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JAZZ Mann vom Mars

Er wurde berühmt als Bebop-Pionier und Meister des Swing. Nun startet der legendäre Jazzbassist Ray Brown eine Deutschlandtournee.
aus DER SPIEGEL 5/1999

Schon äußerlich ist das Instrument dazu angetan, fast jeden, der sich an ihm versucht, zur Witzfigur zu degradieren - und auch in der Fachwelt genießen die Virtuosen am bauchigen Holzkasten wenig Respekt: »Als Kontrabassist sind Sie der letzte Dreck«, jammert deshalb der traurige Held in Patrick Süskinds Bühnenstück »Der Kontrabaß«.

Ray Brown kennt die Minderwertigkeitskomplexe seiner Kollegen: »Baßspieler sind im allgemeinen keine Führungspersönlichkeiten«, sagt er, »aber im Jazz gibt es ein paar großartige Ausnahmen.« Charles Mingus und Charlie Haden etwa brachten es zu Bandleader-Ruhm, »und überhaupt ist der Jazz für Bassisten ein Paradies. Wo sonst gibt es Baßsoli?« Trotzdem leistet auch im Jazz der gewöhnliche Bassist meist nur Basisarbeit - und darf allenfalls als Chef der Rhythmusgruppe das Tempo vorgeben. Genau das hat Ray Brown, ein massiger Mann mit großen Händen, in Orchestern von Louis Armstrong und Duke Ellington einst getan. Er begleitete Ella Fitzgerald (mit der er vier Jahre verheiratet war), gehörte zu den Gründern des Modern Jazz Quartet und spielte mit Sonny Rollins den Klassiker »Way Out West« ein. Mit den Stars von Jazz at the Philharmonic und mit dem Oscar Peterson Trio reiste er um die Welt.

Heute ist Brown 72, sieht 20 Jahre jünger aus und gilt in der Jazzgemeinde als unübertroffener Meister auf seinem Instrument - die Wiener »Presse« erhebt ihn gar zu einem »Gott des ewigen Jazz«. Weil aber solche Komplimente immer ein wenig so klingen, als wünsche man dem Gepriesenen eine baldige Himmelfahrt, hat sich Brown nun abermals ans Werk gemacht und eine neue CD aufgenommen, die er im März auf einer Tour durch deutsche Konzertsäle vorstellt: »Some of My Best Friends ... Are Singers« präsentiert Aufnahmen des Brown-Trios mit populären Jazzsängerinnen und -sängern wie Dee Dee Bridgewater und Kevin Mahogany - und ist eine Lehrstunde in der Kunst des Swing.

Als »vorwärtstreibenden Rhythmus bei unerschütterlich durchgehaltenem Tempo« hat der deutsche Gitarrist Volker Kriegel das unverwüstliche Jazzgrundelement des Swing einmal definiert; als »geradezu unheimlichen Sog, der einen ganzen Klangkörper mühelos gemeinsam abheben läßt«.

Genau darin ist Brown bis heute unübertroffen - und er fand nichts dabei, mit seinen Künsten auch populären Showstars beizuspringen: Frank Sinatra etwa half er ebenso im Studio aus wie Linda Ronstadt für ihr Erfolgsalbum »What's New«.

Angefangen hat Brown als Schüler im Orchester seiner Junior High School in Pittsburgh, wo er meist Volkstümliches und Klassisches einstudierte. An den Wochenenden allerdings übte er zu den Jazzplatten seines Vaters; der war Koch und verdiente in der Woche zwölf Dollar.

Brown Junior brachte von seinen Auftritten mit lokalen Bands bald mehr nach Hause. »In Clubs, Ballsälen und auf Straßenfesten tanzten damals die Leute zu Swing und Blues«, berichtet der Musiker - und zählt stolz Jazzgrößen auf, die aus seiner sonst nur als Amerikas Stahlküche bekannten Heimatstadt Pittsburgh stammen: Roy Eldridge etwa, Erroll Garner, Art Blakey und George Benson.

Als 19jähriger brach Brown 1945 nach New York auf, wo er bald von den Bebop-Stars Charlie Parker und Dizzy Gillespie engagiert wurde: »Unsere Musik klang damals so fremdartig«, erklärt Brown, »daß uns die Leute ,Männer vom Mars' nannten.«

Mitte der Sechziger zog Brown um nach Kalifornien, wo er bis heute lebt - und wurde bald nicht nur als Musiker, sondern auch als Geschäftsmann geachtet: Oscar Peterson und andere Jazzgrößen überließen ihrem Bassisten Brown oft das Aushandeln der Verträge: An Selbstbewußtsein und Lebenstüchtigkeit konnte es kaum einer mit ihm aufnehmen.

So vertrat Brown jahrelang die Interessen von Quincy Jones, der später als Produzent der Pop-Ikone Michael Jackson zum vielleicht wichtigsten Mann der Branche aufstieg; er managte das Modern Jazz Quartet, in dem er einst gespielt hatte - und litt: »In den Kulissen zu stehen und nur zuzuhören - das war kaum auszuhalten.«

Also kehrte Brown ins Studio und auf die Bühne zurück - und gibt sich heute, ganz gegen die Gepflogenheiten des Bassistenstandes, als glücklicher Mensch: »Warum sollte ich jammern oder mich mit Komplexen quälen?« fragt er. »Ich werde bestens bezahlt für das, was ich am liebsten tue.« HANS HIELSCHER

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