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Bloggerin Marie Sophie Hingst Die Historikerin, die 22 Holocaust-Opfer erfunden hat

Marie Sophie Hingst verbreitet eine fiktive jüdische Familiengeschichte - im Netz und in Yad Vashem, wo sie falsche Opferdokumente eingereicht hat. Ihr Großvater war kein Auschwitz-Häftling, sondern evangelischer Pfarrer.
aus DER SPIEGEL 23/2019
Foto: Cliona O' Flaherty / DER SPIEGEL

Den drei Männern vom Archiv war die Angelegenheit sichtlich unangenehm. Etwas verlegen saßen sie an diesem Nachmittag Anfang April in einem Büro des Stralsunder Stadtarchivs. Vor ihnen auf einem runden Tisch lagen Aktenordner sowie großformatige Kopien mit Stammbäumen und anderen biografischen Angaben – eine kleine Präsentation für den Redakteur aus Hamburg.

Wer sonst im Hauptberuf eher geräuschlos Dokumente und Archivalien sortiert, meidet solche Begegnungen mit der Öffentlichkeit lieber. Doch der Fall einer promovierten Historikerin, einer Kollegin sozusagen, die bis vor Kurzem am Trinity College in Dublin forschte, hatte den Archivaren keine Ruhe gelassen. Marie Sophie Hingst, die "Dame aus Dublin", so erklärte einer von ihnen gleich zu Beginn des Gesprächs, verbreite öffentlich "Legenden" über Stralsunder Bürger. "Eine entsetzliche Geschichte" sei das, man gebe hier "Menschen eine falsche Identität".

Ihre Namen möchten die Herren vom Archiv nicht im SPIEGEL gedruckt sehen, man spreche hier nur als Institution, als staatliche Instanz. "Frau Dr. Hingst", so lautet das quasiamtliche Urteil der Archivare, habe sich eine fiktive Familiengeschichte angeeignet. "Bis auf einige Namen ist alles frei erfunden."

Was vielleicht nicht so schlimm wäre, wenn die Historikerin nur harmlose Spekulationen unter die Leute gebracht hätte. Tatsächlich aber hat Hingst die Namen von 22 angeblichen Holocaust-Opfern, allein acht davon aus Stralsund, dem Archiv der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gemeldet – 22 Menschen, von denen die meisten gar nicht existierten. Die Unterlagen des Stadtarchivs und weitere Quellen zeigen: Nur drei Personen haben wirklich gelebt. Keiner von ihnen war Jude, keiner wurde ermordet.

Und Marie Sophie Hingst hat ihre Legenden nicht nur in Yad Vashem hinterlegt, sondern auf vielen Wegen verbreitet: in Vorträgen und Gesprächen mit Kommilitonen etwa, vor allem aber in ihrem 2013 begonnenen Blog "Read on my dear, read on", in dem sie gern und immer wieder von ihrer angeblich jüdischen Großmutter erzählt, ein Blog übrigens, mit dem sie von den Goldenen Bloggern zur "Bloggerin des Jahres 2017" gewählt wurde und der inzwischen fast 240.000 regelmäßige Leser zählt.

Auch jenseits ihres Blogs stößt ihre Story auf großes Interesse. 2018 wurde Hingst bei einem Essaywettbewerb mit dem "Future of Europe"-Preis der "Financial Times" ausgezeichnet. Bei der Preisverleihung in Dublin – man kann sie im Internet hören – erzählte sie wieder vom Leidensweg ihrer vermeintlich jüdischen Familie und verglich deren Schicksal mit dem der Flüchtlinge, die heute an Europas Küsten strandeten. Es gab starken Beifall.

Wer ist diese Frau, und warum hat sie das getan? Hochstapler gibt es viele, überall auf der Welt. Der Wunsch, Opfer des Holocausts zu seinen Vorfahren zu zählen, dürfte eine deutsche Besonderheit sein.

Auf Fotografien wirkt die 31-Jährige mit ihren langen braunen Haaren mädchenhaft und keinesfalls prätentiös, Eitelkeit scheint ihr fremd. Ihr ganzer Habitus wirkt ebenso intellektuell wie bescheiden.

Aufgewachsen in einer Akademikerfamilie in Lutherstadt Wittenberg, hat Hingst in Dessau Abitur gemacht und in Berlin, in Lyon und in Los Angeles Geschichte studiert. 2013 ging sie nach Dublin, wo sie am Trinity College promovierte. Die frühen Jahre in Dublin, so sagt sie mit leiser Stimme bei einem ersten Telefonat mit dem SPIEGEL, seien schwere Jahre gewesen, sie habe kaum jemanden gekannt. Sie sei damals sehr isoliert gewesen, in genau jener Zeit also, als ihr Blog entstand, ein kreatives Universum, das offenbar zu einer Art Ersatzheimat für sie wurde.

So begann diese eigenartige Geschichte einer Hochstaplerin, die mit ihren Legenden offensichtlich keine materiellen Vorteile im Sinn hatte – die sich aber als vermeintliche Nachfahrin von Holocaust-Opfern interessanter machte, interessanter jedenfalls als andere, nicht jüdische Deutsche. Positiver Nebeneffekt: Mittelbar zählte sie nun zu den Opfern und nicht zu den Tätern. Wie Wolfgang Seibert, der inzwischen zurückgetretene Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Pinneberg. Der Sohn evangelischer Eltern hatte sich ebenfalls eine jüdische Familiengeschichte mit Holocaust-Vergangenheit ausgedacht, wie der SPIEGEL enthüllte.

Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem: "Eine entsetzliche Geschichte"
Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem: "Eine entsetzliche Geschichte" Foto: Michael Kappeler / dpa

Auch Hingst bemüht sich um die Nähe zur jüdischen Community. Sie moderiert Podiumsgespräche für den Förderkreis des Berliner Holocaust-Denkmals, arbeitet für das Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien in Berlin-Brandenburg und engagiert sich in der Jewish Society des Dubliner Trinity College. Und sie sucht die Nähe zu anderen Opfern: Während der Haft von Deniz Yücel und Mesale Tolu schrieb sie den beiden Postkarten ins Gefängnis in der Türkei, Yücel angeblich täglich – eine Aktion, die ihr eine Menge positive Schlagzeilen in den Medien bescherte.

Zuletzt, im März, veröffentlichte Hingst ein viel beachtetes Buch: "Kunstgeschichte als Brotbelag", ein Bildband mit bekannten Gemälden und den als Brotbelag nachgestellten Kopien. Die Autorin hatte im vergangenen Sommer per Twitter und Instagram um entsprechende Foto-Einsendungen gebeten. Die skurrile Kampagne war so erfolgreich, dass der Kölner Verlag DuMont deren Ergebnisse aus der digitalen in die analoge Welt zurückholte und einen Überraschungserfolg auf dem Buchmarkt landen konnte.

Wer Hingst bei Twitter folgt, bekam aber auch ein Foto des Schreibens aus Yad Vashem zu sehen, mit dem ihr für die Übergabe der angeblichen Familiendokumente gedankt wurde. 15 Formulare hatte sie am 8. September 2013 handschriftlich ausgefüllt und unterschrieben, 7 weitere wurden digital versandt. Mit diesem Schritt hatte sich Marie Sophie Hingst erstmals in die Parallelwelt einer zweiten, fiktiven Existenz begeben: als Kind einer jüdischen Familie, die viele Angehörige im Holocaust verlor – und die es in Wirklichkeit niemals gab.

Die väterliche Familie Hingst ist im Konvolut falscher "Pages of Testimony", wie die Opferblätter in Yad Vashem genannt werden, gleich achtmal vertreten. Die Existenz von sechs Personen, die sie in Jerusalem nannte, alle angeblich Brüder ihres Großvaters, konnte das Stralsunder Archiv ausschließen, die Namen fehlen in den vollständig erhaltenen Akten des Standesamts.

Zwei der von ihr genannten Mitglieder der Familie Hingst haben wirklich gelebt, nämlich ihr Urgroßvater Hermann Hingst und seine Frau Marie. Den beiden dichtete sie jüdische Vorfahren an, Marie zum Beispiel soll eine gebürtige Cohen gewesen sein, außerdem sei das Paar 1942 von den Nazis ermordet worden. Ansonsten blieb sie weitgehend bei der Wahrheit: Hermann und Marie wohnten den "Pages of Testimony" zufolge in der Großen Parower Straße in Stralsund – was stimmt. Und Hermann war von Beruf Lehrer – was ebenfalls stimmt.

Das Stralsunder Stadtarchiv besitzt einen Personalfragebogen der Mecklenburger Landesregierung aus dem Oktober 1947, den Hermann Hingst zum Zwecke einer Weiterbeschäftigung in der Sowjetischen Besatzungszone ausfüllen musste. Darin sind nicht nur sein Beruf und seine evangelische Religionszugehörigkeit vermerkt, sondern auch seine Kinder: zwei Töchter und ein Sohn namens Rudolf, 1917 geboren, von Beruf Pfarrer.

Rudolf war Marie Sophies Großvater, ab 1956 arbeitete er als Pastor in der Friedrichstädter Gemeinde in der Lutherstadt Wittenberg, er starb bereits 1977. Rudolfs Ehefrau, ebenjene Großmutter, von der Marie Sophie so gern erzählt, hieß Helga Louisa Brandl. Dass sie Zahnärztin war und 1922 geboren wurde, berichtet Hingst in ihrem Blog. Dass sie evangelisch war wie auch ihr Vater, natürlich nicht.

Urgroßvater Josef Karl Brandl bekommt bei Hingst allerdings einen leicht veränderten Namen. In den "Pages of Testimony" heißt er Jakob Brandel und wurde angeblich zusammen mit Frau und Kindern 1942 in Auschwitz umgebracht.

Neben den 14 Opferblättern für die Familien Hingst und "Brandel" hat die Historikerin noch acht weitere Dokumente für im Holocaust umgekommene Personen mit den Familiennamen "Rosenwasser" und "Zilberlicht" eingereicht, hier soll es sich offenbar um ihre mütterlichen Vorfahren handeln. Diese Menschen tauchen allerdings sonst in ihren Erzählungen nie auf.

Tatsächlich haben die von Hingst in Yad Vashem gemeldeten Personen nirgendwo Spuren hinterlassen: Weder in den Digital Collections des International Tracing Service noch im Archiv der Gedenkstätte Auschwitz, noch im Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland sind die Namen der 22 angeblichen Holocaust-Opfer auffindbar.

Solche Hochstapeleien sind kein Verbrechen, aber skandalös sind sie allemal. Wer Holocaust-Opfer erfindet, verhöhnt im Nachhinein all jene, die wirklich von den Nazis gequält und umgebracht wurden.

Hingst hat sich bei der Darstellung ihrer angeblich jüdischen Familiengeschichte in viele Widersprüche verwickelt. Wer ihren Blog liest, der erfährt, dass ihr Urgroßvater zusammen mit seiner Familie schon im Februar 1940 nach Auschwitz deportiert und umgebracht worden sei. Erstens wurde damals noch niemand aus dem Deutschen Reich nach Auschwitz geschickt, das geschah frühestens 1941. Zweitens nennt sie in den "Pages of Testimony" sechs Söhne und nicht vier (wie im Blog), die umgebracht worden sein sollen. Und drittens wurde ihr Urgroßvater laut dem von ihr selbst an Yad Vashem geschickten Dokument nicht in Auschwitz, sondern erst 1942 in Ponar getötet (was in Litauen liegt und nicht in Lettland, wie sie schreibt), ihre Urgroßmutter im selben Jahr in Treblinka.

Im Blog nimmt ihre Familiengeschichte ohnehin märchenhafte Züge an: Parallel zur Geschichte des Urgroßvaters Hingst, der angeblich mit Ehefrau und vier Söhnen ermordet wurde (nur der fünfte Sohn, der Großvater der Autorin, soll Auschwitz überlebt haben), erzählt sie spiegelbildlich auch die Geschichte des anderen Urgroßvaters, der mit Ehefrau und vier Töchtern umgebracht worden sei; nur die fünfte Tochter überlebte, die Oma der Autorin.

Geradezu romanhaft lesen sich auch ihre Erzählungen über diese Frau. Immer wieder ist vom heldenhaften Widerstand der Großmutter gegen die Zwänge jüdischer Tradition die Rede. Besonders schamlos aber sind Hingsts Fantasiegeschichten von den jährlichen Sommerfesten der Holocaust-Überlebenden im Garten der Großmutter. Sie selbst habe als kleines Mädchen die Einladungen an die "Lieben Auschwitzer" in Umschläge stecken und verschicken müssen. Und sie habe an diesem traurig-schönen Tag, beim Fest der "Auschwitzer", immer einen Rock tragen müssen, was sie gehasst habe – nur der wunderbare Kuchen und die bewegenden Geschichten der Überlebenden hätten sie entschädigt.

Die vielen Unstimmigkeiten sind aufmerksamen Lesern irgendwann aufgefallen. Die Historikerin Gabriele Bergner aus Teltow bei Berlin – sie gilt als Expertin für internationale Personenrecherchen – zählte zu den Ersten, die einen Verdacht schöpften. Bald bildete sich um sie ein kleines Team von Rechercheuren, darunter eine Anwältin, ein Genealoge und ein Archivar, die sich per Mail über die jeweils neuesten Hirngespinste von Marie Sophie Hingst austauschten.

Ein erster Versuch Anfang vergangenen Jahres, die Bloggerin zur Rede zu stellen, wurde von ihr sofort abgewehrt; im Blog schrieb sie nebulös von gegen sie gerichteten "Angriffen" und "Verschwörungstheorien". Einen weiteren Vorstoß aus dem vergangenen Dezember, diesmal auf der Kommentarseite ihres Blogs, bei dem ein anonymer Leser auch die Fälschungen in Yad Vashem erwähnte, beantwortete sie schon auffallend aggressiv: "Wird Ihnen eigentlich nicht vor sich selbst übel", fragte sie, "wenn Sie solche unverschämten Verleumdungen hier herausrotzen?"

Marie Sophie Hingst ließ sich nicht stoppen. Im Dezember 2018 wandte sich Gabriele Bergner an den SPIEGEL. Inzwischen war noch ein zweiter Erzählstrang ins Visier der Rechercheure geraten, ein Slumkrankenhaus nämlich, das Hingst im zarten Alter von 19 Jahren zusammen mit einem Freund in Neu-Delhi gegründet haben wollte. Hingst hatte dort angeblich nicht nur Patienten – ohne ärztliche Ausbildung – behandelt, sondern auch Sexualaufklärung für junge indische Männer betrieben.

Genaue Orts- und Zeitangaben fehlen ebenso wie Fotos, die die Existenz der kleinen Klinik belegen könnten. Soweit bekannt, war Hingst 2015 einmal für drei Monate in Neu-Delhi gewesen, allerdings bei einem germanistischen Sommerseminar über Franz Kafka. Erst danach berichtete sie von der Klinikgründung im Jahr 2007.

Die Angaben zum Indienprojekt waren jedoch ebenso widersprüchlich wie die über ihre jüdische Familie: Mal hatte sie im "Slum" Okhla – in Wahrheit ein Stadtteil im Süden Delhis – eine eigene Klinik gegründet, mal in einer schon bestehenden Klinik gearbeitet, mal betrieb sie in Delhi nur ein "slum support scheme", also eine Art Sozialprojekt.

Gefälschtes Opferdokument: Aus dem Nachlass ihrer Oma?
Gefälschtes Opferdokument: Aus dem Nachlass ihrer Oma?

Hingst hat sich mit ihren Fantastereien wahrscheinlich als unverwundbar empfunden. Wer sollte ihr schon nachweisen können, dass es das alles nicht gab? Nachdem sie im Januar 2017 in ihrem Blog davon berichtet hatte, dass sie ihre Erfahrungen in der Sexualberatung indischer Männer nun auch "in einer kleinen deutschen Stadt" bei jungen Flüchtlingen anwandte, wurden sogar die Medien hellhörig.

Zeit Online brachte bald einen langen Text von Hingst, die hier allerdings unter dem jüdisch klingenden Pseudonym "Sophie Roznblatt" auftreten durfte. Sie erzählte abenteuerliche Episoden aus ihrer Aufklärungsarbeit mit jungen Syrern, denen sie einen angemessenen Umgang mit dem anderen Geschlecht beigebracht haben wollte.

Der Beitrag von Zeit Online wurde zwar von Lesern kritisch kommentiert, von "Zweifeln an der Authentizität des Beitrags" war da die Rede. Doch die Redaktion ließ sich nicht beirren, die Autorin sei doch "auf alle Fragen der Leser eingegangen", und wer dennoch mehr wissen wolle, wende sich bitte schön "mit einer höflichen Frage an die Autorin".

Zeit Online hat den Vorgang nach einer SPIEGEL-Anfrage überprüft. "Wir gehen nun davon aus", heißt es in einer ersten Stellungnahme der Redaktion, "dass die Autorin des Gastbeitrags uns getäuscht hat. Wesentliche Teile des Beitrags dürften erfunden sein." Und weiter: "Der Faktencheck vor Veröffentlichung war offensichtlich bei Weitem nicht ausreichend."

Aber auch andere Medien ließen sich die Heldengeschichte der jungen Sexualaufklärerin nicht entgehen. Bei Deutschlandfunk Nova, zum Beispiel, trat sie unter dem leicht veränderten Pseudonym "Marie-Sophie Roznblatt" auf. Man habe keinen Anlass gehabt, "an der Glaubwürdigkeit der Geschichte zu zweifeln", teilt Deutschlandradio nun mit. Das sei "im Nachhinhein möglicherweise zu nachlässig" gewesen.

Irgendwann geriet das angebliche Aufklärungsprojekt in Vergessenheit. Größere öffentliche Aufmerksamkeit erfuhr Hingst erst wieder in diesem Frühjahr nach dem Erscheinen ihres Buches "Kunstgeschichte als Brotbelag". Mehrere Blätter berichteten wohlwollend über die ungewöhnliche Idee. Auch der Redakteur aus Hamburg kündigte sich nun bei ihr an.

Für den vorgeschalteten Fototermin schlug sie die National Gallery in Dublin vor, passend zum neuen Buch. Am Donnerstag vergangener Woche kam es dann im Café des ehrwürdigen Merrion Hotel in Dublin, ganz in der Nähe der National Gallery, zum persönlichen Gespräch.

Schon im Vorfeld hatte sie die angekündigten Fragen zu ihrer jüdischen Familiengeschichte ausklammern wollen. Als sie ihr trotzdem gestellt wurden, reagierte sie zunächst verärgert: Wie man dazu komme, sich so in ihr Leben einzumischen. Was auch immer für Dokumente existierten, sie wisse es besser. Schließlich jedoch wurde sie vorsichtiger. Sie gebe nur das wieder, was ihr die jüdische Großmutter erzählt habe. Sie müsse das jetzt überprüfen. Nach einer Stunde verließ sie zornig den Raum, ohne sich zu verabschieden.

In diesem Moment muss Marie Sophie Hingst erkannt haben, dass ihre Parallelwelt nicht länger Bestand haben würde. Eine gefährliche Situation: für ihr Selbstbild – das offenbar mit der fiktiven Identität fast deckungsgleich geworden war –, für ihre Integrität und natürlich auch für ihren Job als Projektmanagerin eines internationalen IT-Konzerns in Dublin, den sie im vergangenen August angetreten hat.

Aber wie konnte es so weit kommen, ohne dass ein Mitglied ihrer realen Familie intervenierte? Nahm womöglich niemand ihre Fake-Existenz zur Kenntnis, weil man ihre Spuren im Internet nicht verfolgte oder verfolgen konnte?

Im Blog taucht immer wieder eine Freundin "C." auf, die ihr angeblich sogar einen Kredit zur Anschaffung eines Röntgengeräts für ihre Slumklinik gegeben hat. Die Bloggerin hatte im Merrion Hotel zwar jede Frage nach ihrer Familie unbeantwortet gelassen, sie machte aber ein paar Bemerkungen, die erkennen ließen, dass sie mit der Freundin "C." ihre Mutter meint.

24 Stunden später, am Freitag vergangener Woche, wurde die Mutter telefonisch informiert. Von den Opferblättern in Yad Vashem, der Klinik in Indien, der Sexualberatung für Flüchtlinge hörte sie nun zum ersten Mal. Zitate aus dem Telefonat wollte sie jedoch im SPIEGEL nicht veröffentlicht sehen.

Wenige Minuten später rief Marie Sophie Hingst an. Ihre Stimme klang dünn und kleinlaut, ganz anders als am Vortag in Dublin. Sie müsse sich entschuldigen, sie habe Fehler gemacht, vieles sei falsch gewesen, was sie gesagt habe. Sie entschuldige sich für ihren Auftritt gestern im Hotel.

Am vergangenen Sonntag ließ Marie Sophie Hingst schließlich über einen Anwalt aus München mitteilen, dass die Texte in ihrem Blog "ein erhebliches Maß an künstlerischer Freiheit für sich in Anspruch" nähmen. "Es handelt sich hier um Literatur, nicht um Journalismus oder Geschichtsschreibung." So ähnlich steht es mittlerweile auch in ihrem Blog.

Ein letzter Schachzug also, die Spuren zu verwischen. Der Text des Anwalts enthält nicht etwa ein Dementi ihrer Lügengeschichten, sondern formuliert nur einen neuen, ästhetischen Anspruch. Bis dahin hatte sie Kritikern, die die Authentizität des Blogs infrage stellten, erbittert widersprochen. Jetzt werden die Legenden sicherheitshalber zu Literatur erklärt.

Außerdem ließ sie durch ihren Anwalt erklären, dass sie "zu keiner Zeit" im "Rahmen von Texten mit realen Lebensdaten Unwahrheiten über ihre eigene Familiengeschichte verbreitet" habe. Sie habe zwar eine "Liste von 22 Personen aus dem Nachlass ihrer Großmutter" Yad Vashem übergeben, sie aber nicht selbst überprüft. Eine "Liste" wohlgemerkt. Tatsächlich hatte sie selbst 22 Formulare ausgefüllt. Nun soll also die tote evangelische Oma an allem schuld gewesen sein.

Bleibt nur noch die Frage, wie Yad Vashem mit den gefälschten "Pages of Testimony" umgeht. Am Anfang dieser Woche hat der Stralsunder Oberbürgermeister das Auswärtige Amt in Berlin auf die "Falschdarstellung" in den Opferbögen hingewiesen und darum gebeten, die Gedenkstätte Yad Vashem offiziell zu informieren.

Die Archivare in Jerusalem dürften erst mal mit Kopfschütteln reagieren: Da bringen die Deutschen schon sechs Millionen Juden um. Und dann erfinden sie auch noch 22 Opfer hinzu.

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