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Maria Magdalena in der Apotheke

aus DER SPIEGEL 6/1947

Von den Oberammergauern ging kürzlich die Kunde durch die Zonen, die Hauptdarsteller in den weltberühmten Passionsspielen seien samt und sonders Pgs gewesen. Diese bayerische Kunde erhielt geradezu den Reiz einer gut pointierten Anekdote, indem hinzugefügt wurde, einer der Hauptdarsteller sei allerdings Antifaschist gewesen: Judas.

Gute Anekdoten sind selten, und noch seltener wahr. Es stellte sich heraus, daß auch in diesem Fall nach oben und unten einiges abzustreichen war. Es erwies sich, daß drei der Hauptdarsteller in der Partei gewesen sind, die Spieler des Christus, des Johannes und des Pilatus. Was den Petrus-Spieler anlangt, so ist sein Verhältnis zur Partei noch zu klären.

Antifaschisten gab es andrerseits in den Reihen der Spielgemeinschaft mehr als nur den einen: Judas (der übrigens tatsächlich nicht in der Partei war). Unter ihnen war der Darsteller des Hohenpriesters Kaiphas einer der aktivsten.

Im ganzen gesehen hat Oberammergaus. Bürgermeister Zunterer nicht ohne Befriedigung darauf hinweisen können, daß es unter den 1100 Mitgliedern der Spielgemeinschaft insgesamt nicht mehr als 81 Pgs gegeben hat. Beispielsweise den Darsteller des Joseph von Arimathia. Die Spruchkammer hat ihn ebenso wie einen Spieler aus den Reihen der Hohenpriesterschaft als Mitläufer eingestuft.

»1933 war unsere Spielgemeinschaft schwer bedroht«, sagte Bürgermeister Zunterer im Gespräch mit einem Presse-Korrespondenten. »Man hat uns alles Mögliche anhängen wollen. Und können Sie sich vorstellen, daß Männer, die sich schon als Kinder danach sehnen, einmal in ihrem Leben den Johannes oder gar den Christus selbst darstellen zu dürfen, Nationalsozialisten werden?«

Bürgermeister Zunterer spielte damit auf die tiefreligiöse Wurzel des Oberammergauer Passionsspiels an. Es geht zurück auf ein altes Gelübde der Vorfahren. Die Oberammergauer heute sind entschlossen und halten es für ihre Pflicht, dies Gelübde zu erfüllen, wie sie es 300 Jahre lang getan haben. 1633 war die Pest ins Dorf gekommen. 84 Menschen hatte sie hingerafft, da legten die Oberammergauer ihr Gelübde ab: Wenn Gott die Geißel der Pest von ihnen nähme, wollten sie alle vier Jahre zum Andenken an die Leiden des Herrn die Geschichte seiner Passion darstellen.

Und wirklich, als dies Gelübde getan war, starb in Oberammergau niemand mehr an der Pest. So fand 1634 das erste Passionsspiel statt. Damals spielte man auf dem Friedhof. Später wählte man als Schauplatz die Stelle, wo heute die Festhalle mit der großen Freilichtbühne steht.

Dort hängen in den Kleiderkammern die leuchtenden Gewänder des Christus, des Johannes, der Maria. Mit ihnen warten die Helme und Spieße der Kriegsknechte und die schön geschnitzten Stäbe der Apostel auf die nächste Aufführung.

Die Oberammergauer hatten schon im vergangenen Jahr wieder spielen wollen. Die amerikanische Militär-Regierung hatte sie bei dem Vorhaben unterstützt. Aber es scheiterte an der Frage der Rollenbesetzung.

Von den 1100 Spielern - 126 von ihnen haben Sprechrollen - sind 75 gefallen. 117 sind noch in Gefangenschaft. Ueberdies sind einige der früheren Darsteller inzwischen zu alt geworden. Sie müssen durch jüngere Kräfte abgelöst werden.

1950 hoffen die Oberammergauer so weit zu sein, daß sie ihr Passionsspiel wieder aufnehmen können. Bis dahin sollen jährlich zwei Uebungsspiele mit biblischen Motiven abgehalten werden.

Vom Wiederbeginn der Spiele erhofft Oberammergau sich eine Wiederbelebung seines Fremdenverkehrs, seines Fremdengewerbes, seiner Fremdenindustrie. Allerdings gibt es auch hier ein Problem: Der Wohnraum ist in Oberammergau nicht minder knapp geworden als anderwärts. Die Zahl der Bewohner ist nach 1945 infolge des Flüchtlingsstroms von 3200 auf 5900 angewachsen.

Die Fremden, die zu den Passionsspielen kamen, brachten, viel Geld in den idyllischen Gebirgsort. Die Amerikaner stellten immer eine beträchtliche Anzahl der Passionsspiel-Besucher. Man erzählt sich, daß sie es sehr gern hatten, wenn einer der Hauptdarsteller seinen Namen auf die Postkarten setzte, die über das große Wasser an die guten Freunde geschickt wurden. Man erzählt sich auch, daß manch einer bei Apothekers Töchterlein eine Medizin gekauft hat, die er gar nicht nötig hatte. Denn Apothekers Töchterlein war Rita Posch, die im Passionsspiel die Maria Magdalena spielte.

Man kaufte auch gern bei den Langs. Es gibt in Oberammergau 64 Familien dieses Namens, der mit dem Passionsspiel eng verknüpft ist. Auch der Christusdarsteller des vorigen Spiels war ein Lang. Alois heißt er mit Vornamen.

Zwei Familien Lang sind berühmt wegen ihrer kunstvoll geschnitzten Krippenfiguren. Eine vertritt eine barocke, die andere eine gotisch-moderne Tradition. Schon seit vielen Generationen erbt sich das Holzschnitzgewerbe in den Familien fort.

Heute werden die Figuren gern von den Amerikanern und Amerikanerinnen gekauft. Auch gegen Lucky Strike. Und amerikanische Soldaten, die Rast in Oberammergau machen, versäumen nicht, sich vielleicht von der Darstellerin der Maria, Anni Rutz, das eine oder andere Garderobenstück ihrer Rolle zeigen zu lassen.

Es ist verständlich, daß Oberammergau gern an die Jahre denkt, in denen Besucher aus aller Herren Länder kamen, um ihr Spiel frommer Einfalt zu sehen. Es kommen auch schon wieder Briefe mit Anfragen von allen Enden der Welt.

Noch ist es still in Oberammergau. Die Männer mit den Bärten, die sie sich für das Passionsspiel wachsen lassen, gehen ihrer gewerblichen und bäuerlichen Arbeit nach. Es wird auch geübt und geprobt. Aber über die freie Bühne des Theaters wirbeln noch die Schneeflocken dieses kalten Winters.

USA in Oberbayern - Anni Rutz zeigt ein Gewand, das sie als Maria trug

Einer von den vielen Langs:

Alois, Holzschnitzer und Christusdarsteller

Die Fremden holten gern Medizin bei Rita Posch, Oberammergaus Magdalena

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