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»MAN MUSSTE BEI KIESINGER ANFANGEN«

aus DER SPIEGEL 29/1970

»Wer ist er, der uns're Wege lenkt?«

Udo-Jürgens-Lied

Auf der Bühne war der Himmel los. Rudel brünstiger Backfische reckten sehnend die Arme nach dem Herrn, andere küßten ihm das Lackschuhwerk, und eine herbe Vierzigerin trank bebend den Rest Kamillentee, den Udo Jürgens, der Sänger der heilen Welt, am Flügel hatte stehen lassen.

Im Riesenbauch der Berliner Deutschlandhalle ging »Udo 70« ins Finale -- die längste und bestverkaufte Schlager-Tour, die je durchs deutsche Gemüt gezogen war. In zehn Monaten und 222 Konzerten hatte Udo eine halbe Million Menschen angesungen, darunter Minister, Bürgermeister und sogar den Maestro Karajan.

Beim Berliner Finish saß der Regierende Schütz als »Schirmherr« in der ersten Reihe, auch der Illustrierten-Senator Burda saß da, sowie, vornehm verinnerlicht, Axel Springer; neben ihm war ein Menschenkind im Rollstuhl aufgestellt.

»Merci chérie«, sang Udo Jürgens, smart im Smoking und mit. einem Touch tuberkulöser Romantik. »Warum muß alles vergehen?« wehklagte er und tröstete: »Immer wieder geht die Sonne auf« oder: »Was wirklich zählt auf dieser Welt, bekommst du nicht für Geld.« Abschließend: »Auf Wiederseh'n und Dankeschön.«

Bei der Midnight-Party im Hilton wurde dann dem Sänger Dank gesagt. Bertelsmanns feingeistiger Köhnlechner, der Udos Platten verlegen läßt, hieß die Tour einen »Kreuzzug«; der »Bunte«-Burda entsann sich gerührt seiner Reise-Ratschläge für Udo ("Solide leben!"); und die Berliner »Stachelschweine«, für 8000 Mark eingekauft, witzelten dienstbereit: »Udo gut, alles gut.«

Einer fiel durch Schweigen auf bei dieser weihnachtlichen Feier -- der Herr der gelobten Stimme, der Musikverleger und Udo-Impresario Hans Rudolf Beierlein, 41. Das ist die Grundstellung des kurzen Bayern mit dem pummeligen Pokerface: »Mir macht es Spaß« im Hintergrund zu sein.«

»Viel Spaß« hat er auch daran, »Geld zu verdienen, Einfluß auf die Umwelt zu nehmen und mit Menschen zu arbeiten«. Mit solchen Späßen ist aus dem kleinen Filmjournalisten, dem »die hemdsärmelige Art von Herrn Strauß sehr imponiert«, der mächtige Goldfinger des Showbusiness geworden.

Denn ohne Beierlein wäre Udo vermutlich noch, was er sieben Jahre lang gewesen, nämlich ein hoffnungsvoller, aber erfolgloser Österreicher. Daß er »der Größte« ward, verdankt er freilich nicht so sehr dem musikalischen Ingenium seines Herrn: »Die einzigen Noten, die ich lesen kann«, sagt Beierlein, »sind Banknoten.«

Die Riesenkassenkraft von »Udo 70« ist Resultat eines gewieften Marketing -- mit Motivforschung« verwenderorientierter Haltung, mit Verbundwerbung und aggressiver Salespromotion, mit Produkt-Design, Produkt-Politik und kalkuliertem Lebenszyklus des Produktes; nebensächlich, ob das Produkt singt oder spült oder politisiert.

Nützlich und heilsam ist es daher, Herrn Beierleins Strategie im Reich der Träume kennenzulernen.

»Man mußte bei Kiesinger anfangen«, sagt Beierlein. Denn ein Besuch beim Schwaben, der damals noch kanzlerte, machte das Produkt »salonfähig«. Beierlein: »Als die Tür geöffnet war, war alles einfacher.« Andere Publicity-Politiker folgten.

»Ungeheure publizistische Rückendeckung«, sagt Beierlein, bekam er vom Offenbacher Titelsammler Senator Dr. Burda. Denn: »Mitzusegeln ist für einen Verlag nicht uninteressant.« Mit Udo-Titel verkaufte die »Bunte« 40 000 Stück mehr.

Provinz-Zeitungen haben Sorgen mit dem Abonnement-Nachwuchs. »Diese Sorge«, sagt Beierlein mit stiller Miene, »haben wir uns zunutze gemacht.« Effekt: Rund 30 deutsche Tageszeitungen veranstalteten Udo-Preisausschreiben. Netter Nebeneffekt: ganz wenig Udo-Verrisse.

Mit solchen und anderen PR-Aktionen war der Markt aufgewühlt. Die Zielgruppe stand auch fest -- eine mit hohem Kompensations-Konsum. »Es besteht, vor allem beim weiblichen Publikum, ein großer Nachholbedarf an Seelentrost«, sagt Beierlein. »Diese Möglichkeit haben wir genutzt.«

Als Konsumenten hatte er nicht nur Teenager im Sinn -- obwohl: »Wer springt sonst auf die Bühne, wer macht sonst das Geschrei?« Teenager, weiß Beierlein, sind Impulskäufer: »Die wechseln Schlagerstars schneller als ihre Höschen.« Ein Sänger, der »fünf bis zehn Jahre« im Geschäft bleiben will, braucht einen breiteren Kundenkreis.

Beierlein zielt auf Kunden »von zehn bis neunzig«, und »deswegen sind unsere Liedchen so angelegt, daß für jede Kategorie etwas Brauchbares dabei ist«. Für Kunden bis 28, etwa, hält er »Liebesschmerz« bereit, für die Älteren »Sachen mit Abschied«.

»Philosophie für den Wohnküchen-Gebrauch« sollen Udos Lieder liefern; die Leute, meint Beierlein, »ärgern sich nicht über ungerechte Vermögensverteilung, sondern über kleine Dinge«. Er sagt: »In unseren Liedern sind beträchtliche Binsenweisheiten verpackt.«

»Es gibt Lieder«, gesteht er, »die mir die Schuhe ausziehen, an denen aber Udos Herz hängt.« Udo verbinde »Geschlechtsfreude« mit manchem Liede, »weil er danach ein schönes Mädchen vernascht hat«. Udo erhalte »massive Angebote, und er macht von den Angeboten Gebrauch«.

Er war freilich angewiesen, »dezent« zu gebrauchen. Mitreisende bestätigen, nur Mädchen hatten Zugang, deren Alter und Herkunft lästige Folgen ausschloß; zum Image des stark libidinös besetzten Produkts Udo gehört der Begriff Seriosität.

Deswegen tritt Udo stets »wie ein Konzertsänger« im Smoking auf, und auf Photos, so verordnete Beierlein, muß er immer »gut angezogen« erscheinen. Rund fünf Millionen Mark, sagt Beierlein, hat Udo mit »Udo 70« eingenommen, doch der Lebenszyklus des Produkts Udo nähere sich nun der Phase dar Marktsättigung.

Beierlein schätzt seinen Sänger: »Er kann Noten lesen, was neu in der Branche ist.« Daß Udo ein »Nervenbündel« ist, schätzt Beierlein auch; dadurch gehe er »mit ungeheurer Intensität auf die Bühne«. Zuweilen mußte der Impresario freilich sein Rennpferd künstlich nervös machen.

Wird es, nach alldem« ein »Udo 80« geben? Kaum. Der Sänger Udo, sagt Beierlein, wird »sachte umgepolt -- auf Komponist«. Den Schalttag werde er Udo »unter vier Augen« mitteilen: Es müsse der Karriere-Höhepunkt sein, damit Udo »als Großer in die Geschichte eingeht«.

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