Stefan Kuzmany

Mathias Döpfner Verleger mit Fimmel

Stefan Kuzmany
Eine Analyse von Stefan Kuzmany
Nicht erst seit dem öffentlich gewordenen DDR-Vergleich darf man sich fragen, ob Mathias Döpfner ein politischer Wirrkopf ist. Tatsächlich irrlichtert der Springer-Chef schon lange.
Springer-Chef Mathias Döpfner

Springer-Chef Mathias Döpfner

Foto: Britta Pedersen / picture alliance / dpa

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Was wusste Mathias Döpfner über den Lebenswandel des »Bild«-Chefredakteurs Julian Reichelt – und wann wusste er es? Fand er dessen Umgang mit jungen Frauen in der Redaktion schon lange verwerflich – oder störte ihn dessen offenbar auf sexuelle Gefälligkeiten gegründete Beförderungspraxis erst, als er mit Springer groß auf dem US-Markt einsteigen wollte und eine Veröffentlichung in der »New York Times« den Politico-Deal gefährdete? Und wie stand Döpfner zu der geradezu sektenhaft anmutenden Boygroup von eingefleischten Ja-Sagern, die Reichelt in der »Bild«-Redaktion um sich geschart hatte?

All diese Fragen berühren die moralische Verfasstheit eines Mannes, der nicht nur Vorstandsvorsitzender und Großaktionär des Springer-Konzerns ist, sondern auch noch dem BDZV, dem Verband der deutschen Zeitungsverleger, vorsitzt und in dieser Funktion regelmäßig Reden über die Integrität der Presse hält. Daneben steht aber noch eine wesentlich brisantere Frage im Raum, weit wichtiger noch als jene nach Döpfners moralischem Kompass: Handelt es sich beim mächtigsten Medienmanager des Landes möglicherweise um einen politischen Wirrkopf?

Die Frage stellt sich, nachdem im Zuge der Reichelt-Recherchen ein Zitat aus einer privaten Konversation Döpfners mit Benjamin von Stuckrad-Barre öffentlich geworden ist. Der Schriftsteller galt lange als engstens verbunden mit Döpfner, hatte sich aber wegen dessen Umgang mit Reichelts Affären von diesem entzweit.

Am 1. März 2021 diskutierten Döpfner und Stuckrad-Barre per Kurznachrichten über einen Kommentar Reichelts,  der scharf mit der Corona-Politik der Bundesregierung abrechnete. Zur Verteidigung Reichelts schrieb Döpfner, dieser sei »halt wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR-Obrigkeitsstaat aufbegehrt.« Die meisten anderen Journalisten, schrieb Döpfner, seien zu »Propaganda-Assistenten« geworden.

Das ist nun eine Diktion, die man eher an einem Pegida-Stammtisch nach dem dritten Bier erwarten würde – und nicht vom CEO des Springer-Verlags, der schon deshalb keinen Grund hat, über die da oben herzuziehen, weil er selbst einer von denen da oben ist, und zwar einer von ganz oben.

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, wie sich Döpfner nun von der eigenen Aussage distanziert. Zunächst ließ er den Springer-Verlag eine Presseerklärung des Inhalts verbreiten, der Vorstandsvorsitzende halte die Bundesrepublik keineswegs für vergleichbar mit der DDR. »Das wäre komplett absurd und sollte für jeden offenkundig sein, der den publizistischen Äußerungen von Döpfner folgt.«

Am Mittwoch schob Döpfner dann selbst eine Videobotschaft  an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Springer-Verlags nach. Eröffnet ist der Clip mit Döpfners Hinweis auf seine baldige Abreise gen USA, wo er die Neuerwerbung Politico besuchen möchte – da klingt das legendär-wichtigtuerische »Bin grad auf dem Weg zum Emir« des danach auch schon bald gewesenen Bundespräsidenten Christian Wulff an.

Döpfner referiert sodann die Springer-Sicht auf den Fall Reichelt. Und kommt zum Schluss deutlich räuspernd auf seinen DDR-Ausrutscher zu sprechen: »Eine private SMS ist kein Tweet, ist kein Post, ist keine öffentliche Rede. Und wenn man in einer privaten Unterhaltung aus dem Zusammenhang gerissen etwas zitiert, dann unterschlägt man Polemik, Ironie, Übertreibung.« Er lege Wert darauf, dass das privat sei und nicht wie ein Zitat behandelt werde. »Das ist doch eine Grenzüberschreitung«, sagt Döpfner, und während man sich noch fragt, ob ihm da wegen dieses schlimmen Vertrauensbruchs die Tränen in die Augen schießen oder ob er sich das Lachen verkneifen muss, weil er mit der »Bild« und ihren Grenzüberschreitungen doch täglich gutes Geld verdient, ist er schon ab über den Atlantik. Zum Politico.

Nicht ausgeschlossen, dass es sich um eine im Kern wahrhaftige Aussage Döpfners handelt.

Nun kann man ja durchaus verstehen, dass Döpfner Privates lieber privat sein lassen möchte. Aber jetzt sind seine Einlassungen nun mal öffentlich geworden, und da darf man sich schon fragen, für wie stabil Döpfner die hiesige Demokratie hält. Was er an Stuckrad-Barre geschrieben hat, mag übertrieben und ironisch gemeint gewesen sein. Aber all das schließt nicht aus, dass es sich um eine im Kern wahrhaftige Aussage Döpfners handelt.

Folgen wir also dem Rat der Springer-Presseerklärung – und suchen in Döpfners publizistischen Äußerungen nach Hinweisen auf eine Abdrift ins Reich der Verschwörung. Und da muss man zunächst feststellen: Was Döpfner öffentlich zu einer möglichen Verwandlung der Bundesrepublik in ein realsozialistisches Staatswesen gesagt hat, klingt keineswegs so wie seine Nachricht an Stuckrad-Barre.

Am 2. November 2019 erschien ein langes Gespräch mit Döpfner im SPIEGEL über Meinungsfreiheit , unter anderem ging es um die Debatte über die Klima-Aktivisten von Extinction Rebellion und der Unterstellung, diese wollten eine Öko-Diktatur errichten. Die scharfe Auseinandersetzung findet Döpfner in Ordnung: »Na, dann ist doch gut. Wenn Sie meinen, dass hier genug Mut und Nonkonformismus bei Politikern und Journalisten bewiesen wird. Aber warum sagen 41 Prozent in den neuen Bundesländern, dass sie heute nicht mehr Meinungsfreiheit haben als früher? Warum sagen denn 58 Prozent der Ostdeutschen laut einer ›Zeit‹-Umfrage, dass sie sich heute vor Staatswillkür nicht besser geschützt fühlen als zu DDR-Zeiten? Das ist objektiv Unsinn.«

Allerdings fällt in diesem Gespräch auch eine Äußerung, die sich im Lichte der aktuellen Debatte über Döpfner ganz neu lesen lässt. »Einerseits fordern Sie, möglichst saftig und authentisch zu formulieren, ohne Rücksicht auf politische Korrektheit, andererseits verlangen Sie mehr Sensibilität und Bereitschaft zum Zuhören. Ist das nicht ein Widerspruch?«, fragen die Kolleg:innen den Springer-Chef. Seine Antwort: »Finde ich gar nicht. Wenn ich mich ehrlich und authentisch verhalte, kann mein Gegenüber viel besser damit umgehen, kann dagegen argumentieren, ohne mich als Person abzulehnen. Wenn ich jemandem nicht traue, dass er sagt, was er denkt, ist diese Art von Dialog unmöglich. Aber ich finde, die Debatte, die wir bisher führen, geht nicht weit genug.«

Man kann wohl getrost davon ausgehen, dass Döpfner seinem damaligen Intimus Stuckrad-Barre wesentlich mehr traute als zwei SPIEGEL-Journalist:innen – und sich diesem gegenüber womöglich »ehrlich und authentisch« verhalten und die Debatte weiter geführt hat, als er das im SPIEGEL tun wollte.

Für den Springer-Chef steht unsere Gesellschaft am Abgrund, und da steht sie schon seit Jahren.

Doch auch eine Nähe zur AfD, in deren Anhängerschaft der Topos von der Wiederkehr der DDR unter Merkel wohl weiter verbreitet ist als anderswo, lässt sich Döpfner nicht nachsagen. Nach den Terrormorden in Hanau, wo ein Rechtsextremer am 19. Februar 2020 neun Hanauer mit Migrationshintergrund erschoss, findet er in der »Welt« deutliche Worte für die Verantwortung der Rechtspopulisten: »Die AfD ist nicht an allem schuld, und vor allem kann man darüber diskutieren, welche Entwicklungen eine solche Partei überhaupt erst möglich gemacht haben. Aber dass es einen Zusammenhang gibt zwischen rechten Hasspredigern und rechtsextremen Gewalttaten, ist unbestreitbar«.

Stutzig macht hier die Einschränkung, man könne darüber diskutieren, »welche Entwicklungen eine solche Partei überhaupt erst möglich gemacht haben«. Nur angedeutet wird, was Döpfner da schon seit Jahren umtreibt, was man, liest man seine Texte und Reden aus den vergangenen Jahren, verharmlosend als seinen Fimmel bezeichnen könnte, oder treffender: als kaum verhohlene Islamophobie. Döpfner hat Angst vor einer schleichenden Übernahme des christlichen Abendlandes durch den Islam.

Für den Springer-Chef steht unsere Gesellschaft am Abgrund, und da steht sie schon seit Jahren. Bereits im November 2015, nach den Anschlägen von Paris, stellt er die westlichen Demokratien vor eine Entscheidung: »Unterwerfung oder Kampf? Und wenn Kampf: wie?« Für ihn droht »eine Enthemmung rechter und linker Nationalisten und Rassisten«: »Die schrankenlose Weltoffenheit von heute ist nur die Vorhut einer neuen Welle hässlichster Xenophobie. Am Ende stehen Staatskrise und Ausschreitungen bis hin zum Bürgerkrieg.« Es brauche »eine Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte«. Und »es braucht starke Führung«.

Offenbar kurz nach dessen Erscheinen hatte Döpfner Michel Houellebecqs »Unterwerfung« gelesen, einen Roman über einen Hochschuldozenten, der sich aus Bequemlichkeit den neuen Verhältnissen in einem schleichend islamisierten Frankreich anpasst. Immer wieder wird er in seinen Texten und Reden daraus zitieren, als sei diese Dystopie ein tatsächliches Zukunftsszenario.

So auch 2017 in seiner Rede vor dem BDZV, wo es anfangs so viel um die islamistische Gefahr und die Bedrohung durch Künstliche Intelligenz geht, dass es dem Redner offenbar selbst auffällt und er innehält: »Finden Sie, ich übertreibe? Ist Ihnen das gezeichnete Bild zu apokalyptisch? Oder sind Sie schlicht zunehmend unsicher, worauf ich eigentlich hinauswill mit der Beschreibung all dieser Bedrohungen und Veränderungen?«

Hinaus will er dann, schließlich steht er vor Zeitungsverlegern, irgendwie auf die aufklärerische Funktion der Qualitätspresse. Bezeichnenderweise hält aber eines seiner zahlreichen islamophoben Beispiele einer journalistischen Überprüfung nicht stand: Die Anekdote von der Abschaffung der Schweinefleisch-Bockwurst im Freibad in Neuss aus Gründen der Unterwerfung stimmt so nicht: Abgeschafft wurde sie schlicht aufgrund mangelnder Nachfrage .

Ein Jahr später tritt Döpfner wieder beim BDZV auf, und die Zeiten sind nicht besser geworden. Problematisch ist für Döpfner jedoch nicht so sehr der zunehmende Rechtsextremismus, für kritikwürdig hält er eher die Berichterstattung darüber. Die Existenz der »Hetzjagd von Chemnitz« versieht er mit einem Fragezeichen (und begibt sich damit in die Nähe des später deshalb geschassten Verfassungsschutzchefs Hans-Georg Maaßen) und raunt von einer allzu großen Staatsnähe der Medien: »Bei der Recherche hat es sich in manchen Ressorts bei manchen Zeitungen und Fernsehsendern aber offenbar eingebürgert, sich ohne Nachfrage auf die Regierung zu verlassen.«

Vollends ins geistig-moralische Abseits begibt sich Mathias Döpfner dann in einem Text, der nach dem Anschlag von Halle wiederum in der »Welt« erschienen ist. Die Tatsache, dass ein Rechtsradikaler am 9. Oktober 2019 versucht hat, die am Feiertag Jom Kippur gut besuchte Synagoge zu stürmen und dort möglichst viele Juden zu ermorden, dann aber an der massiven Eingangstür scheiterte und anscheinend wahllos eine Passantin und den Besucher eines Döner-Imbisses erschoss, veranlasst Döpfner nicht etwa zu einer Warnung vor Rechtsextremismus. Sondern zu harter Presseschelte: »Deutschlands Politik- und Medieneliten schlafen den Schlaf der Selbstgerechten und träumen den Wunschtraum der Political Correctness. Möchten sie nicht, dass diese Ruhe gestört wird?«

Diese im Zusammenhang des Anlasses überraschende Kritik begründet Döpfner mit zahlreichen Unterlassungen der gescholtenen Institutionen, etwa mit dem Verweis darauf, dass der Deutschlandfunk nicht groß genug über einen Macheten-Mordanschlag berichtet habe, dass nach der berüchtigten Silvesternacht von Köln nur drei Männer wegen Sexualdelikten verurteilt worden seien, dass der Staat nicht gehandelt habe, als Kuwait Airways 2017 den Transport israelischer Staatsbürger verweigert habe und das von einem deutschen Gericht nicht sanktioniert wurde. Auch das vergleichsweise harmlose Beispiel eines HSV-Fußballers, der möglicherweise unter falschem Namen und mit falschem Geburtsdatum auflief, ist ihm eine Erwähnung wert.

Mathias Döpfner hat offenbar kaum Vertrauen in die Institutionen dieses Landes: nicht in seine Politiker, nicht in seine Gerichte.

All das fällt Mathias Döpfner ein, nachdem ein Rechtsradikaler versucht hat, in Halle Juden zu ermorden. Kein Islamist weit und breit hatte mit der Sache zu tun. Aber Döpfner, einmal in Fahrt, analysiert sodann unbeirrt die »Hauptursachen für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit«. Punkt eins: »Eine rechtsstaatlich sehr zweifelhafte Flüchtlingspolitik, die kaum unterscheidet zwischen Kriegsflüchtlingen und Wirtschaftsflüchtlingen, also Menschen in existenzieller Not, denen wir helfen müssen, und Menschen in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen, denen wir nicht wahllos helfen können.« Und, nach zu schwach ausgestatteter Polizei und überforderter Justiz, Punkt vier: »Eine politische Elite, die die Realitäten verdrängt oder ihnen entrückt ist, die redet statt handelt und oft weit mehr verspricht, als sie hält. Und die die liberale Grundordnung und unsere Verfassung nicht leidenschaftlich gegen importierte oder immanente Intoleranz verteidigt, sondern Toleranz gegenüber der Intoleranz lebt.«

Das geht erstens klar am Thema vorbei und ist zweitens, man kann es nicht anders sagen, lupenrein rechtspopulistisches Geschwurbel. Am Ende macht es sich Döpfner einmal mehr am Stammtisch bequem und fordert »dringend geistige Führung«. Diese wurde dem Springer-Oberchef vor der Publikation dieses irrlichternden Textes offenbar versagt.

Vermutlich sieht Mathias Döpfner nicht im Ernst die Wiederkehr der DDR heraufziehen. Dennoch ist nach Lektüre seiner Reden und Texte der vergangenen Jahre ein Mensch zu erkennen, den große Ängste umtreiben, insbesondere vor dem Islam. Ein Mensch, der offenbar kaum Vertrauen hat in die Institutionen dieses Landes: nicht in seine Politiker, nicht in seine Gerichte. Und auch nicht in seine Medien, sofern sie nicht Springer gehören.

Döpfners DDR-Zitat, so hat es der »NYT«-Kolumnist Ben Smith auf Twitter veröffentlicht,  geht übrigens noch weiter. Nachdem der Springer-Chef Reichelt gelobt und den Rest der Medienschaffenden zu »Propaganda-Assistenten« erklärt hat, kommt er wieder auf seinen Chefredakteur zurück: »Da macht sich einer jeden Tag viele mächtige Feinde. Und wir müssen immer sehr genau unterscheiden, woher die Gegnerschaft kommt.«

Mathias Döpfner sieht sich selbst und Springer und das ganze Land in einem großen Abwehrkampf, umgeben von Feinden. Und Julian Reichelt, der ehemalige Kriegsreporter mit dem Feldbett im Büro, war sein Soldat im Schützengraben. Er war sein treues Geschöpf.

Anmerkung: In dieser aktualisierten Version des Textes wurde der Zeitpunkt der Kommunikation zwischen Döpfner und Stuckrad-Barre präzisiert.

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