Mavie Hörbiger über die Salzburger Festspiele "Ein falsches Buhlschaftskleid bringt jede Menge Hatemails"

Seit genau 100 Jahren gibt es die Salzburger Festspiele. Schauspielerin Mavie Hörbiger spielt dort im "Jedermann". Sie erzählt, warum so viele Menschen das Stück lieben - auch wenn eigentlich alle Kritiker es gering schätzen.
Ein Interview von Wolfgang Höbel
Schauspielerin Hörbiger im "Jedermann": "Das Stück hat eine zeitlose Thematik"

Schauspielerin Hörbiger im "Jedermann": "Das Stück hat eine zeitlose Thematik"

Foto: Mike Vogl / picture alliance

Mit der ersten Aufführung von Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" in der Regie von Max Reinhardt begannen am 22. August 1920 die ersten Salzburger Festspiele. Gefeiert wird das Jubiläum heute mit einer Vorstellung des Bühnenspiels auf dem Domplatz in Anwesenheit des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, einem "Jedermann"-Streaming am Kapitelplatz und diversen Lesungen unter anderem der Darsteller Klaus Maria Brandauer, Peter Simonischek, Tobias Moretti, Cornelius Obonya und Philipp Hochmair.

Die Schauspielerin Mavie Hörbiger, 40, gehört dem Ensemble des Wiener Burgtheaters an und spielt derzeit im "Jedermann", dem "Spiel vom Sterben des reichen Mannes" (Untertitel), die Allegorie "Die Werke". Hörbiger und stammt aus Österreichs bekanntester Schauspielerfamilie. Zu ihren Verwandten gehören unter anderem die Schauspielerinnen Paula Wessely (ihre Großtante) Elisabeth Orth und Christiane Hörbiger sowie die Schauspieler Attila Hörbiger (ihr Großonkel), Cornelius Obonya und Christian Tramitz.

SPIEGEL: Frau Hörbiger, was bedeutet der "Jedermann", was bedeuten die Salzburger Festspiele für Sie?

Hörbiger: Die Festspiele bedeuten für mich Kulisse und Sommer, Kollegen, Familie und Tradition, also sehr viel. Ich durfte über die letzten fast 20 Jahre immer wieder daran teilnehmen und habe fast jedes Haus schon bespielt. Aber der "Jedermann" auf dem Domplatz ist natürlich eine Adelung, weil man dort einen Sommer lang mit so einem Allstar-Team auftreten darf. Bei mir in der Familie hieß es immer: "Wennst ned schoaf gnug bist, bist die Werke."

SPIEGEL: Wie bitte?

Hörbiger: Das heißt, dass die Rolle der "Werke" als nicht so sexy gilt. Das war früher für mich einleuchtend. Jetzt, nach vier Jahren, liebe ich diese Rolle und ihre Allegorie sehr. Es sind ja auch nicht mehr "Die guten Werke" wie bei Hofmannsthal, nur noch "Die Werke".

SPIEGEL: Was bedeutet der "Jedermann" für Ihre Familie - haben Sie überhaupt einen Überblick, wie viele Mitglieder im Lauf der Jahre bei den Festspielen mitgespielt haben?

"Kaum einer kennt das Stück wirklich, aber jeder hat eine Meinung dazu."

Hörbiger: Paula Wessely, Elisabeth Orth und ich haben die Werke gespielt, Christiane Hörbiger die Buhlschaft, Cornelius Obonya und Attila Hörbiger den Jedermann. Aber ich sehe dahinter keine Familientradition, sondern fühle mich einfach geehrt, dass ich in einer Reihe mit diesen Schauspielern spielen darf.

SPIEGEL: Wie werden Sie das heutige 100-Jahre-Jubiläum der "Jedermann"-Premiere feiern?

Hörbiger: Es gab ursprünglich die Idee, die ganze Stadt zu bespielen, also die Festspiele im Sinne Max Reinhardts nicht nur an den Spielstätten, sondern wirklich im öffentlichen Raum und als Fest stattfinden zu lassen. Gedeckte Tafeln sollten in den Gassen auftauchen, frühere Jedermänner, Werke, Buhlen, Tischgesellschaften sollten sich wiedertreffen, alle waren eingeladen. Stattdessen werde ich jetzt mit meiner wunderbaren Maskenbildnerin Marie Öttl auf den Stufen vor dem Festspielhaus einen selbst gebrannten Zirbenschnaps auf die Festspiele und Max Reinhardt trinken - den mochte Reinhardt auch am liebsten.

SPIEGEL: Gibt es einen vernünftigen Grund, warum so viele Menschen den "Jedermann", der nach Meinung eigentlich aller Kritikerinnen und Kritiker kein wirklich gutes Stück ist, derart lieben?

Hörbiger: Der "Jedermann" ist ein wunderbares Stück, in seiner Sprache und einer zeitlosen Thematik. Ich finde es aus professioneller Sicht falsch, es als schlechtes Stück zu bezeichnen. Das Interessante am "Jedermann" ist, dass er über hundert Jahre mehr Meinung als Stück geworden ist. Kaum einer kennt es wirklich, aber jeder hat eine Meinung dazu. Kein anderes Stück eignen sich die Leute so an, inklusive der Schauspieler, die in Salzburg ihre Rolle nie ablegen, nie privat sein können. Die Besetzung ist schon lange ein Riesenpolitikum, fast ein Staatsakt, ein falsches Buhlschaftskleid bringt jede Menge Hatemails. Also das Stück ist gut. Ich würde allen empfehlen: Lesen Sie es genau! Auch das Stück hat eine Geschichte und sein Ort, der Domplatz, die Festspiele erst recht.

SPIEGEL: Waren die diesjährigen Festspiele, mit einem wegen der Corona-Pandemie eingeschränkten Programm und weniger internationalen Gästen, Ihrer Meinung nach ein verpatztes oder ein gelungenes Jubiläum?

Hörbiger: Verpatzt kann man das Jubiläum nicht nennen. Anders war es, konzentrierter auf das Spiel und weniger auf den Festspielzirkus, der sich über diese 100 Jahre entwickelt hat. Eigentlich sehr im Sinne von Max Reinhardt und seinen initialen Gedanken und Intuitionen für die Stadt als Theater, den öffentlichen Raum, in damals wie heute unruhigen Zeiten. Verpatzt war es höchstens für meinen Partner und mich, weil wir uns dieses Jahr nicht so viele besondere Konzerte und Opern ansehen konnten wie sonst.

SPIEGEL: Wie wichtig sind die Salzburger Festspiele Ihrer Ansicht nach für das Land Österreich, in dem sie stattfinden?

Hörbiger: Für mich zeigt sich Österreich bei den Festspielen von einer seiner besten Seiten: als Kunstnation, die es schafft, einen brandaktuellen Bogen aus dem Heute in die Kulturgeschichte zu spannen. Welches andere Land hat solche Künstler und solche Festspiele hervorgebracht? Ich finde, die Festspielchefs Helga Rabl-Stadler, Bettina Hering und Markus Hinterhäuser haben in diesem Jahr nicht nur gezeigt, dass ein Festival unter so schwierigen Bedingungen zu machen ist, sondern auch, wie wichtig die Festspiele sind. Weil wir Kunst brauchen. Insofern ist Salzburg dieses Jahr und heute noch mal anders als sonst ein Mittelpunkt der Welt, für einen Wimpernschlag.

SPIEGEL: Was ist für Sie persönlich das Schönste an den Salzburger Festspielen?

Hörbiger: Die Gelegenheit, andere Künstler und Kollegen zu treffen. Das war für mich in den Jahren zuvor das Beste an den Festspielen. Und das ist es auch in diesem Jahr.

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