Zur Ausgabe
Artikel 56 / 92

Enthüllung Markt der Körper

Ein Österreicher hat unter Pseudonym den Literaturbetrieb hereingelegt: Seine Erzählung »Winterende« ist ein perfekt inszenierter Schwindel.
Von Willi Winkler
aus DER SPIEGEL 27/1990

Mit wachsender freude und begeisterung« war das unverlangt eingesandte Manuskript gelesen worden, schon im nächsten Frühjahr wollte man es als Buch herausbringen, nur sollte sich die Autorin »bitte ehebaldigst« telefonisch mit dem Verlag in Verbindung setzen.

Von soviel Glück kann der unbekannte Autor sonst allenfalls träumen. Hin- und hergerissen zwischen Größenwahn und allertiefster Demut, macht er mit seinem Erstlingswerk bei den Verlagen die Runde und hofft auf günstige Aufnahme. Als Luciana Glaser vor genau einem Jahr 80 Seiten Blocksatz in 14 Punkt Times nach Wien zu Zsolnay schickte, vergingen gerade 17 Tage, bis die Lektorin Anita Pollak jenes aufgeregte Telegramm schickte, in dem sie um »ehebaldigste« Kontaktaufnahme bat. Und schon war der mit Talenten derzeit nicht eben überreich gesegneten österreichischen Literatur ein neuer Star geboren.

Luciana Glasers »Winterende« erschien Anfang Februar und ging nach sechs Wochen bereits in die zweite Auflage; bis heute sind 4500 Exemplare verkauft - für ein Debüt eine erstaunliche Leistung*.

Die Darmstädter Jury kürte das kostbar dünne Bändchen zum Buch des Monats April. Den Kritikern fielen nur erlauchte Namen ein, um vergleichsweise der vollkommen unbekannten Größe Glasers gerecht zu werden: Thomas Bernhard und Rilke und Hölderlin mußten es schon sein. Die Wiener Presse schwärmte von diesem »leuchtenden Text«, die Süddeutsche Zeitung erkannte auf eine »sehr leise, sehr intensive Erzählung«, »ein Sprachpastell«, die Neue Zürcher Zeitung bewunderte die »sprachliche Schönheit dieser Prosa, ihr geradezu klassisches Ebenmaß«.

Und Karl Corino, mit Publikationen wie »Gefälscht! Betrug in Literatur, Kunst, Musik, Wissenschaft und Politik« als Experte ausgewiesen, jubelte Luciana Glaser gleich in die Beletage der deutschen Literatur hoch: »Hätte es Büchners Lenz nach Südtirol verschlagen, so könnte über ihn geschrieben werden.«

Nur: Wer war Luciana Glaser?

Bevor ihr Manuskript bei Zsolnay (und bei fünf weiteren Verlagen, die es entweder ignorierten oder meist mit Formbrief ablehnten) auftauchte und mit geringfügigen Änderungen in Druck ging, hatte noch kein Mensch von einer Luciana Glaser gehört. Nirgends hatte sie vorgelesen, nie hatte sie Stipendien beantragt oder Literaturpreise empfangen, nicht einmal im Rundfunk an irgendwelchen Diskussionsrunden zum traurigen Stand der Gegenwartsliteratur teilgenommen. Das Buschwindröschen lebt, wie es in der Ankündigung des Verlags hieß, »in solcher Zurückgezogenheit, daß keine Photographie zur Verfügung steht«.

Zur Verfügung stand Verlag und Kritikern nur eine biographische Notiz, nach der Luciana Glaser aus Rovereto stamme, Tochter eines österreichischen Vaters und einer italienischen Mutter sei und in Wien studiert habe. Mit dem Verlag verkehrte sie zeitweilig über eine c/o-Adresse in Innsbruck. Der Vorschuß in Höhe von 30 000 Schilling ("Nebenrechte 60/40 zu Ihren Gunsten") ging auf ein anonymes Sparkonto. Unmittelbar vor Erscheinen ihres Buches verkündete Luciana Glaser, sie ziehe nun nach Nizza um, um dort als Datatypistin zu arbeiten.

Mit dem üblichen Schaulaufen, das für den Literaten sonst vorgeschrieben ist, wollte sie von Anfang an nichts zu tun haben. Ihre Freude über die Annahme des Manuskripts wirkte sehr gedämpft, als sie dem Verlag zurückschrieb: »Schön, daß mein Text gefällt. Ich habe eine Zeitlang in einem Verlag gearbeitet und dort lernen können, was es für einen Autor und mehr noch für eine Autorin bedeutet, sich auf diesen Markt der Körper zu * Luciana Glaser: »Winterende«. Erzählung. Paul Zsolnay Verlag, Wien; 90 Seiten; 19,80 Mark. begeben. Ich bin nicht in der psychischen Verfassung, mir das zuzutrauen.«

»Winterende« erzählt, zusammengezogen auf eine fünftägige Passionsgeschichte, das Leben des Tiroler Dichters Norbert Conrad Kaser, der 1978 im Alter von 31 Jahren an einem »Lungenödem, als Folge fortgeschrittener Leberzirrhose und Bauchwassersucht«, elend gestorben ist. »Ich bin nach V. gefahren«, beginnt die Novelle, »und habe mir die Geschichte erzählen lassen. Alles, was ihnen zu erzählen möglich war, mir einer Dahergelaufenen.«

Kaser hat, so Glaser, »getrunken anstatt zu leben«. Aber die sinnlose Sauferei hat sich letztlich ausgezahlt. Nach seinem Tod kommt Kaser zu gewaltigen Ehren: Postum sind von ihm, der zu Lebzeiten kein einziges Buch veröffentlichen konnte, zwei Bände einer Werkausgabe erschienen (ein Briefband soll noch folgen), ihm zu Ehren werden Symposien veranstaltet, sogar ein Literaturpreis ist inzwischen nach dem Ungeliebten benannt. Österreich hat den Südtiroler endlich zu sich genommen.

Nur in diesem Klima verspäteter Wiedergutmachung wird der Erfolg von Luciana Glasers Heiligenlegende begreiflich. Kasers uneheliche Geburt, das zweimalige Scheitern beim Abitur, das kurze Gastspiel als Frater Christoph bei den Brunecker Kapuzinern, sein Haß auf die offizielle Tiroler Literatur ("Exkremente einer total vertrottelten Bozner Schießbudengesellschaft") machten ihn notwendig zum Außenseiter. Ihm war, in seinem übersteigerten Selbstbewußtsein, auf Erden natürlich nicht mehr zu helfen, und der Alkohol sollte ihn so schnell wie möglich von hier wegholen.

Bis er mit diesem Selbstmord auf Raten zu Ende war, hatte er sich irgendwie durchbringen müssen, und wenn es nur das Geld für die Flasche Rotwein war, in deren Gesellschaft er als Aushilfslehrer Südtiroler Bauernkinder unterrichtete. Die Kinder wenigstens liebten ihn. Er schrieb Gedichte und Lesestücke für sie, aber sie konnten ihn auch nicht festhalten.

Ein solches Leben, hoffnungslos verloren zwischen Kleinhäuslerherkunft und Kunstgeschichtsstudium, zwischen Frömmigkeit ("Da ich ein religioeser mensch bin, trete ich aus der katholischen kirche aus") und dem bedingungslosen Bekenntnis zum Kommunismus italienischer Provenienz, erfunden fast in dieser Selbstzerstörungssucht, liefert eine musterhafte Künstlerbiographie, geeignet wie keine zweite für ein literarisches Nachempfinden durch junge Autoren, die um ein eigenes Thema verlegen sind.

Denn mit nichts hat sich die deutschsprachige Literatur der vergangenen zwei Jahrzehnte lieber beschäftigt als mit der Literatur. Kafka, Kleist, Hölderlin, Mörike, Lenau: Alles, was der Literaturgeschichte gut und teuer war, wurde brav nachgedichtet und verlieh den Nachgeborenen einen Heiligenschein, den der eigene Text nicht hergab. Der Verkannte wird, kaum daß er es hinter sich hat, exhumiert und der staunenden Nachwelt als Nationalheld vorgeführt, als der, der lebte, was er geschrieben hat.

Und wer vermöchte eine solche Lebenskatastrophe mit mehr Gefühl wiederzugeben als eine Frau, ach was, ein scheues Reh, eine Landsmännin obendrein, die ganz und gar aufgeht in der Bewunderung ihres Helden?

Wer also ist Luciana Glaser?

In der Freude über das Mysterium ist den Kritikern entgangen, daß an »Winterende« kein Wort echt ist. Die Erzählung bietet nichts über das hinaus, was jeder Baukasten für die Literatur unserer Zeit bereithält: ein leidender Künstler, der am eigenen und dem Elend der Welt zugrunde geht, die Einsamkeit der Berge, dazu der Schnee, der jeglichen Tag fällt, eine Prosa, hingetupft und mundgemalt von einer sensiblen Autorin, die in ihr Idol fast hineinkriecht (so sehr, daß sie bis zum Schluß aus der Geschichte verschwindet).

Obwohl alles bilderbuchmäßig funktioniert, obwohl »Winterende« den Dichter Kaser wie am Schnürchen in den Tod führt, ist den Kritikern gar nicht aufgefallen, wie zielsicher dieses Buch auf sie hingeschrieben ist. Der Erfolg der kleinen Erzählung hat denn auch kaum mit der literarischen Qualität zu tun, sondern mit dem Rätsel der unsichtbaren Dichterin.

Vor allem die österreichischen Literaturkritiker verwandelten sich über Nacht in nichtlizensierte Detektive und forschten im Geburtenregister der Stadt Rovereto (eine Familie Glaser gibt es dort nicht), blätterten im Immatrikulationsverzeichnis der Universität Wien (unter diesem Namen hat niemand studiert). Es gab sie offenbar nicht. Das Rätsel verlieh der Erzählung eine Bedeutung, die sie gar nicht hatte.

Von Anfang an wurde vermutet, »Luciana Glaser« könnte das Pseudonym eines bekannten Autors sein. Alle Tiroler Schriftsteller von Joseph Zoderer bis Norbert Gstrein wurden verdächtigt und leugneten die Tat; die schönste These hält den DDR-Autor Rolf Schneider für den großen Unbekannten, weil er sich wiederholt für Kaser eingesetzt hat.

Der Verdacht fiel auch auf den Innsbrucker Schriftsteller Walter Klier, 35, weil der in seinem 1988 erschienenen Buch »Katarina Mueller Biografie« ein solches Experiment bereits angekündigt hatte. Da setzt sich ein glückloser, weil redlich um die »Europäische Moderne« bemühter Autor hin und sülzt ein Buch in simpler, frauenbewegter Prosa zum Riesenerfolg.

Eine solch abgefeimte Strategie traute man Klier dann doch nicht zu. Allein, er ist es, der dahintersteckt. Klier hat bisher vier Bücher unter eigenem Namen vorgelegt, jedes mit großem sprachlichem Aufwand geschrieben, eins erfolgloser als das andere. In Innsbruck gibt er die Literaturzeitschrift Gegenwart heraus, in deren nächster Nummer er enthüllt, wie er dazu kam, den Literaturbetrieb mit einer Erzählung wie Honigseim zu ausrechenbaren Reaktionen zu reizen.

Er wollte der wohlfeilen Unterstellung entgegentreten, er könne nichts Verkäufliches schreiben, und produzierte deshalb zum Spaß das, was landläufig als gute Literatur gilt - »also jene Sorte von hochgestochener Trivialität, auf die das deutsche Literaturbewußtsein, das Trivialität höchst verabscheut, gerne hereinfällt«.

Zusammen mit seiner Freundin Stefanie Holzer, bei der er sich wegen der »weiblichen« Schreibweise vergewisserte, warf er innerhalb einer Woche die Erzählung als Winterente aufs Papier.

In einem sorgfältig vorbereiteten Projekt, das allenfalls eine Handvoll Mitwisser hatte, wies er nach, wie leicht man schlechte Literatur zustande bringt und erfolgreich verhökert.

Der letzte Satz Luciana Glasers heißt: »Alles, was wir gelernt haben, war falsch.«

Willi Winkler

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 56 / 92
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.