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»Mann, wie mich das alles nervt«

aus DER SPIEGEL 10/1977

So'n Horror, wat'n Horror": Roland, Lichttechniker der Ost-Berliner Rockband Puhdys, sagt es bei jeder Gelegenheit. Aber diesmal, vorletzten Samstag im Braunschweiger Freizeit-Zentrum Bürgerpark, war es wohl wirklich angebracht.

Bis knapp eine Stunde vor dem Eröffnungskonzert ihrer ersten Tournee durch die Bundesrepublik bangten die fünf derzeit prominentesten Popmusikanten der DDR, ob sie -- ab durch die Mauer! -- telephonisch wieder zurückgepfiffen werden würden. Da war nämlich, zu ihrem Entsetzen, ein Kamerateam der West-Television »Kennzeichen D« aufgefahren, und Aufnahmen für politische Sendungen hatten die Oberen in Ost-Berlin nicht erlaubt.

Buchstäblich im letzten Moment kam aus dem DDR-Kulturbüro grünes Licht. Der »Sturmvogel« (so ein Songtitel) konnte aufsteigen; doch noch tagelang hielt sich die Nervosität, »ob die uns nicht in die Pfanne gehauen haben«. Dann, Mittwoch vormittag im Kieler Hotelzimmer, Erleichterung bei der eilig aus dem Bett getrommelten Truppe und hinterm Rasierschaum des Tourneebegleiters Egon Werther: »Kennzeichen D« hatte, die Wiederholungssendung vom Vorabend erwies es, kommentarlos nur wenige Minuten Musikausschnitte gebracht.

So manches Mal schon haben sich die Puhdys, politische Publizität kaum gewohnt, in der westlichen Medien-Mühle unbehaglich gefühlt -- etwa bei einer Funksendung in Bremen, als ein Reporter fragte: »Na, aber auf Wohnungssuche in der Bundesrepublik seid ihr wohl noch nicht?« Sie scheuen Auskünfte über ihr Privatleben, wenn dann -- wie beim NDR -- auf die Mitteilung, ein Musiker besitze ein Reihenhaus, die gesellschaftliche Einschätzung folgt, hier machten Kleinbürger in Jeans-Verkleidung die Musik.

Nicht einmal die beinahe überall von verhuschten SDAJ-Mäusen überbrachten »besten solidarischen Grüße«, nicht mal der leicht verkniffen durchgestandene Pflichtbesuch bei einem Kappenabend der DKP (in Braunschweig) scheinen die Band sonderlich zu erheitern. Und wenn gar unbekannte Verwandtschaft des einen nach der Show auch alle anderen »zum pommerschen Revanchistentreffen« (Musiker-Ulk) mit Korn und Kalauern in eine protzige Werft-Villa verschleppt, ist schon mal der Stoßseufzer zu hören: »Mann, wie mich das alles nervt.«

Denn die Tournee, 12 Auftritte in 14 Tagen mit Auto-Distanzen von bisweilen 500 Kilometern, belastet die DDR-Topstars ("Daheim läuft's bequemer") ohnehin über Gebühr. Zwischen Rostock und Riesa an komfortable, stets ausverkaufte Arenen wie den Ost-Berliner Friedrichstadt-Palast gewöhnt, rocken sie westlich der Grenze vorerst auch für 300 Besucher in abgelegenen Jugendheimen -- so in Bremerhaven.

An Intensität lassen sie's dennoch nicht fehlen. Sänger Dieter Hertrampf beispielsweise, der eine brillante Soul-Version des Beatles-Hits »A Little Help From My Friends« sowie eine urkomische Schlagerparodie ("Zwei Möwen, zwei Herzen") hinfetzt, mußte am fünften Tourneetag mit saurem Hals von der Autobahn weg in eine Bremer Klinik gekarrt werden, um abends wieder bei Stimme zu sein.

Zudem sind die Musiker, deren Hotelzimmer nicht mehr als 25 Mark pro Nacht kosten dürfen, durch den »ungewohnten Konsumterror« irritiert. Fast jede Mahlzeit bietet für irgendeinen ein Debüt. Dieser hatte vordem noch keine Muscheln, jener noch nie Pizza verspeist. »Jetzt hab' ich«, sagt Roland, der Roadie, beim Frühstück, »zum erstenmal in meinem Leben Schinkencreme probiert.«

Von ihren Abendgagen werden nach Abzug der Reisekosten und rund 40 Mark Tagesspesen 30 Prozent -- »Zwangsumtausch« -- in die DDR transferiert. Der Rest West geht vor allem für Instrumente, elektronische Geräte, Rock-Schallplatten, wohlfeilen Beat-Dress und modischen Tinnef wie das Feuerzeug im Lederhalfter drauf, das Sänger Dieter Birr stolz auf der Brust baumeln läßt.

In der Kunst, mit geringem Aufwand gute Effekte zu erzielen, ist die Gruppe, die in der DDR von drei Langspielplatten immerhin mehr als 750 000 Exemplare absetzen konnte, ohnehin geübt. Weil in Ost-Berlin kein genügend großer Posten jener T-Shirts, die sie -- mit »Puhdys«-Aufdruck -- derzeit in den Konzert-Foyers verscherbeln, zu haben war, ließen die Musiker die gewünschte Menge von Freunden und Verwandten in der ganzen DDR zusammenkaufen. 450 Stein-Männchen, die sie als Werbegeschenke mit sich führen, hat ihnen ein altes Mütterlein aus Ostsee-Kieseln zusammengeklebt.

Sie wissen durchaus, was sie ihrem Ruf als populärste Beatband des Arbeiter-und-Bauernstaates schuldig sind. Als Bäcker, Schleifer, Lehrer, Ofensetzer und Bauzeichner hatten sie einst die Großen des Schaugeschäfts ebenso angehimmelt wie jene Buben und Mädchen, die jetzt um Autogramme bei ihnen Schlange stehen.

Nur selten freilich, und schon gar nicht im »Westen, verirrt sich ein weiblicher Fan bei ihnen ins Doppelbett. »Wir sind keine Party-Typen«, sagt Pianist Peter Meyer, »wir trinken viel lieber Milch und Cola als Alkohol.« Auch seien für erotische Abenteuer, ergänzt Elektrobassist Harry Jeske, »der Abstand und die Befangenheit« wohl zu groß.

Nur langsam lernen die DDR-Rocker, mit dem westlichen Pop-Volk zu kommunizieren. Im östlichen Musiker-Jargon ist ein bezahlter Auftritt laut Schlagzeuger Gunther Wosylus immer noch »eine Mucke«. Im Westen heißt die gleiche Übung, gut englisch, dagegen »ein Gig«.

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