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Hans Paul Bahrdt über Dutschke u. a.: "Rebellion der Studenten ... MANGEL AN AUGENMASS

Professor Hans Paul Bahrdt, 49, ist Ordinarius für Soziologie in Göttingen. Er veröffentlichte Untersuchungen über »Industriebürokratie« und »Die moderne Großstadt« und, in diesem Frühjahr. die Schrift »Humaner Städtebau« (SPIEGEL 18/1968). -- Das Rowohlt-Taschenbuch »Rebellion der Studenten oder die Neue Opposition« mit Beiträgen der Studentenrebellen Dutschke, Lefèvre, Bergmann und Rabehl, erschienen kurz nach dem Attentat auf Dutschke, steht seit vier Wochen auf der SPIEGEL-Bestseilerliste. Seine Auflage stieg bereits über 130000, Übersetzungen werden in Italien, Frankreich, Dänemark und Schweden erscheinen.
aus DER SPIEGEL 24/1968

Der Titel der von Uwe Bergmann, Rudi Dutschke, Wolfgang Lefèvre und Bernd Rabehl geschriebenen Schrift »Rebellion der Studenten oder die Neue Opposition« drückt genau die Kernfrage aus, auf die die verzweigten und zum Teil komplizierten Erörterungen immer wieder hinführen und die zuletzt für den Leser doch offenbleibt.

Der erste Beitrag von Uwe Bergmann gibt, zwar nicht unparteiisch, aber doch mit gewisser Distanz, einen historischen Überblick über die Berliner Ereignisse bis zum 2. Juni 1967. Dem Leser wird vor Augen geführt, wie gerade an der Freien Universität Berlin, einer politischen Gründung mit Reformprogramm, die inneruniversitären Konflikte exemplarische Schärfe gewinnen und sich auf eine Thematik ausweiten mußten, die die alten Ärgernisse der deutschen Universität weit überschreitet.

Vor allem die Beiträge von Dutschke und Lefèvre versuchen zu zeigen, welcher tiefere Sinn in diesem überraschenden Eskalationsprozeß steckt. Die Vorgänge an den Universitäten sind für die Autoren nur Teil einer weltweiten Revolution, die mit dem Begriffsapparat der neueren marxistischen Revolutionstheorie erklärt wird.

In einer kurzen Rezension kann nicht dargestellt werden, in welchen Gedankenschritten etwa Dutschke von einer Interpretation klassischer Marx-Texte über die marxistische Imperialismustheorie und eine maoistisch anmutende Kritik an Sowjetrußland zu einer Skizzierung der spätkapitalistischen Weltgesellschaft gelangt. Diese geschlossene, allzu geschlossene Gedankenführung findet man anderswo ausführlicher. Auch Dutschke ist natürlich in der Lage, sie breiter, mit mehr Belegen und weniger skizzenhaft darzustellen, als dies auf den ihm zur Verfügung stehenden Seiten eines Taschenbuchs möglich war.

Interessant ist, wie die Studentenrebellion in diesen weltweiten Zusammenhang eingeordnet wird. Hierzu muß man die Ausführungen von Dutschke mit denen von Lefèvre, die ja auch nach dem Willen der Autoren einander ergänzen sollten, zusammen sehen.

Lefèvre konzentriert sich in einer ähnlichen Verkoppelung von historischer und systematisch deutender Betrachtungsweise, wie sie für marxistisches Denken stets charakteristisch war, auf die neuere Geschichte der deutschen Universität. Die deutsche Universität trägt nach seiner Ansicht immer noch die Züge der Humboldt-Zeit, das heißt einer Epoche, in der der an der Schwelle der neuen Zeit stehende Feudalstaat sich eine Ausbildungsstätte schuf, die ihm half, Wissenschaft und Bürgertum in seinen Dienst zu nehmen:

»Die Aufgabe war, den Adel die Politik für das Bürgertum führen zu lassen, das es ökonomisch zu tolerieren, ja zu fördern, politisch jedoch in jedem Fall entmündigt zu halten galt. Diese Ausweitung der Funktion des Feudalstaats erforderte den Typ eines Staatsdieners, der nicht mehr allein ein willfähriges Werkzeug der Willkür und Beschränktheit der Adligen sein durfte, sondern auch der Spezialist des Klassenkompromisses innerhalb des Spielraums, den die Feudalklasse als Ganze zugestand ... Die wissenschaftliche Betätigung, in »Einsamkeit und Freiheit« ausgeübt, sollte die Erziehung der Persönlichkeit gewährleisten, die über den Partikularinteressen der Schichten und Klassen stünde.«

Lefèvre sieht in der Humboldtschen Universität einen Kompromiß mit dem Bürgertum, der »zugleich die politische Emanzipation des Bürgertums verhinderte": »Das Bürgertum, das in anderen Teilen Europas zur politischen Gewalt geworden war, blieb hierzulande Idee, geknüpft an die Bildung einer Persönlichkeit, die nicht Diener eines idealen Staats, sondern des Feudalstaats war. Seinen institutionellen Ausdruck fand dieser feudale Charakter der neuen Universität in ihrer hierarchischen Struktur, die im Lehrstuhlinhaber die Karikatur des aufgeklärten absoluten Fürsten hervorbrachte.«

In diesem Gedankengang finden sich sicherlich manche historische Ungenauigkeiten und gewaltsame Deutungen eines komplexeren historischen Prozesses. (Wie feudal war der bürokratische Fürstenstaat des beginnenden 19. Jahrhunderts? Was erbringt der Vergleich des Lehrstuhlinhabers mit dem aufgeklärten Despoten?) Immerhin sind diese Betrachtungen Ausgangspunkt für eine Entlarvung des freiheitlichen Selbstverständnisses der Universität bis in unsere Zeit. »Freiheit der Forschung und Lehre« sei von vornherein nur gemeint als eine »Freiheit in Weltabgeschiedenheit«, abseits der Politik. »Autonomie«, Selbstverwaltung kann unter diesen Voraussetzungen nur die der in dieses System integrierten Ordinarien sein:

»Diese Persönlichkeit wird im hierarchisch-korporativen Ritual der Universitätslaufbahn produziert; eine säkularisierte Form alter Reinigungs- und Abtötungsrituale, deren Resultat der von aller konkreten Geschichte gereinigte Wissenschaftler ist. Die Autonomie der Universität als Ausdruck der Abkehr universitärer Wissenschaften von Geschichte und Politik überhaupt findet in der autonomen Ordinarienpersönlichkeit ihre mikrokosmische Entsprechung: Beides garantiert, einander ergänzend, daß die wissenschaftliche Wahrheit von aller geschichtlichen und politischen Bestimmung gereinigt ist.«

Wenn auch in einer kaum zulässigen Vereinfachung, so wird hier doch der Kern des gebrochenen Verhältnisses der deutschen Universität zur Politik getroffen. Zugleich wird auch deutlich, daß die von vielen geschätzte -- nur in der NS-Zeit jäh unterbrochene -- traditionelle Liberalität der deutschen Universität in Ratlosigkeit und diffuse Wechsel von Nachgiebigkeit und Repression umschlägt, wenn ihre politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen nicht nur in Seminardiskussionen, sondern durch studentische Aktionen in Frage gestellt werden. (Systemkonformer Antikommunismus wurde hingegen kaum als störend empfunden.)

Woher kommen nun die Konflikte? Auf den ersten Blick scheinen sie recht heterogen, sowohl hinsichtlich ihres Themas als auch ihres politischen Gewichts. Aus der Perspektive der Studenten bilden sie aber eine Einheit:

Der Protest gegen den »imperialistischen Krieg« in Vietnam muß an einer Universität in dem von den Amerikanern geschützten Berlin besondere Ängstlichkeit der um ihre politikfreie Autonomie fürchtenden Universitätsleitung erzeugen. Pläne zur »Zwangsexmatrikulation« und Studienzeitverkürzung werden als Versuche des technokratisch modifizierten spätkapitalistischen Systems gedeutet, dem es lediglich um eine effektivere Ausbildung von Spezialisten geht, das jedoch mit den immanenten emanzipatorischen Tendenzen moderner Wissenschaft nichts im Sinn hat.

Vor allem aber werden die verschiedenen Formen und Eskalationsstufen studentischer Politik als ein politischer Lernprozeß, als ein Prozeß der Bewußtwerdung und damit auch als Vorstufen oder bereits als Frühphasen einer revolutionären Bewegung gedeutet. So können verhältnismäßig nebensächliche Ereignisse bedeutsam sein, wenn sie zur Korrektur der politischen Taktik und zur Entlarvung des verhüllten Herrschaftssystems führen.

Marxistisches Kredo ist, daß die politische Praxis, deren Erfahrungen freilich kontinuierlich diskutiert werden müssen, und nicht die wissenschaftliche Tätigkeit allein zu politischer Erkenntnis und zum Bewußtsein führt. Nur so kann man verstehen, warum so intelligente Autoren mit einem ungewöhnlich anspruchsvollen Vokabular auch verhältnismäßig harmlose Sit-ins, Asta-Erklärungen und Spaziergangdemonstrationen mit der gleichen Leidenschaft erörtern wie die Vorgänge in Vietnam, im Kongo oder in Lateinamerika. (In dem Buch werden die Ereignisse des 2. Juni 1967 bereits als bürgerkriegsähnlich gedeutet. Von den Osterereignissen ist noch nicht die Rede.)

Man fragt sich oft, ob die Autoren, die natürlich nichts dafür können, daß sie in der Bundesrepublik noch nicht in eine wirklich revolutionäre Situation geraten sind und die deshalb über eine beschränkte Erfahrung verfügen, das rechte Augenmaß für Ausmaß und Grade der Ernsthaftigkeit politischer Konflikte haben.

So deuten die Vergleiche zwischen beweglicher Demonstrationstaktik mit dem Guerillakrieg Che Guevaras auf Selbstüberschätzung, obwohl in der Unermüdlichkeit der SDS-Selbstkritik solche Romantizismen auch wieder verurteilt werden.

Hat durch den internen Kampf in der Universität wirklich »Vietnam viel von seiner scheinbaren Abstraktheit« verloren, wie Dutschke meint?

Ein gefährlicher Mangel an Augenmaß zeigt sich auch in der Beurteilung der Vietnam-Demonstration vom 21. Oktober 1967: »Es galt am 21. durch systematische, kontrollierte und limitierte Konfrontation mit der Staatsgewalt und dem Imperialismus in West-Berlin die repräsentative »Demokratie' zu zwingen, offen ihren Klassencharakter, ihren Herrschaftscharakter zu zeigen, sie zu zwingen, sich als »Diktatur der Gewalt' zu entlarven ...«

Dieses Ziel wurde nicht erreicht infolge einer »falschen Einschätzung der Anpassungsfähigkeit der polizeilichen Repression«. »Die Vietnam-Veranstaltungen in der Woche vor der Demonstration blieben fast reine Informationsveranstaltungen, Spezialisten referierten und Zuhörer konsumierten. Politisch-organisatorisch mußte sich dieses Zusammenspiel als legale und angepaßte Demonstration reproduzieren, was dann auch am 21. für mehr als die Hälfte der 10 000 eintrat.«

Also war das Ziel nicht erreicht, weil der überlegene Klassengegner der Demonstration eine legale Chance gab.

Für mein spießbürgerliches Empfinden wird die revolutionäre Gymnastik hier lebensgefährlich.

Die Demonstration gegen den Vietnam-Krieg in Berlin -- so wird es wohl auch die Mehrheit der Teilnehmer aufgefaßt haben -- hatte einen durchaus politischen Sinn: aber als Demonstration (nicht mehr und nicht weniger), das heißt als eine deutliche Willenskundgebung, die mit zahlreichen anderen Demonstrationen in aller Welt dazu beitrug, den Amerikanern, die gern geliebt werden, vor Augen zu führen, daß auch unter ihren treuen Bundesgenossen ihre Vietnam-Politik nicht gebilligt wird.

Das ist nicht viel, aber es bedeutet für die »Tauben« in den USA eine gewisse propagandistische Unterstützung. Gibt man ihr aber eine Funktion in einem revolutionären Eskalationsprozeß, der angeblich in der Bundesrepublik schon begonnen hat, dann liegt eine völlige Fehleinschätzung der politischen Situation vor. Man riskiert Blutbäder, bevor das System, das sturmreif gemacht werden soll, begonnen hat, seine Machtreserven zu mobilisieren, die natürlich sehr viel größer sind, als sie im Kuba Batistas waren.

Dies lenkt zu der Titelfrage zurück, ob die Rebellion der Studenten bereits die neue Opposition sei.

Falls sich in der Bundesrepublik eine neue Opposition bildet, die die Verhältnisse ändert, werden die rebellierenden Studenten ohne Zweifel eine wichtige Rolle, in gewisser Hinsicht die einer Avantgarde, spielen. Immerhin haben sie gezeigt, daß außerhalb der Institutionen und etablierten Parteien bei minimalem Organisationsaufwand mit Massenaktionen zielbewußt politisch gehandelt werden kann. Mit »Vermassung hat dies nichts zu tun, allerdings mit der Entstehung eines neuen plebiszitären Elements, auf das auch eine repräsentative Demokratie nicht verzichten kann. Hier haben sich die Väter des Grundgesetzes und unsere arrivierten Parteipolitiker geirrt.

Nun haben die Autoren des besprochenen Buches die repräsentative Demokratie freilich abgeschrieben. Sie halten sie nicht nur für unheilbar, sondern unterstellen ihr, als der typischen Regierungsform des Spätkapitalismus, einen systemimmanenten faschistischen Charakter. Der Systemzwang ihres Spätmarxismus erlaubt es nicht, zu einer anderen Interpretation der Kurzschlußreaktionen unseres verängstigten Establishments zu kommen.

Mit dieser Ansicht, anders als mit einer Reihe anderer kritischer Auffassungen, die von einem großen Teil der studentischen Opposition geteilt werden, vertreten die Autoren allerdings nur die Ansicht einer kleinen Minderheit innerhalb der heutigen studentischen und sonstigen Außerparlamentarischen Opposition. Aber da es noch keine revisionistische Theorie und Strategie der neuen Linken gibt, haben sie im Strudel einer immer breitere Kreise erfassenden Bewegung einen größeren Einfluß, als es der Leser bei der Lektüre des Buches, falls er vor seiner artifiziellen Dialektik nicht kapituliert, vermuten würde.

Auf die Dauer wird den Wortführern der studentischen Opposition der Weg in das Getto des Sektierertums kaum erspart bleiben; es sei denn, sie vollziehen -- vielleicht mit systematischer dialektischer Begründung -- eine Wendung zu einer Volksfront- oder Koexistenzkonzeption.

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