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ANOUILH Man speist Köpfe

aus DER SPIEGEL 46/1956

Seit über vier Wochen ist das kleine, in einer engen, kleinbürgerlichen Ladenstraße hinter dem Pariser Bohemien-Viertel Montparnasse zwischen Schlachtereien, Fischhandlungen und Gemüsekarren versteckte Theater »Montparnasse - Gaston Baty« an jedem Abend ausverkauft. Schon am frühen Morgen sammeln sich Menschenschlangen vor der Theaterkasse, drängen sich zwischen die Tische und Bänke mit den blutigen Rinderhäuten, den aufgeschlitzten Fischleibern, den gerupften Hühnern, den Kohlköpfen und Salatstauden und behindern die Geschäfte der schimpfenden Kleinhändler.

Die Pariser Theaterenthusiasten stehen an, um sich Karten für ein Stück zu beschaffen, dessen Premiere von den Wutschreien und Zornesausbrüchen des Publikums unterbrochen worden war. Sie wollen sich selbstquälerisch der Prozedur unterziehen, einer Anklage zuzuhören, die den französischen Nationalcharakter und alle Triebkräfte der französischen Geschichte der Unwahrhaftigkeit, des Verrats und eines brutalen Egoismus bezichtigt.

Das Stück, das sie sehen wollen, heißt »Pauvre Bitos« - der Titel lautet vollständig »Armer Bitos oder Das Diner der Köpfe« - und stammt von einem der erfolgreichsten französischen Dramatiker, dem 46jährigen Jean Anouilh. In diesem neuesten Schauspiel hat Anouilh - »In Frankreich speist man Köpfe. Das ist das Nationalgericht« - namentlich oder indirekt die französischen Nationalhelden von der I. bis zur IV. Republik, von der Französischen Revolution im Jahre 1789 bis zur Gegenwart angegriffen und verurteilt.

Eine solche Generalattacke auf die heiligsten Güter der Nation durfte freilich auf öffentliches Lob nicht hoffen: In einer Einhelligkeit, wie sie seit Jahrzehnten nicht zu konstatieren war, haben die Pariser Kritiker Anouilhs Theaterstück von der ersten bis zur letzten Zeile verdammt.

So gegensätzlich ihre politischen Auffassungen sonst sind, in der Aburteilung des Schauspiels von Anouilh waren sich die Kommentatoren der äußersten Rechten mit denen der radikalen Linken einig. Das kleinbürgerlich-nationalistische Pariser Blatt »L'Aurore« nannte das Stück »eine Einladung in die Jauchegrube«, das rechtsgerichtete Boulevardblatt »Le Parisien Liberé nannte es eine »Blume des Dungs«, der konservative »Figaro« sprach von einer »übelriechenden Botschaft«, die unabhängige Zeitung »Le Monde« fand, das Stück sei »mit schmutzigem Wasser vollgesogen«.

Die sozialistische Zeitung »Franc-Tireur« charakterisierte das Stück von Anouilh als das »Werk eines Dreckschleuderers«, der unabhängige, linksgerichtete »Combat« hielt es für eine »Provokation und für

eine Beleidigung Frankreichs«. Der rechtsstehenden Tageszeitung »Paris-presse"' schauderte vor der »Schmutzflut«, die Anouilh ausgegossen habe, und die prokommunistische Zeitung »Libération« bezeichnete das Stück als einen »anarchischen Wortschwall« und »ein Gerede, in dem sich vielleicht düstere Komplexe zu Wort melden«. Der Kritiker der »Libération« hatte sich während der Premiere sogar zu dem Zwischenruf hinreißen lassen: »So etwas müßte verboten werden.«

Das Schauspiel »Der arme Bitos«, das diese Zornesausbrüche auslöste, hat einen scheinbar völlig harmlosen Vorfall zum Gegenstand: ein Kostümfest. Ein französischer Adliger hat mehrere Schulkameraden und deren Frauen auf sein Besitztum geladen und sie aufgefordert, bei dieser Gelegenheit im Kostüm des 18. Jahrhunderts und in der Maske irgendeiner historischen Figur aus dieser Zeit zu erscheinen.

Der Schauplatz dieses sonderbaren »Diners der Köpfe«, eine Klosterruine, ist freilich von der historischen Atmosphäre politischer Schreckenszeiten umwittert. Im Jahre 1793, einer Zeit jakobinischer Terrorjustiz, residierte dort ein revolutionäres Tribunal, das seine zahllosen Todesurteile von den Soldaten der Revolutionsmiliz und vom Pöbel vollstrecken ließ. In den Jahren 1944 und 1945 regierte an der gleichen Stelle ein »Befreiungstribunal«, das in nicht minder summarischen Prozessen »Kollaborateure und Landesverräter; zum Tode verurteilte und sie von Männern der Résistance-Guerilla füsilieren ließ.

Unter den Personen, die der Adlige zu jenem Diner in der Klosterruine geladen hat, befindet sich auch ein Mann, den alle den »armen Bitos« nennen, Bitos war bereits im Internat von seinen Schulkameraden, den Söhnen des Adels und der alten Patrizier-Familien, in die Rolle eines Außenseiters gedrängt worden: Man hatte ihm damals ein Stipendium gewährt, weil seine Mutter als Wäscherin am Internat beschäftigt war.

Bitos hatte sich freilich auch unter diesen Verhältnissen nicht zum Klassenkämpfer entwickelt, der gegen die Privilegien des Reichtums aufbegehrt. Er verabscheute zwar die Reichen, aber er verabscheute die Armen nicht weniger: Die Trunksucht seines Vaters und die endlosen Liebesaffären seiner Mutter, die Armut des elterlichen Haushalts ekelten ihn an. So wurde er zum Typ des Karrieristen, der nach Macht hungert. Er will sie alle erniedrigen, die Armen und die Reichen, er will ihnen sein eigenes Schicksal heimzahlen: Bitos sucht die Chance, sich an der Welt zu rächen.

Für dieses Ziel bietet seit je eine Laufbahn die besten Chancen: die Staatskarriere. Sie ist auch der Weg, den sich Bitos für seine Rache ausgesucht hat. Nach der Befreiung Frankreichs verschafft er sich in einer Kleinstadt das Amt des »Öffentlichen Anklägers«, das es ihm erlaubt, unter patriotischen Vokabeln seiner Sucht nach Rache und Vergeltung freien Lauf zu lassen.

So ist es nur folgerichtig, daß Bitos zu dem Fest seiner Klasse in der Maske von Robespierre erscheint, pedantisch korrekt angezogen und mit gepuderter Perücke. Seine Schulkameraden und deren Frauen tragen die Kostüme liberalerer Revolutionshelden oder die Kostüme der lebenslustigen Opfer jener Revolutionäre: Sie erscheinen in den Masken von Danton, Marat, St. Just, Mirabeau, als Ludwig XVI. und Marie-Antoinette, als Camille und Lucile Desmoulins.

Unter der befeuernden Wirkung edler Getränke steigern sich die Beteiligten des Festes allmählich immer mehr in die Rollen, die ihnen ihre Kostüme vorschreiben. Die Wahrheiten, die sie sich sagen, die Motive, zu denen sie sich bekennen, und die Anklagen, die sie formulieren - sie sind die pointierten Konfessionen, die dem Autor Anouilh von seinen Kritikern nicht verziehen werden.

Solche Dialoge, fand der Kritiker der aus der Résistance-Bewegung hervorgegangenen Zeitung »Combat«, seien »eine Herausforderung, eine Beleidigung der Regierung, der Parteien, der Republik, des Volkes, der Resistance, der Justiz, aber vor allem Frankreichs. Und hauptsächlich weil es eine Beleidigung Frankreichs ist, stößt das Stück auf die geschlossene Verurteilung. Man denkt mit den schmerzlichsten Empfindungen an den Gebrauch, den eine antifranzöische Propaganda von diesem Stück machen wird«.

Zu den Sentenzen, in denen der »Combat« eine Beleidigung nahezu jeder französischen Instanz sieht, die überhaupt beleidigt werden kann, kommt es auf die folgende Weise: Der Gastgeber, der sich die Maske des Revolutionsredners und Schriftstellers Tallien angelegt hat, erklärt provokatorisch: »Man hat niemals so viele Reichtümer gesammelt wie seit dem Tage, an dem man anfing, für das Volk zu kämpfen. Daraus ist eine wahre Industrie geworden.«

Ein Schulkamerad des Lästernden übernimmt in der Maske des St. Just diese Attacke gegen die Revolution, die gleichzeitig als Attacke gegen die Résistance gemeint ist: »Wenn man von der täglichen Ration der Hinrichtungen und den öffentlichen Schlächtereien zur Volksbelustigung absieht, hat sich die gesamte Revolution auf der Redner-Tribüne abgespielt. Diejenigen, die am lautesten schrien, verschafften sich Gehör und denunzierten die anderen ...«

In dieser Weise läßt Anouilh die Figuren des Stückes über alles herfallen, was den Franzosen heilig ist. Am Ende des ersten Aktes erscheint in der Trinkerrunde ein Mann, den Bitos in seiner Amtszeit als Ankläger zu einer schweren Strafe verurteilt hat. Der Hinzukommende schießt auf Bitos - mit einer Schreckschußpistole. Aber der Schreck genügt: Bitos fällt in Ohnmacht und erlebt nun, im zweiten Akt, gleichsam wie im Traum, alle peinlichen Ereignisse in der Biographie des echten Robespierre noch einmal. Am Ende rafft sich dieser klassische Tugendbold zu einem schauerlichen Monolog auf, in dem er Massenhinrichtungen als eine Art hygienischer Maßnahme fordert.

Nachdem Bitos wieder zu sich gekommen ist, beschließt die Gesellschaft, ein öffentliches Haus der Kleinstadt zu besuchen. Die Beteiligten stellen sich an, als wollten sie sich mit Bitos versöhnen, in Wirklichkeit planen sie, den Staatsanwalt durch den Besuch des Freudenhauses vor aller Welt bloßzustellen.

Ein junges Bürgermädchen - in der Aufführung wird es von Anouilhs Ehefrau, Charlotte Chardon, gespielt - versucht aus Mitleid, Bitos zurückzuhalten: »Bleiben Sie arm! Armut ist Reinheit. Gehen Sie heute nicht mit ihnen, Sie würden sich nur noch mehr erniedrigen.« Mit wutverzerrtem Gesicht gibt der arme Bitos seine Antwort; sie ist der Schluß des Stückes: »Danke, mein Fräulein, vielen Dank für die Belehrung. Sie gehören zu denen, die ich zuerst liquidieren werde, wenn ich an der Macht bin!«

Exekution im Hof

Bisher pflegte Anouilh seine Theaterstücke in zwei Gruppen aufzuteilen, in die »Pièces noires« und die »Pièces roses«, die schwarzen und die rosa Stücke, die tragischen und die heiteren. Französische Kritiker meinen, der »Arme Bitos« sei auch in die Kategorie der schwarzen Stücke nicht mehr einzuorden. Von allen Schauspielen des Dramatikers Anouilh gilt dieses als das am meisten menschenfeindliche, weil in ihm als Motive der Politik, der Geschichte und des menschlichen Verhaltens nur noch Egoismus oder sogar Rachsucht konstatiert werden.

Dennoch hat Anouilh einige prominente Verteidiger gefunden, die sein Schauspiel gegen den einheitlichen Verriß der Zeitungskritiker in Schutz nahmen. Der Drehbuchautor und Regisseur Henri Georges Clouzot ("Lohn der Angst") eröffnete den Gegenangriff mit einem Artikel, den er in der Zeitschrift »Arts et Spectacle« veröffentlichte.

»Am Abend der Premiere«, schrieb Clouzot, »machten dreihundert Besucher im Namen der Republik und im Namen der Meinungsfreiheit dem Autor einen Vorwurf daraus, nicht so zu denken wie sie. Als der Vorhang nach dem ersten Akt fiel, drehte ich mich im Saal um. Ich fand dreihundert Bitos vor mir, weiß vor Wut. Wenn man ihnen Maschinenpistolen gegeben und Straflosigkeit zugesichert hätte, würden sie Anouilh noch während der Vorführung im Hof des Theaters erschossen haben.«

Filmregisseur Jean Delannoy (La Symphonie pastorale") schrieb: »Was die Leute Anouilh vorwerfen, ist eine Anhäufung von Wahrheiten, durch die ihre gute Meinung über sich selbst gestört wird ... Sobald ein Autor den Mut hat, die Gerechtigkeit der Menschen anzuzweifeln, und sobald er seinen Ekel vor den niedrigen, ehrlosen und üblen Kompromissen der Gesellschaft formuliert, stößt er auf die ungeheure Übermacht der Mediokren, die es sich in ihrem moralischen und intellektuellen Komfort bequem machen, auf jene Mehrheit, die - wenn sie sich angegriffen fühlt - niemals verfehlt, Frankreich ins Spiel zu bringen, als dessen reinste Verkörperung sie sich fühlt.«

Der Schriftsteller Marcel Aymé warf dem Publikum und der Kritik vor, sie hätten durch ihr Verhalten den Beweis geliefert, daß die Thesen Anouilhs richtig seien. Die Zeitschrift »Arts et Spectacles« resümierte: »Bitos verkörpert Robespierre, aber er verkörpert auch Savonarola, aber auch Hitler. Welche Farce! Wir sahen einen ganzen Theatersaal Adolf Hitler verteidigen! Das lohnte, gekommen zu sein ... Wir irren uns nicht: Bitos ist von der Gattung, aus der die Rassisten, die kalten Mörder, die herzlosen Untersuchungsrichter stammen. Er ist der arme und neidische, der hassende und vergeltungssüchtige Hitler, der in Wien fast vor Hunger umkam, dieser Gescheiterte, der davon träumte, ein ganzes Volk am Strick zu ziehen, der Mann mit dem engen Horizont und der methodischen Wut.«

Immerhin haben die Thesen des Dramatikers Anouilh und die Wutschreie seiner Gegner dem Schauspiel »Armer Bitos« zu dem bisher größten Publikumserfolg der Pariser Saison verholfen. Für dieses Phänomen hat der französische Schriftsteller Morvan Lebesque, der in Frankreich ohne besonderen Erfolg als Übersetzer den englischen Dramatiker Christopher Fry durchzusetzen versuchte, eine Erklärung gefunden, die gegenüber dem Publikum wie gegenüber dem Autor Anouilh gleichermaßen hämisch klingt. »Die Mehrzahl der Franzosen von heute«, schrieb Lebesque, »liebt es, denjenigen auf die Schulter zu klopfen, die Geschichte machen, und zu ihnen zu sagen: 'He, Kumpel, du bist wie wir'. Der Autor, der das zu zeigen versteht, kann jederzeit ein Theater füllen.«

Kostümfest im Kloster*: »Einladung in die Jauchegrube«

Autor Anouilh

»Eine Beleidigung Frankreichs«

Filmregisseur Clouzot

Das Publikum verteidigt Hitler

* Szenenbild: Von links nach rechts, die Ehefrau Anouilhs, Charlotte Chardon, in der Rolle der Lucile Desmoulins, Festteilnehmer in den Masken von Louis XVI. und Marie Antoinette und der Schauspieler Michel Bouquet als der »arme Bitos«.

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