Margarete Stokowski

Neiddebatte Ich wurde geimpft

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Ein Impftermin – und ein neues Gefühl flammt auf: Darf ich? Wäre es nicht doch besser, wenn eine Person drankäme, die ihn dringender braucht?
Nach der Impfung (Symbolbild)

Nach der Impfung (Symbolbild)

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stock&people / imago

Die gute Nachricht zuerst: Die Herde wächst, immer mehr Leute sind geimpft. Die schlechte Nachricht: Das geht nicht nur mit Freude über die Impfungen einher, sondern auch mit Neid und Missgunst, Wut und Vorwürfen, mit Scham und Unsicherheit – und es müsste nicht so sein. Was irgendwann »Flatten the curve!« war, ist heute manchmal nur noch: »Warum ist DER denn jetzt schon geimpft?«

Wenn eine Pandemie auf eine Gesellschaft trifft, in der es viel Ungleichheit gibt, dann ist es erst mal ziemlich selbstverständlich, dass dabei verschiedene Formen von Neid entstehen. Leute, die sich an ihrem Arbeitsplatz einem Risiko aussetzen müssen, sind oft neidisch auf solche, die im Homeoffice sitzen können. Leute ohne Balkon sind neidisch auf Leute mit Balkon. Und Leute ohne Impftermin sind neidisch auf Geimpfte. Es macht vermutlich wenig Sinn, Leuten mit Impfneid zu erklären, dass diejenigen, die jetzt schon geimpft sind, allergrößtenteils gute Gründe dafür haben, und dass die Impfneidischen diese Gründe wahrscheinlich nicht gern selbst hätten: chronische Krankheiten, riskante Jobs, pflegebedürftige Angehörige und so weiter. Aber der Neid ist da und man muss mit ihm umgehen.

Und Neid an sich ist erst mal auch nicht schlecht oder falsch, sondern menschlich. Die Autorin Teresa Bücker schrieb neulich : »›Impfneid‹ ist ein irreführender Begriff. Es ist der berechtigte Wunsch, keine Angst mehr haben zu müssen. Ein Wunsch nach Schutz.«

Vielleicht ist es sinnvoll, zwischen verschiedenen Formen von Neid zu unterscheiden. Wenn Neid nur bedeutet, dass man etwas haben will, was jemand anderes schon hat, dann ist er nicht verwerflich, auch beim Impfen. Millionen Menschen warten auf ihre Impfung, da bleibt es nicht aus, dass sie von den Impfungen anderer erfahren und denken: Ich will auch. Wenn Neid aber mit Missgunst gemischt ist, wird es schwieriger. Das wäre dann nicht nur »Ich will auch«, sondern: »Ich hätte diese Spritze mehr verdient als du.«

Ich fände es wichtiger, dass Eltern früh geimpft werden, als dass Polizist*innen priorisiert werden

Es ist wenig edel, auf Wikipedia zu recherchieren, aber ich habe dort die Unterscheidung zwischen »konstruktivem« und »destruktivem Neid« gefunden, die ziemlich genau der obigen Unterscheidung entspricht: im konstruktiven Fall will man etwas auch haben, während man es im destruktiven Fall wegnehmen will. Beim Impfneid gibt es beide Varianten. Die kollektive Aufgabe, vor der wir stehen, ist, die destruktive Form in die konstruktive Form umzuleiten.

Ich wurde letzte Woche geimpft. Die meiste Zeit davor habe ich keinen Impfneid verspürt, das lag aber vielleicht auch daran, dass ich ein bisschen fatalistisch drauf war. Noch so ein Punkt: Impfneid ist insofern etwas Gutes, als er anzeigt, dass man überhaupt Wünsche hat und das ist ja auch nicht selbstverständlich. Jedenfalls flammte mein Impfneid an einem Tag auf, als ich innerhalb kurzer Zeit von mehreren Leuten hörte, dass sie überraschend eine Impfeinladung bekommen hätten und nicht wussten, warum. Während ich auf meinen längst fälligen Code wartete. Ich wollte den Leuten ihre Termine nicht wegnehmen, ich wollte nur endlich diese blöde Nummer kriegen, um einen Termin zu machen.

Dann kam der Code und ich bekam einen sehr baldigen Termin, und ein neues Gefühl flammte auf: Impfscham. Darf ich? Wäre es nicht doch besser, den Code irgendwie – illegal, scheißegal? – an eine Person weiterzugeben, die ihn dringender braucht, jemand mit mehr Kontakten, jemand mit Kindern,... ? – Oder wäre das dumm? Es gab nicht viel Zeit zum Überlegen, der Termin war am nächsten Morgen und ich ging hin. Und postete ein Foto von meinem Arm mit Pflaster auf Twitter und Instagram.

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Es dauerte nur ungefähr eine halbe Stunde, bis ein mir fremder Mann schrieb, es sei »fragwürdig«, mit einer Impfung »rumzuposen«, während seine Mutter und viele Leute mit Asthma noch nicht geimpft seien. Es tut mir leid für die Mutter, aber das mit dem Asthma war witzig, denn Asthma habe ich zufällig auch. Eine mir ebenfalls fremde Frau schrieb mir kurz darauf, sie wundere sich, dass Leute wie ich jetzt geimpft werden. Das wundert mich wiederum, denn es ist allgemein bekannt, dass inzwischen nicht mehr nur Leute geimpft werden, die älter als 100 sind. Man sieht Leuten Krankheiten nicht unbedingt an, und man sieht ihnen üblicherweise auch nicht an, ob sie Kontaktperson eines pflegebedürftigen Menschen sind. Oder ob sie Zeit hatten, 20 Hausarztpraxen abzutelefonieren, denn auch das geht. Es gibt Menschen, die sich nicht trauen, anderen von ihrer Impfung zu erzählen, weil sie sich nicht rechtfertigen wollen, wenn jemand mit dummen Kommentaren ankommt, und das ist bitter, denn jede Impfung macht uns alle sicherer und ist ein Grund zur Freude.

Es gibt gute Gründe, die geltende Impfpriorisierung hier und da zu kritisieren. Wenn man mich fragen würde: Ich fände zum Beispiel wichtiger, dass Eltern in sogenannten Patchwork-Familien (nicht nur Patchwork, aber vor allem) besonders früh geimpft werden, als dass Polizist*innen priorisiert werden, denn die Polizei kann im Einsatz eine Maske tragen, aber von Eltern kann man schlecht verlangen, dass sie zu Hause mit Maske rumlaufen, weil sie im Zweifel über die Kinder täglich Kontakt mit Dutzenden Haushalten haben. Durch die Möglichkeit, sich bei der Hausärztin impfen zu lassen, fällt die Sache mit der Priorisierung inzwischen weniger ins Gewicht, aber da geht das nächste Problem mit dem Impfneid auch schon wieder los: Wer bei der Hausärztin geimpft werden will, braucht die richtige Mischung aus Wissen, Zeit und Glück.

Wenn demnächst die Priorisierung der Impfreihenfolge ganz aufgehoben wird, wird diese Mischung noch wichtiger: Man muss erstens wissen, wo man sich melden muss, um einen Termin zu bekommen. Man muss zweitens Zeit und Kraft haben, sich darum kümmern zu können. Im Moment haben zum Beispiel einige Menschen noch nicht verstanden, dass man sich für eine Impfung bei der Hausärztin selbst melden muss. Oder: dass man nicht unbedingt in die Stammpraxis gehen muss, sondern auch zu einem anderen Arzt gehen kann. Oder: Sie haben es verstanden, aber schaffen es nicht, und dafür kann es viele Gründe geben.

Wer selbst schon geimpft ist, verfügt über Wissen, das andere vielleicht nicht haben: Wie genau funktioniert das mit dem Impfcode, was muss man mitbringen zur Impfung, sollte man den Termin telefonisch oder online machen? Das sind alles keine geheimen Informationen, aber nicht alle finden sie gleich schnell. Wenn wir vom destruktiven Neid wegwollen, wäre es hilfreich, wenn möglichst viele Geimpfte ihre Kompetenzen teilen, sofern sie können: indem sie anderen helfen, einen Termin zu buchen (Nummern raussuchen, Mails formulieren, oder übersetzen, wenn jemand nicht genug Deutsch kann), oder indem sie versuchen, Leuten die Angst vor einer Impfung zu nehmen. Oder auch, indem sie Ungeimpften andere Aufgaben abnehmen, sofern das möglich ist (was mit den Kindern machen, einen Einkauf erledigen, solche Sachen). Diese Hilfe könnte auch staatlich organisiert werden, aber... LOL.

Wenn es auf den hoffentlich letzten Metern der Pandemie dazu kommt, dass Leute sich zerstreiten oder verzweifeln, weil der Eindruck entsteht, dass hauptsächlich privilegierte, gut vernetzte Dränglertypen mit schnellem WLAN an Termine kommen, dann ist das bitter. Aber es muss nicht so weit kommen. Gegen Auseinanderbrechen hilft nur Zusammenhalten.