert«, getrieben von Sucht nach Anerkennung, »häufig erbarmungslos, unnahbar und völlig desinteressiert am Wohl der anderen«.

Ein Wandel, der natürlich das Familienglück gefährdet. Denn selbst die perfekte Frau scheitert mitunter an der Unmöglichkeit, abends Köstliches zu kochen, über der Steuererklärung zu sitzen und gleichzeitig zum Elternabend zu hetzen. Die Folgewirkung: Der seinerseits vom Berufsstreß gebeutelte Ehemann findet zu Hause nicht die andächtige Zuhörerin, die er nötig hätte; die Sorgen der Kinder werden zu spät wahrgenommen.

Doch bei solchen Widrigkeiten des Alltags will sich Dowling nicht aufhalten. Unbestreitbar sei Kritik daran wichtig, aber darüber, sagt sie und gerät in Fahrt, »haben wir Frauen doch debattiert, bis wir blau wurden im Gesicht«. Deshalb ist es jetzt die defekte Seele, die sie fasziniert; deren Code sie »dechiffrieren« möchte.

Im eindrucksvollen Arbeitspensum der Superfrauen vermutet die Schriftstellerin weniger gesunden Tatendrang, als eine »Flucht in die Selbstdarstellung«. Den beruflichen Aufstieg hält sie für überschattet von Versagensängsten und Zweifeln - das diktatorische Gehabe und der Drang nach Beifall sind, so ihr Befund, Ausdruck eines chronischen Selbsthasses. Hinter der dauerhaften Aufforderung, »besser« zu werden, lauern, wie Dowling aus eigener Erfahrung und rund 100 Interviews mit arrivierten Frauen weiß, immer Defekte. Die weiblichen Emporkömmlinge leiden an Depressionen, Schlafstörungen, Eß- und Alkoholproblemen; es plagt sie ein Gefühl der Leere und die ungeklärte Frage nach dem Lebenssinn.

Charlotte Dowling selbst sucht in dieser Angelegenheit seit 14 Jahren zweimal pro Woche einen New Yorker Psychoanalytiker auf. Bisher ohne Ergebnis; statt dessen stolperte sie von einer Existenzkrise in die andere: Nach dem Erfolg ihres ersten Buches fühlte sie sich nicht, wie erhofft, großartig, sondern verzagt. Sie litt weiter unter dem »Gehetztsein« und einem »Mangel an Selbstachtung«.

»Ich war überzeugt«, sagt sie, »daß ich ohne das immerwährende Bemühen, mich hervorzutun, keine Chance haben würde, mich jemals auch nur einigermaßen gut zu fühlen.«

Gängiger analytischer Auffassung folgend, findet die Autorin den Ursprung allen Übels im Kinderzimmer. Alleinschuldige ist für sie die Mutter, die ihrer Tochter die eigenen Selbstwertprobleme vererbt und ihr ins Lebensdrehbuch schreibt, sich gefälligst anzustrengen. Gleichzeitig werde dem jungen Mädchen aber auch das Gefühl vermittelt, daß, wie immer es sich mühe, die Leistung unzureichend sei.

Diese Erkenntnis beruht ebenfalls auf persönlichen Erfahrungen: Dowlings Tochter Gabrielle, zunächst vorbildliche Studentin, schmiß plötzlich ihr Harvard-Studium hin, gammelte rum und wurde magersüchtig. Die vormals stolze Mutter entdeckte den Grund für die Krise bei sich selbst: Sie habe das Kind mit völlig überzogenen Ansprüchen strapaziert.

So entsteht eine These: Die versagende Mama als Schlüssel allen Leids, als Ursache für Lebensfurcht und Leistungswahn. Mutter hat sich zuwenig gekümmert, ihre Tochter nicht als eigenständige Person, sondern Ableger ihrer selbst betrachtet, sie mit widersprüchlichen Erwartungen in eine klebrige Beziehung verstrickt und somit den Keim gelegt für Perfektions- und andere Süchte.

Und da sich die meisten Mütter gegen diese Erziehungsfehler nicht gefeit zeigen, sind die Töchter, so unterstellt die Vordenkerin, unablässig zum Kampf um Anerkennung bei gleichzeitig fortdauernden Minderwertigkeitsgefühlen verdammt. Leider, sagt sie, gebe es »nur sehr wenige Frauen«, die ohne psychologische Hilfe zurechtkämen.

Also »Weg von den Müttern!« heißt ihr Imperativ. Erst wenn diese Trennungsarbeit geleistet sei, könnten die drangsalierten Frauen ihr Leben selbstbestimmt und zufrieden gestalten. So schwinde auch der Wunsch, etwas Besonderes zu sein, verschüttete weibliche Tugenden tauchten plötzlich wieder auf: Die geheilte Frau, na endlich, ist eine selbstbewußte Frau.

Perfide Paschas spielen in der von Colette Dowling entwickelten Leidensgeschichte keine Rolle. Da Väter auf Dienstreise wichtigen Geschäften nachgehen müssen, ist der Schaden, den sie bei der Kindererziehung anrichten, offenbar nicht erwähnenswert. Auch die Frage, ob Ehemänner den weiblichen Übereifer mitverursachen, indem sie zum Beispiel im Haushalt keinen Finger rühren, bleibt ausgespart. Hingegen soll die Frau allein in die Niederungen ihrer Seele hinabsteigen und ändern, was sich ändern läßt - sich selbst.

Frauenrechtlerinnen beklagen die triviale Generalisierung des Buches. Für die österreichischen Feministinnen Edit Schlaffer und Cheryl Benard sind die Konfliktexegesen schlicht eine Zumutung. Das unerträgliche Gezeter in der einschlägigen Frauenliteratur, den Dauerappell, Frauen sollten sich mit ihren Gefühlen auseinandersetzen, könne niemand mehr hören.

Tatsächlich richten die Ratgeberbücher, die sich lustvoll-masochistisch mit der vermeintlichen emotionalen Verwirrung der weiblichen Psyche befassen, eher Unheil an. Unentwegt werden dort die üblichen Empfindungen diskutiert: Wie waren die Kindheits- und Grundschuljahre, wie das Studium und die erste Liebe - wie fühlt sich die Frau beim Orgasmus, bei der Geburt, in der Ehe, beim Seitensprung?

Bei diesem Verfahren einseitiger Analyse werden gesellschaftliche und politische Zusammenhänge untergepflügt. Unreflektiert wird die Frau mit der Botschaft abgespeist, wenn sie nur lange genug den eigenen Bauchnabel betrachte, würden sich alle Widersprüche von selbst auflösen. Sensibilität, Herzenswärme und die Fähigkeit zu menschlicher Offenheit, auch und gerade im beruflichen Alltagsleben, sollen sich die weiblichen Gefühlswesen erhalten, fordert Dowling. Gott bewahre sie davor, so zu werden wie das andere Geschlecht - beklagenswerte Gestalten.

Mag sein, daß das Gros der Männer am Arbeitsplatz ungleich verrohter ist oder zumindest einen dickfelligen Pragmatismus bevorzugt - es geht ihnen besser dabei. An beratender Psycho-Literatur hat der Mann weit weniger Bedarf. Die Sinnsuche reduziert er in aller Regel auf ein erträgliches Minimum und insbesondere - er denkt nicht daran, andauernd an seiner Seele herumzubasteln.

Die Frau dagegen, die sich Tag für Tag in Frage stellt, ist anfällig für Gurus aller Art und erhofft sich von jeder Neuerscheinung auf dem florierenden Büchermarkt das Ende aller Fragen. Paradoxerweise verlangt Dowling ihren perfekt-defekten Leserinnen genau das ab, was sie als Krankheitsbild beschreibt: endlich fehlerfrei zu werden.

Ob sich die Anstrengungen im beruflichen Konkurrenzgetümmel wirklich besser meistern lassen, wenn das Verhältnis zur Mutter aufgearbeitet ist? Mufflige Chefs, untreue Ehemänner, quengelnde Kleinkinder, streikende Waschmaschinen wird es immer geben. Sie gehören zum Restrisiko eines jeden Frauenlebens. #
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Colette Dowling: »Perfekte Frauen. Die Flucht in die Selbstdarstellung.« S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 272 Seiten 29,80 Mark

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