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Artikel 62 / 80

»Man lebt mit der Polizei wie mit Bazillen«

Vier Wochen hat sich die deutsche Schriftstellerin Luise Rinser ("Gefängnis-Tagebuch«, »Mitte des Lebens"), 64, kürzlich in Südkorea aufgehalten, wo sie als Autorin und Linkskatholikin überraschend weit bekannt ist. Frau Rinser, im Dritten Reich zeitweilig wegen »Wehrkraftzersetzung« inhaftiert, redete vor Tausenden koreanischer Studenten über Marx und Sartre und sprach mit Oppositionellen und Verfolgten des rechten Park-Regimes.
aus DER SPIEGEL 17/1976

Als ich meinen Bekannten sagte, ich würde auf Einladung der südkoreanischen Literatur-Zeitschrift »Mun Sahak« nach Korea reisen, entsetzten sie sich. Warum hatte sich niemand entsetzt, als ich nach Franco-Spanien, in die Sowjet-Union und in die faschistoiden Südstaaten der USA gereist war? Mit welchem Maß wird da gemessen? Warum hat Südkorea einen so schlechten Ruf?

Was weiß man denn über dieses Land? Daß es einen Rechts-Diktator hat, der ein dichtes Geheimdienst-Netz über sein Land warf und über alle Länder, in denen ihm verdächtige Koreaner leben. Daß er diese bei Gelegenheit verhaften, entführen und einsperren läßt, wie es dem -- inzwischen freigelassenen, deutschen Staatsbürger und berühmt gewordenen -- Komponisten Isang Yun geschah, der in Berlin mit demonstrierenden südkoreanischen Studenten sympathisiert hatte. Im übrigen ist Korea weit weg. Es interessiert Europa nur als (nicht sehr potenter) Handelspartner und als möglicher Herd für einen dritten Weltkrieg.

Südkorea ist ein wunderschönes Land mit einer uralten, hohen und eigenständigen Kultur, getragen von einem klassisch-chinesisch gebildeten, anmutigen und friedliebenden Volk, das immer wieder überfallen worden ist: von Mongolen, Mandschus, Chinesen, Russen, Japanern und immer wieder Japanern und zuletzt von den eigenen, durch die Sowjets geführten Brüdern aus dem Norden -- und das alle diese Schläge aushielt und überlebte und das auch seinen Diktator Park Chung Hee aushält, bis auf weiteres.

Ich war vier Wochen in Südkorea. Normalerweise lernt man ein Land in dieser Zeit gar nicht kennen. Aber ich war durch Bücher, pro und contra, und durch koreanische Freunde in Europa längst informiert und hatte in Korea alle Beziehungen, die ich brauchte. Denn ich kam nicht als Touristin, sondern einerseits als »Ehrengast«. da ich seit 14 Jahren dort Bestseller-Autor bin (mit Raubdruck natürlich), und andererseits als politische Figur: als Modellfigur des Widerstands gegen eine Rechts-Diktatur. (Daß ich dafür galt und was das bedeutete, erfuhr ich erst nach und nach.)

So standen mir viele sonst streng verschlossene Türen offen; offizielle, die ich freiwillig nicht benutzte, und halboffizielle. Schließlich gab es für mich die schmalen, getarnten Pförtchen, die in den Untergrund führten und durch die ich schlüpfte. so oft ich konnte. Natürlich war ich vom südkoreanischen Geheimdienst KCIA überwacht, natürlich wurden meine Telephonate abgehört, natürlich wurde mein Hotelzimmer durchsucht, ein Luxus-Appartement im King-Sejong-Hotel, das ich nach einigen Tagen mit einem einfachen Zimmer vertauschte, nachdem ich beobachtet hatte, wie zwei Techniker etwas an der -- gut funktionierenden -Aircondition montierten. Warum taten sie das in meiner Gegenwart? War es eine freundliche Warnung? Es war zumindest eine Information.

In den vier Wochen wurden mir so viele Rätsel aufgegeben, daß ich mich meist wie zwischen Minenfeldern im Nebel bewegte.

Erstes Rätsel: Warum wurde ich am Flughafen nicht von meinen Freunden abgeholt, sondern direkt an der Maschine von einer Schar Unbekannter und Reporter empfangen? Ein Mann vom Geheimdienst, ohne Zweifel, hatte mich schon in Europa besucht und mir eifrig versichert, ich dürfe in Korea alles sagen und jede Kritik üben, mir werde nichts geschehen. Mir nicht. aber wem dann? War es eine Warnung? Zumindest eine interessante Vor-Information.

Durch diesen Besucher kannte die Regierung natürlich auch meine politische Biographie, wußte somit, daß ich nicht nur unter Hitler im Widerstand und Gefängnis war, sondern auch heute so gar nicht nach rechts neige. Wieso wurde ich dennoch eingeladen? Wollte man mich kaufen, damit ich hernach schriebe, Südkorea sei doch liberal?

Später erfuhr ich, daß der, welcher mich eingeladen hatte, Professor Lee, Besitzer und Chefredakteur von »Mun Sahak«, mit dem Kultusminister gut stand. Das bedeutet aber nun wieder nicht, daß er auch ein Freund des Präsidenten sein müsse. Korea ist, in chinesischer Tradition, ein Land, in dem Ideologien nichts und persönliche Beziehungen alles bedeuten.

Nächstes Rätsel: Wie sollte ich den Beifall der Kollegen verstehen, als ich im ersten Interview auf ihre Frage nach meiner Meinung über Südkorea geantwortet hatte: »Ich vergesse alle Propaganda Ihrer Regierung so gut wie jene ihrer Feinde. Ich will selbst sehen, hören, spüren.«

Drittes Rätsel: Warum kamen zu meinem ersten Vortrag an der EWHA-Women's-Universität Seoul über 4000 Studenten und Professoren? Eine ganz ungewöhnliche Zahl, wie man mir sagte. Und warum führte mich Professor Lee mit meiner politischen Biographie ein? Lee, der so gar kein Provokateur ist? Und warum wollte er, der doch selbst mir die Themen für meine Vorträge gestellt und die Manuskripte in seiner Zeitschrift vorabgedruckt hatte. daß ich den Vortrag über das Thema »Humanismus heute« in Seoul nicht hielte? Ich hielt ihn. Ich sprach (deutsch, mit einer sehr guten Übersetzerin zur Seite) über den Wandel des Menschenbildes von Hegel über Marx und Sartre bis in die Gegenwart -- immerhin ein Thema mit scharfen Widerhaken für eine Rechts-Diktatur.

Und warum bestanden Lee und die Hörer auf einer Diskussion, in der ich dann gefragt wurde nach meiner Identität mit Nina, der Heldin meines Romans »Mitte des Lebens«, die als deutsche Studentin Hitler Widerstand leistete? Und warum konnte eine koreanische Studentin, ohne behindert zu werden, provokatorisch in den Saal rufen: »Was gab Ihnen die Kraft, Ihrem Diktator zu widerstehen?« Und warum wurde ich nicht verwarnt für meine Antwort: »Meine Überzeugung, daß Freiheit die Grundbedingung für einen modernen, humanen Staat ist« -- wo doch »Freiheit« das Losungswort der rebellierenden Studenten Südkoreas ist und gemeinhin genügt, jemanden ins Gefängnis zu bringen?

Und wieso durfte ich zwar in Seoul über marxistische Philosophie reden, während in einer anderen Stadt mein Satz, daß in der Sowjet-Union Frauen leichter Karriere machen könnten, meine Übersetzerin in schwere Verlegenheit brachte, da dies doch »kommunistische Propaganda« sei?

In eben dieser Stadt, in der ich das nicht hätte sagen dürfen, wurde ich zum Ehrenbürger Nummer 7 ernannt. Ausgerechnet in jener Stadt Kwangju, in der ich zum letzten meiner Vorträge keinen großen Saal bekam wie in den anderen Städten, sondern nur einen für 2000 Hörer. Und vor dem Saal wachte (was nirgendwo sonst geschehen war) die Polizei mit Gummiknüppeln, angeblich, um mich vor dem Andrang der Studenten zu schützen, die »wegen Überfüllung und baupolizeilicher Vorschriften« keinen Einlaß bekamen, aber dafür den 5000 Menschen fassenden Platz vor der Universität schweigend besetzt hielten und meinen Vortrag durch Lautsprecher hören konnten.

Schwerstes alles Probleme: Wem eigentlich konnte ich vertrauen in diesem Land, in dem keiner dem andern traut? Gleich am ersten Tag fing mich in der Hotelhalle eine Frau ab, die mir zuflüsterte: »Trauen Sie dem X nicht, der ist regierungstreu!« Am nächsten Tag sagte eine andere: »Die Frau, die Sie gestern sahen, ist nicht zuverlässig, sie möchte ihren Mann, einen der entlassenen 150 Journalisten, wieder rehabilitiert bekommen.«

Zwei Herren kamen, um mich aufzuklären über die Herkunft des Geldes, mit dem mir Reise und Aufenthalt bezahlt wurden: Natürlich komme es von der Regierung, woher denn sonst!

Die Vermutung erwies sich bald als falsch oder doch nicht so einfach zutreffend: Der Einladende ist Universitätsprofessor, auch seine Frau doziert, beide schreiben Bücher, er verdient seit Jahren als Bestseller-Autor viel Geld und ist überdies Besitzer der Zeitschrift, die eine Auflage von 250 000 hat. Im übrigen haben zur Finanzierung beigetragen die »Korean Airlines« und der Besitzer des Hotels, in dem ich wohnte, der -- keine Seltenheit in Südkorea -~ außer diesem Hotel mindestens noch ein Warenhaus und eine Privat-Universität besitzt (die meisten koreanischen Universitäten sind privat), als deren Rektor seine Ehefrau amtiert und an der er selber lehrt. Es gibt in Südkorea wenige Reiche, aber diese wenigen sind sehr, sehr reich.

Es war schwierig für mich, keine der rivalisierenden, einander tief miß· Park nach dem Attentat am Rednerpult. Unten: Park ist hinterm Pult in Deckung gegangen. Ein Leibwächter schießt auf den Attentäter im Saal.

trauenden Gruppen zu brüskieren. Bei einem Abendessen, das der deutsche Kultur-Attaché Dr. Sommer gab und bei dem fast nur Koreaner zugegen waren, drängte es mich, ganz unkoreanisch indiskret und ironisch zu fragen: »Und wer von uns ist nun von der CIA?« Man lachte. Ich machte den Scherz kein zweites Mal.

Man sagte mir, daß immer, wirklich immer, bei solchen Gelegenheiten einer vom Geheimdienst dabei sei, aber niemand wisse, wer es sei. Das sei aber nicht so wichtig und nicht so gefährlich, wie es scheine. Den Geheimdienst gebe es eben, er sei ein Amt wie andere Ämter auch. Natürlich fange man dort alle Briefe aus dem Ausland ab. Daß die Telephone abgehört würden und daß überall »Wanzen« angebracht seien, sei weiter nicht aufregend.

Die Unterhaltung an diesem Abend war erstaunlich frei, viel freier als zum Beispiel bei entsprechenden Gelegenheiten in der Sowjet-Union. Dort hätte ich nicht tun mögen, was ich in Korea auf einem offiziellen Presse-Empfang tat und ungeniert tun konnte: die Grüße eines »Staatsfeindes« aus dem Exil zu überbringen. In Seoul konnte ich sagen: »Ich bringe Ihnen die Grüße von Isang Yun, der Ihnen sagen läßt, er sei stolz darauf, durch seine Arbeit und seinen Erfolg im Ausland den Ruf Koreas als eines alten Kulturlandes zu bestätigen, und er hoffe, eines Tages zurückkehren zu können.«

Als ich diese Grüße überbrachte, beobachtete ich meine koreanischen Kollegen: Einige Gesichter verschlossen sich eisig, andere strahlten, andere blickten ängstlich um sich. Daß ich von Isang Yun Grüße überbrachte, trug mir viele Freundschaften ein.

Ist ganz Südkorea »ein einziges Gefängnis«, wie eine deutsche Zeitschrift schrieb? Man lebt mit der Geheimpolizei wie mit Bazillen, Luftverschmutzung und schlechtem Wetter. Ein ausländischer Kaufmann in Seoul erwartete eines Tages eine Telex-Nachricht. Er vergaß, das Papier in den Apparat einzuspannen. Nun, er ging zur KCIA und erbat die dort gewiß vorhandene Kopie. Man gab sie ihm.

Das ist keine erfundene Anekdote, sondern eine bezeichnende Information. Ebenso wie das, was mir einer meiner Freunde berichtet hat: Er wurde direkt nach einer Vorlesung verhaftet und sollte im Gefängnis unterschreiben, daß er sich selber kommunistischer Propaganda anklage. Der Beamte schämte sich dieser üblen Farce, aber, so sagte er. wenn der Professor nicht unterschriebe. würde er gefoltert, bis er's täte, und er, der Beamte, bestraft.

Um die Rolle der Geheimpolizei in Korea überhaupt zu verstehen -- und um überhaupt etwas von Korea zu verstehen -, muß man etwas wissen vom Konfuzianismus. Urbild der vom Konfuzianismus geprägten patriarchalischen, zugleich festen und flexiblen Gesellschaftsordnung ist die kosmische Ordnung, in der Harmonie herrscht.

Das hohe Ideal der Harmonie, praktisch angewandt als Gesellschaftsmoral, kann ein Land in Frieden und Wohlergehen erhalten, solange eine gute Regierung danach handelt. Unter einer schlechten Regierung wird das Volk zu einer Schar von Angepaßten, denen als einzige Waffe die List bleibt. Um ein listenreiches Volk im Griff zu behalten, braucht die Regierung ein Kontroll-System. Immer gab es in China und Korea eine Art geheime Staatspolizei. Und darum galt im Volk auch immer die Devise: Überleben heißt Überlisten, Überleben ist alles, Überleben wird garantiert durch Anpassung, und erlaubt ist alles, was dem Überleben dient.

Ein Volk, das zwei Jahrtausende konfuzianischer Erziehung zur Ordnung, daß heißt Anpassung, im Blut hat, ist nicht von heute auf morgen der Demokratie fähig. Ein Volk, das viele Male überfallen wurde, aber nie einen Angriffskrieg führte, verdient Glauben, wenn es heute sagt, es wolle keinen Krieg mit Nordkorea. Ein solches Volk scheut freilich auch die Revolution. Es liebt den Frieden über alles, mehr als Wohlstand und mehr auch als das, was man demokratische Freiheit nennt. Darum verhält es sich passiv, solange es nur geht. Koreaner müssen schon bis zum Äußersten getrieben werden, damit sie auf Gewalt mit Gewalt reagieren.

Zum Äußersten getrieben wurden die Südkoreaner 1960 unter der miserablen Regierung von Syngman Rhee. Studenten machten den Aufstand. 1961 war es das Militär, das rebellierte. Unter den schließlich siegreichen Militärs war ein Offizier namens Park Chung Hee. Und damit begann eine neue Zumutung für Südkorea: die Regierung Park.

Sie ließ sich gut an, und es stimmt schon, was Park in seinem Buch »Das Werden einer Nation« schreibt: daß er seinem armen Land aufhalf, daß er in Rekordzeit Autobahnen baute, daß er den Außenhandel ankurbelte, das Schulwesen ausbaute, daß Frauen und Männer vor dem Gesetz gleichberechtigt wurden, daß kein Südkoreaner hungert (auch wenn Kleinbauern und Arbeiter nur einmal am Tag zu essen haben), daß das Gesundheitswesen heute ziemlich in Ordnung ist. Daß vieles auf Kosten schändlich niedriger Arbeitslöhne geht, sagt Park nicht, aber es gibt dafür eine (echt koreanische) Erklärung: Die Oberen wissen, daß das Volk mit List sich zu verschaffen weiß. was der Staat ihm nicht gibt ...

Es sind die christlichen Kirchen Südkoreas, die das soziale Gewissen wecken und praktische Sozialarbeit leisten. Aber eben damit machen sie sich bei der Regierung Park verdächtig.. Alles »Soziale« liegt in gefährlicher Nähe des Kommunismus. Wer in einem konkreten Fall für soziale Gerechtigkeit eintritt, auch ohne jede politische Ideologie, gilt leicht als »prokommunistisch«.

Das erlebte beispielsweise ein protestantischer amerikanischer Pastor, der eines Tages gewahr wurde, daß die Straßenkehrer bei größter Hitze mit gesetzlich unbegrenztem Arbeitstag ohne jede Sozialversicherung für einen Hungerlohn arbeiteten. Er machte viele Behördengänge ihretwegen. Vergeblich. Dann begann er, die Arbeiter aufzuklären, bis sie zu einer Demonstration bereit waren. Der Pastor wurde des Landes verwiesen.

Der katholische Bischof Chi Hak Sun arrangierte in Seoul mit den Studenten eine Sympathie-Demonstration. Er wurde verhaftet und für acht Monate eingesperrt. Ich suchte ihn lange und fand ihn durch Zufall in Pusan, der südlichen Hafenstadt. Er war kurz zuvor aus dem Gefängnis entlassen worden, auf Widerruf. Ich besuchte ihn unter offener Kontrolle durch die KCIA.

Bischof Chi leidet unter Rheumatismus, das er sich in dem sehr kalten Gefängnis zugezogen hat. Was ihn jedoch bitter macht, sagt er, sei nicht der Entzug der Freiheit, sondern die Haltung vieler seiner Amtsbrüder. Ihre Angst vor dem Kommunismus als dem Erzfeind jeder Religion sei so stark, daß sie, um ihm nicht in die Hände zu arbeiten, lieber gar nicht sozial arbeiteten und sich auf die hergebrachte Caritas beschränkten.

Die protestantische Kirche Südkoreas ist fortschrittlicher. Sie hat auch mehr Mitglieder: zwei Millionen, doppelt soviel wie die katholische. Alle Christen zusammen machen kein Zehntel der Gesamtbevölkerung aus -- eine kleine, aber von Park gefürchtete Minderheit. In »Das Werden einer Nation« hat er geschrieben: »Es ist wahr, daß in der Vergangenheit der ungünstige Eindruck entstanden ist, die Republik Korea sei ein extrem unverbesserlich antikommunistischer Staat. Wir versuchen aber nunmehr ... auch in dieser Hinsicht einen günstigeren Eindruck zu vermitteln.«

Zwischen diesem verheißungsvollen Satz und der politischen Realität von heute mit ihrem wieder verschärften Antikommunismus, mit Massen-Entlassungen, Verhaftungen, Foltern, Todesurteilen, ist einiges geschehen, das Parks veränderte Taktik erklärt: Die Versuche Südkoreas, zu einer friedlichen Ko-Existenz mit Nordkorea zu kommen, scheiterten an der starren Politik des nordkoreanischen Präsidenten Kim Il-sung. Und die vielen kleinen und größeren Provokationen von nordkoreanischer Seite an der Demarkationslinie scheinen Parks Angst vor dem feindlichen Bruder zu rechtfertigen.

Es ist aber auch etwas anderes geschehen in den vergangenen Jahren: Das südkoreanische Volk ist aufgewacht und sah sich in Ketten einem Staat dienen, der, wie die Oppositions-Abgeordnete Kirn Ok Sun im Parlament sagte, seine Fehler unter der absoluten These der nationalen Sicherheit verberge und das Volk unter eine kriegsgleiche Situation stelle.

Das Volk begann, seinen Widerstand zu artikulieren und zu organisieren. Es gab Demonstrationen und Aufruhr. Park setzte 1974 Notstandsgesetze durch. Er erklärte, viele oppositionelle Gruppen seien Teile der als prokommunistisch verbotenen »People's Revolutionary Party«, die den Umsturz vorbereite, so daß er sich im Interesse der Staatssicherheit gezwungen sehe, streng einzuschreiten. 1975 ließ er acht Leute henken, denen unter Foltern Geständnisse abgepreßt worden waren, in denen sie sich als Spione und Umstürzler bezeichneten.

Doch der Widerstand verstärkte sich und explodierte schließlich innerhalb des Parlaments. Es war eine Frau, Kirn Ok Sun, die Abgeordnete der Oppositionspartei »New Democratie Party«. die im Oktober 1975 sagte: »Alle Arten von regierungs-organisierten Sicherheitsvorkehrungen ... ständige Warnungen vor der Invasion Nordkoreas ... all das gebraucht die Regierung als ein Mittel, um an der Macht zu bleiben. Das Urteil über die Möglichkeit des Krieges hängt einzig ab von der Laune des Diktators.«

Das waren unerhörte Worte. Frau Kim berief sich auf die Abgeordneten-Immunität, wurde aber gezwungen, selber ihren Rücktritt zu erklären.

Wer, wie ich, das Hitler-Regime erlebt hat, muß sich wundern, daß solche Worte im südkoreanischen Parlament möglich sind, daß es dort überhaupt eine parlamentarische Opposition gibt und daß Frau Kim nicht in ein Konzentrationslager geschickt oder ermordet wurde.

Der Vergleich mit Hitler-Deutschland brachte mich in den Diskussionen vor allem im studentischen Untergrund in Schwierigkeiten. Mehrmals fühlte ich mich gedrängt, um der Wahrheit und Gerechtigkeit willen zu sagen: Aber ihr habt nicht die schlimmste aller Diktaturen, ihr habt keine Konzentrationslager mit Massenmorden; ihr könnt, wenn ihr nicht ausdrückliche Staatsfeinde seid, ins Ausland reisen; ihr habt ein Parlament, in dem es möglich ist, daß die Opposition nach dem Rücktritt einer Abgeordneten mit einem Massenauszug droht, und bei euch ist es möglich, daß man vom Präsidenten Aufklärung fordert über den dunklen Tod eines Abgeordneten, und schließlich ist euer Park Chung Hee kein Hitler.

In der Tat: Park ist kein irrational Besessener. Er ist ein kühler Rechner, ein anständiger Offizier, der sich hochgedient hat, er verabscheut den Personenkult, er ist seiner Mentalität nach ein echter Konfuzianer mit der alten Vorstellung vom patriarchalen Idealstaat, er lebt spartanisch einfach.

Er lebt heute schwer bewacht im »Blauen Haus«. Früher ging er unters Volk (es gibt Photos, die ihn zeigen, wie er mit Bauern auf dem Feld zu Mittag ißt, wie er Kaninchenställe betrachtet, wie er lacht), heute müssen sich alle Straßen leeren, wenn er, vom Rundfunk angekündigt, durch die Stadt fährt, alle Fenster müssen geschlossen sein -- er hat Angst.

Als Park 1974 zum 29. Jahrestag der Befreiung von den Japanern eine Festrede hielt, schoß jemand auf die Tribüne. Park, als alter Soldat, ging sofort in Deckung hinter dem Pult. Seine Frau blieb sitzen, aufrecht, auch als sie den zweiten Schuß hörte. Vom dritten wurde sie getroffen. Man trug sie hinaus. Ihr Mann setzte seine Rede fort.

Der Vorfall war in allen Ländern der Erde im Fernsehen zu verfolgen. Um den Tod von Frau Park gab und gibt es heute noch viel Gerede. Sie war, aus dem einfachen Volk stammend, sehr beliebt. Man sagt, mit ihr habe Park die Opposition im eigenen Hause gehabt. Wer konnte ein Interesse daran haben, sie und nicht ihn zu töten? Welcher schlechte Schütze konnte da nicht zielen?

Es gibt ein offizielles Photo Parks: Er steht, die Arme auf dem Rücken, an einem Fenster des »Blauen Hauses«, ganz ohne Diktator-Pose, bedrückt und unsicher und schrecklich allein.

Bei meinen Treffen mit koreanischen Studenten wurde ich immer sofort gefragt, was denn wir deutschen Studenten im Widerstand gegen Hitler konkret getan hätten. Die Geschichte der »Weißen Rose« mit dem Tod der Geschwister Scholl und ihrer Freunde ist bekannt, die Arbeit der linken Gruppen nicht. Ich wurde gefragt: Welchen Sinn hatten alle jene Opfer, da sie doch offenbar das Regime nicht zu stürzen vermochten? Und diese Frage hieß eigentlich: Hat es einen Sinn, daß auch wir ein Lebensopfer bringen, wenn wir damit Korea doch nicht befreien können? Ich mußte antworten, daß wir vom Hitler-Faschismus befreit wurden einzig durch das militärische Eingreifen der Alliierten.

An dieser Aussage entzündeten sich heftige Debatten. Ein Teil der Studenten, in tiefem Pessimismus und echt koreanischer Passivität, erwartet Hilfe von außen. Die anderen finden diese Haltung feige und erklären sich bereit, sich zu opfern, sei es wie Jan Palach In Prag, sei es in gewaltlosen Demonstrationen. Wieder andere finden, es gebe nur den stillen Weg der geduldigen Umbildung des Bewußtseins des ganzen Volkes. Nie werde ich den großen, schönen Jungen vergessen, der mit charismatischer Glut ausrief: »Und der erste, der sich opfert, werde ich sein. wenn der rechte Augenblick gekommen ist.«

Eines Abends bekam ich im Hotel den Telephon-Anruf eines Unbekannten. Er hat mich auf Englisch, in die Halle hinunterzukommen, er habe mir etwas zu sagen. Ich traf ein koreanisches Paar. das mir eröffnete, es wölle mich zu »einem Freund« bringen, alles Nähere würden sie mit im Auto sagen.

Einen Augenblick lang dachte ich an eine Falle der KCIA. Aber ich riskierte die Fahrt. Die beiden erwiesen sieh Im Gespräch als protestantische Theologen, aber auch unter solchen konnte es Spitzel und Agenten geben.

Nun, ich fuhr mir ihnen durch ganz Seoul. bis wir in eine Vorstadt kamen und in schmale Gassen, die kein Auto passieren kann. Wir stiegen aus. Es gab keine Straßenbeleuchtung. Die beiden Fremden faßten mich unter, so stolpertern wir durch die Nacht, bis wir vor einem Gartentor ankamen.

Meine Begleiter drückten auf den Klingelknopf -- und dann sah ich mich mutterseelenallein. Doch meine Angst wurde überwogen von meiner Neugierde, ob ich nun wirklich den »Freund« träfe, den zu treffen ich mir so sehr gewünscht hatte,

Das Tor öffnete sich, und ich wurde in ein kleines Haus geführt, und da traf ich nicht nur den Gewünschten, sondern einen ganzen Kreis Intellektueller und unter ihnen jenen Mann, den selbst Koreaner kaum je zu Gesicht bekommen und den sie den »Gandhi Koreas« nennen: Ham Sok Han.

Ham ist ein schöner, alter Mann mit langem weißen Haar und Bart, ein chinesischer Gelehrtentyp, Historiker von Beruf. nach dem Korea-Krieg Erziehungsminister in Nordkorea. Dort bei einer Studentendemonstration verhaftet, zum Tod verurteilt, nach Südkorea geflohen, dort bald wieder verhaftet seiner revolutionären Zeitschrift »Jesaja 53« wegen, wieder frei und wieder verhaftet, unbeugsam, Herausgeber einer Untergrund-Zeitschrift, »Stimme des Volks« (in anderer Übersetzung: »Aufgehende Saat").

Zur Zeit ist Ham Sok Han frei und also hier, und ich fühle die Kraft, die er ausstrahlt. Er ist kein Pessimist, er glaubt unverbrüchlich an die gewaltlose Revolution, und sein Glaube stärkt die anderen, die gerade in diesen Wochen nach dem Abwürgen der Opposition im Parlament einen Rückfall in die lähmende Verzweiflung erleben.

Alle hier Versammelten sind Universitätsprofessoren, die man entlassen hat, sei es aus staatlichen Universitäten, sei es unter Regierungsdruck aus privaten. Wovon leben sie? Von dem, was ihnen Freunde gehen. Man lebt arm und nimmt die Not hin. Das verbindet mit dem armen Volk.

Das Gespräch geht um zwei Fragen. Die erste betrifft die »Theologie der Revolution«, wie sie von zwei Deutschen vertreten wird, dem Katholiken Metz und dem Protestanten Moltmann. Alle Anwesenden sind Christen. Alle wollen die Revolution. Alle sind gegen die Gewalt. Alle wollen einen nichtmarxistischen radikalen Sozialismus. Alle wünschen die Wiedervereinigung mit Nordkorea, keiner glaubt daran. Alle halten es für möglich, daß Park wahrmacht, was er schrieb: »Sollte es zu einem Krieg kommen, werden alle, Soldaten und Zivilisten, bis zum Ende kämpfen.« Nur Ham Sok Han setzt der Verzweiflung seine Utopie Hoffnung entgegen.

Zweites Thema des Abends war das Schicksal Kim Chi Has, des jungen Dichters, der in einigen großen Poemen das Regime angegriffen und sich mit seinem vielgesungenen Protestsong »Food is Heaven« ("Essen ist der Himmel. Du kannst es nicht als dein Eigentum betrachten. Du mußt es teilen") des Kommunismus verdächtig gemacht hatte. Er war mehrmals eingesperrt und sitzt seit März 1975 unter schärfsten, selbst in Korea ungewöhnlichen Bedingungen weit über die gesetzliche Frist hinaus in Untersuchungshaft, nachdem man ihn unter Foltern (fünf Tage und Nächte weder Schlaf noch Essen noch Trinken) zu einem Geständnis erpreßte, das er in einem aus dem Gefängnis geschmuggelten Manifest längst widerrufen hat. Ich hatte Kim Chi Has Mutter gesprochen: Ihre Sorge ist, daß das Regime den schwer tuberkulösen Kim in der Haft sterben lassen will.

Über den Fall Kim zu sprechen heißt, sich der Konspiration mit einem Hochverräter schuldig zu machen.

Ich fragte die an jenem Abend Anwesenden, ob ich etwas von unseren Gesprächen weitererzählen dürfe. »Aber ja«, war die Antwort, »wir haben alle nichts mehr zu verlieren.«

Luise Rinser in Südkorea
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