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KLASSIKER Marquis Pedro

Der Filmemacher Hans Geissendörfer hat Schillers »Don Carlos« neu fürs Kino bearbeitet -- als Western.
aus DER SPIEGEL 47/1971

Mit den Lieblingswerken unsers Geistes«, notierte 1785 der Dichter Friedrich Schiller, »ergeht es uns beinahe wie mit unsern Mädchen -- endlich werden wir blind für ihre Flecken, und stumpf durch Genuß.«

Stumpf durch Genuß an Schillers Jugendwerk »Don Carlos«, vermochten denn auch die Gebildeten aller Stände anderthalb Jahrhunderte hindurch nicht zu erkennen, was in dem »stolzen Gedicht« (Thomas Mann) vom spanischen Infanten auch drinsteckte -- der Stoff zu einem wilden Western.

Ein deutscher Pfarrerssohn, der Jungfilmer und ehemalige Germanistik-Student Hans W. Geissendörfer, 30, ist darauf gekommen: Als er auf der Suche nach einem guten Filmsujet Klassiker filzte und schließlich Schillers »Don Carlos« prüfte, stieß er auf »die wesentlichsten Topoi des Western-Genres: Generationskonflikte, verweigerte Liebe, Männerfreundschaft«.

Zufrieden mit seinem Fund, engagierte der Regisseur teure Stars und schickte den klassischen Don nach eigenem Drehbuch und »sehr frei nach Schiller« in die Wüste: In Israel, unweit Eilats, drehte Geissendörfer für gut zwei Millionen Mark den farbigen Action-Film »Carlos«, der jetzt noch vor dem Kinostart gleich zweimal im Fernsehen Premiere hat (20. November, 20.15 Uhr, BR III; 23. November, 21 Uhr, ARD).

Das Fernseh-Publikum wird im Film. »Carlos« von der Ur-Handlung viel, von der Dichter-Sprache jedoch gar nichts wiederfinden. »Wie wär's mit einem Whisky?« fragen die Helden salopp; sie sind auch nicht mehr von Adel. König Philipp (Bernhard Wicki), nur noch »der Alte« genannt, ist jetzt ein großbürgerlicher Land-Potentat, der in einem Wüstenort (Zeit: 1915) seine Untertanen im Steinbruch ausbeutet und Meuterer mit dem Colt hinrichten läßt. Herzog Alba (Horst Frank) ist nun ein Schieß-Hund namens Ligo, und Marquis Posa verdingt sich unter dem Namen Pedro als Wundarzt.

Gemeinsam mit Philipps Frau Clara (alias Königin Elisabeth alias Anna Karina) sammelt er Waffen für einen Bauernaufstand wider den Tyrannen. Doch die gute Sache kommt nicht voran: Carlos (Gottfried John) verstrickt sich in Extratouren, etwa seine Liebe zur Stiefmutter Clara, die Prinzessin Eboli (hier Lisa und von Geraldine Chaplin gespielt) schießt auf Philipp. der mit ihr schlafen will, und wird dabei gemeuchelt. Selbst Pedro-Posa schadet mit seinem Hang zur kunstvollen Intrige dem politischen Ziel so sehr, daß Clara ihn und Carlos schelten muß: »Euer Heldentum ist nichts als Verrat an unserer Arbeit.« Dann reitet der Knabe Karl zum Showdown und wird von Philipp abgeknallt.

»An »Carlos ist nichts zufällig«, erläutert Geissendörfer, »alles wird inszeniert.« Übers Kino hinaus soll seine »triviale Reduzierung« eines Schulklassikers nichts bedeuten. Die Rechnung geht auf: Geissendörfers Kino ist so spannend, daß es sich schon durch seine professionelle, ehrliche Machart neben dem Vorbild halten kann; Schillers Ideen behaupten sich ohne geflügelte Worte auch im Trivial-Genre.

Dem Genre-Kino -- Geissendörfer hat schon einen rituellen Horrorfilm ("Jonathan") und eine moderne Krimi-Paraphrase ("Eine Rose für Jane") abgeliefert -- gilt auch der nächste Dreh-Plan des Filmemachers: Sobald er das Geld aufgetrieben hat, will er »ein sehr teures Melodrama« in-szen-ieren.

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