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MODE Masche mit Zoo

Eine ehemalige italienische Volksschullehrerin hat eines der erfolgreichsten italienischen Modehäuser aufgebaut.
aus DER SPIEGEL 40/1981

Die Anhängerinnen der italienischen Luxuskonfektionsmarke »Krizia« tragen die Symbole einer eigenen Zeitrechnung am Körper: Letzten Winter bleckte ein Tiger auf den Mailänder Edelstrickwaren sein Gebiß, im Sommer waren Elefant und Albatros Erkennungszeichen der Krizia-Internationale. Nun ist die Saison des Löwen angebrochen: Ein Löwenpulli ist für Krizia-Fans -- sobald die Nebel fallen -ein unbedingtes Muß.

Schöpferin dieser seit nunmehr 16 Kollektionen ständig wachsenden Menagerie ist die 48jährige Mariuccia Mandelli, eine ehemalige Volksschullehrerin, die Mitte der fünfziger Jahre klein anfing: mit einem Startkapital von umgerechnet 200 Dollar, sechs Näherinnen und dem ausgefallenen Namen »Krizia«. Auf den sei sie in einem Plato zugeschriebenen Dialog gestoßen. Dort sei von dem reichen Griechen Cricia die Rede, der sich ruinierte, indem er sein Vermögen an Frauen verschwendete. Solch spendablem Gönner wäre Mariuccia Mandelli, sagt sie, »zu gern über den Weg gelaufen«.

Aber es ging offenbar auch ohne Mäzen. 1967 startete die Modemacherin, die selber am liebsten Pullis und Cardigans zu Hosen trägt, ihre Maschen-Kollektion »Kriziamaglia«. Die Viecherei begann sie zunächst als modischen Jux. »Mariuccia hat einen Vogel«, hieß es damals. Dann sei halt jede Saison ein neues Tier dazugekommen, und nun, fürchtet die Mode-Zoo-Direktorin, S.277 »kann ich wahrscheinlich nicht mehr aufhören damit«.

Warum sollte sie auch. Ihre exotischen Einfälle haben »Krizia« zu einem der bestflorierenden italienischen Pret-a-porter-Unternehmen gemacht. Auf »Krizia« und »Kriziamaglia« folgte »Kriziababy«, eine Lederkollektion, die Billig-Konfektionsausgabe »Kriziapoi« und neuerdings auch ein Parfum, das vor allem in den USA zum Renner wurde. 1980 kletterte der Krizia-Umsatz über 30 Millionen Dollar.

Mit dem Erfolg kamen auch die Nachahmer. »Wie die Aasgeier«, sagt S.278 Frau Mandelli, umkreisten sie das Design-Studio in Mailand und den Fertigungsbetrieb bei Bergamo. Immer wieder wurden dort heiße Tips gehandelt, wie »Affe« oder »Adler«, aber das Status-Tier der kommenden Saison wird gehütet wie ein Staatsgeheimnis.

Die Krizia-Schöpferin weiß, warum. Noch immer sitzt ihr »der Schock in den Knochen«, der sie vor ein paar Jahren in New York traf. Noch bevor ihre Modenschau dort über die Bühnen gegangen war, entdeckte sie Kopien ihrer Tiger-Sweater bei Bloomingdales. »Ich habe zwar Sinn für Humor«, behauptet sie, »aber das war nicht fair.«

Bislang konnten die Kopisten dem Geschäft offenbar kaum Abbruch tun. Seit 1978 haben sich die Krizia-Umsätze verdreifacht, und die Mailänder haben Mühe, neben dem eigenen Shop in der Via della Spiga auch noch die Auslandsboutiquen (New York, Beverly Hills. Toronto, Paris, London, Tokio) hinreichend zu beliefern.

Etwa 15 Prozent der Krizia-Exporte gehen in die Bundesrepublik, wo vor allem die Krizia-Maschenmode ihre Fans hat. In München wurde Mitte des Monats -- nach Frankfurt und Düsseldorf -- die dritte Krizia-Boutique eröffnet. Stunden nach dem drangvollen Opening am Oskar-von-Miller-Ring waren Regale und Ständer in dem cremefarbenen Nobel-Shop so gut wie leer. »Verzweifelt«, so die Münchner Krizia-Dame Maja Schultze-Lackner ("Maja of Munich"), warte sie auf Nachschub.

Sie hatte nicht damit gerechnet, daß ihre weitgestreute Klientel von Geld und Geblüt einen derartigen »Löwen«-Hunger entwickelt. Zum Teil, berichtet sie, orderten Krizia-Süchtige blind per Telephon, ohne sich auch nach den Preisen zu erkundigen. Immerhin kostet der billigste Pulli mit Löwen-Schulterpatten 598 Mark, der teuerste, handgearbeitet mit eingestricktem Löwenhaupt, 1690 Mark.

Dabei hatten sich Bayerns Adels-Damen, allen voran Prinzessin Uschi von Bayern, beim Kauf der ach so bayrischen Symboltiere, die teilweise goldene Lurex-Krönchen tragen, Zurückhaltung auferlegt -- wohl der heraldischen Parallelen wegen. Dafür vereinnahmte die Frau des in die Schweiz retirierten Ex-Kaufhauskönigs und Großwildjägers Helmut Horten einen Stapel Löwenpullis der Größe 40, alle Modelle in sämtlichen Farben.

Krizias Erfolgsmasche, so das führende US-Mode-Bulletin »Womens Wear Daily«, sei ein »happy melange« aus klassischen Schnitten und ausgeflippten Einfällen. Die Mailänderin schwärmt für Gewänder mit viel Bewegungsfreiheit wie Kimonos und Sarongs, und für die diesjährige Winterkollektion batte sie sich Farb- und Musteranregungen aus dem Fundus fernöstlicher Theaterkostüme geholt.

Ihr schwarzes Kleid aus plissiertem Rascheltaft (Erfolgsautorin Sandra Paretti will es auf der Buchmesse tragen) beispielsweise erinnert an die Fächer japanischer Geishas. Aber auch »ein Buch, ein Fernsehfilm oder die Leute auf der Straße« haben die Modemacherin schon auf neue Ideen gebracht.

Besonders anregend aber wirkt auf sie, wenn sie die Verkaufszahlen der vergangenen Saison noch einmal memoriert, ehe sie eine neue Kollektion entwirft. Was gut ging, taucht garantiert wieder auf. Krizia-Dame Mandelli: »Ich möchte doch nichts machen, wofür sich niemand interessiert.«

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