Margarete Stokowski

Politikerverhalten unterm Mikroskop Sollen sie doch Flugtaxi fliegen, mir egal

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Die neue Regierung ist kaum eine Woche im Amt, schon wird über Karl Lauterbachs Zähne und Robert Habecks Frühstück geredet. Das ist nicht schlimm, aber zielführend wären ganz andere Dinge.
Sehr, sehr schnelles Taxi, leider nicht echt

Sehr, sehr schnelles Taxi, leider nicht echt

Foto: iStockphoto / Getty Images

Wenn man sich für Politik interessiert, dann kommt man nicht umhin, ab und zu in den Graubereich zwischen seriösem Journalismus und Klatschpresse zu geraten. Deswegen weiß ich, dass Friedrich Merz angeblich Hosen bügeln und Spaghetti kochen kann (okay… wer nicht?), dass Anton Hofreiter gern Blumen malt, und welche Hausschuhe Gerhard Schröder trägt, wenn er für seine fünfte Frau versucht, Klavier zu spielen. Das sind die Kollateralschäden, die man einpreisen muss, wenn man umfassend informiert sein will, und das ist so weit auch in Ordnung.

Es interessiert mich eigentlich nicht wirklich, was Politikerinnen und Politiker essen oder welche Kleidung sie tragen oder wie genau sie von A nach B kommen. Ich verstehe, dass anderen Leuten das wichtig ist, man hat halt verschiedene Ansprüche. In den letzten Tagen haben wir, die so was nicht wissen wollen, und die, die so was wissen wollen, folgende Dinge erfahren:

Ja, Mensch. Ich frühstücke hier gerade eine Energydrink-Schorle, aber davon mal abgesehen: Wen juckt das alles? Ja klar, die Medien machen nur ihren Job, zu berichten, und die Politiker*innen machen nur ihren Job, sich zu inszenieren oder in Interviews auf Fragen zu antworten, und es liegt in der Natur der Sache, dass wir jetzt über die neue Regierung auch Kleinkram erfahren. Aber was machen wir mit diesen Informationen? Cui bono?

Man kann nicht den ganzen Tag Selfies mit Pferden machen

Zwei Dinge: Erstens lenkt es ab, und zweitens ist es nicht so verrückt. Es ist nicht so beeindruckend, wenn Baerbock eine Strecke mit öffentlichen Verkehrsmitteln fährt, die ungefähr so lang ist wie von Berlin nach Hamburg, oder wenn Özdemir ein paar Meter mit dem Fahrrad fährt, oder wenn Habeck nicht geschafft hat einzukaufen, mal abgesehen davon, dass »Müsli mit Wasser« jetzt auch nicht so krass ist, wie es klingt, wenn man bedenkt, dass unzählige Menschen jeden Morgen Porridge essen, das ist: Haferflocken mit Wasser aufgekocht. Dass Koalitionsverhandlungen anstrengend sind, haben wir uns alle vorher gedacht, man kann halt nicht den ganzen Tag Selfies mit Pferden machen. Wer einen stressigen Job hat oder Kinder oder eine Krankheit, kommt nicht immer dazu, sich ordentlich zu ernähren, das ist für sehr viele Menschen einfach Alltag.

Was gilt als minderwertig, wenn man arm ist, aber als nobel, wenn man reich ist?

Können wir aufhören, reiche Leute dafür zu feiern, dass sie etwas Nachhaltiges oder Sparsames tun, das arme Menschen ständig tun? Was hier passiert, ist seit Jahren ein Meme im Internet . Die Frage »What's considered trashy if you're poor, but classy if you're rich?« findet sich in verschiedenen Varianten in diversen sozialen Medien, also: Was gilt als minderwertig, wenn man arm ist, aber als nobel, wenn man reich ist? Darunter fallen so unterschiedliche Dinge wie: öffentliche Verkehrsmittel benutzen, zerrissene Jeans tragen, bilingual aufwachsen, einen Cousin heiraten, tagsüber Alkohol trinken, Spenden sammeln, zu einem öffentlichen Anlass zweimal dasselbe anziehen, Secondhand-Klamotten, Leitungswasser trinken, seinen Kindern ungewöhnliche Namen geben, wenig Möbel besitzen, mehr als zwei Kinder kriegen, ... sagen wir mal so, die Liste ist lang.

Wenn es um Konsum und Nachhaltigkeit geht, verhalten sich arme Leute oft notwendigerweise besser als reiche, weil sie weniger kaufen, weniger fliegen, weniger heizen, Dinge länger benutzen oder öfter reparieren. Das individuelle Konsumverhalten der allermeisten Leute spielt fürs Klima keine so wahnsinnig große Rolle im Verhältnis zu dem, was reiche und sehr reiche Menschen tun. Das heißt nicht, dass es egal ist, wie viel Plastikmüll man produziert, aber man kann schon mal die Relationen im Auge behalten: Laut einer Oxfam-Studie wird das reichste Prozent der Menschen bis 2030 für 16 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich sein. Wenn ein Milliardär ins All fliegt, einfach, weil er es kann, dann verursacht er damit »mehr Emissionen, als jemand aus der ärmsten Milliarde Menschen in seinem ganzen Leben zusammenbringe«, schrieb die Süddeutsche Zeitung neulich .

Es ist angemessen, wenn Politiker*innen, die grüne Politik machen wollen, Bahn oder Fahrrad fahren, ja. Aber ganz ehrlich? Von mir aus könnten sämtliche Grünenpolitiker*innen mit plutoniumbetriebenen Flugtaxis unterwegs sein, wenn sie für uns normale Leute den ÖPNV kostenlos machen würden oder zumindest sehr viel billiger.

Als Minister gewählt, nicht als Model

Natürlich könnte man sagen, aber Politiker*innen sollten doch auch Vorbilder sein. Ja? Ich weiß nicht, ehrlich gesagt. Hauptsächlich sollten sie gute Politik machen. Vor ein paar Tagen habe ich auf Twitter gesehen, dass Leute auf Fotos von Karl Lauterbach rangezoomt haben, um zu zeigen, dass er schlechte Zähne hat, um damit wiederum zu zeigen, dass er kein guter Gesundheitsminister sein kann. Nun ist er aber halt nicht als Model vereidigt worden, sondern als Politiker. Von mir aus müsste er gar keine Zähne haben, wenn er nur dafür sorgen würde, dass die Krankenkassen vielleicht mal Brillen oder Kontaktlinsen und Zahnersatz bezahlen statt Homöopathie.

Man wird nicht davon wegkommen, dass Politiker*innen immer auch danach bewertet werden, wie sie sich als Menschen verhalten, und das ist normal und okay. Aber wenn man zu sehr darauf guckt, wer wann mit der Bahn oder mit dem Fahrrad gefahren ist oder mal etwas reduziert gefrühstückt hat, vergisst man eventuell, was die eigentlichen Aufgaben von Politiker*innen sind. Politik ist immer auch Show und Inszenierung, aber wenn man das Spiel zu sehr mitspielt, macht man sich leider auch ein bisschen zum Affen.