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NACHRUF MAX FRISCH

aus DER SPIEGEL 15/1991

Es sei ein Glück, hat er einmal gesagt, wenn man die Schriftstellerei nicht als »Berufung« empfinde, sondern einfach als einen Beruf, den Leute wie er »ausüben, weil ihnen schreiben noch eher gelingt als leben«. Was immer er schrieb, war zuerst und zuletzt auf ihn selber bezogen; er sträubte sich gegen die Rollen, die der Erfolg jedem Autor aufdrängt, die Rollen als öffentlicher Besserwisser, Seelsorger, Eheberater oder Rattenfänger; er erlag nicht der Versuchung des Ruhms, sich selber als Größe zu setzen.

Der breite internationale Erfolg in den fünfziger und sechziger Jahren, den ihm einerseits die farbigen, facettenreichen Romane »Stiller« (1954) und »Homo Faber« (1957), andererseits die theaterkräftigen Politparabeln »Biedermann und die Brandstifter« (1958) und »Andorra« (1961) brachten, hat Max Frisch zu einer öffentlichen Figur gemacht, neben Böll zum angesehensten deutschschreibenden Autor seiner Generation.

Daß er Schweizer war, gab ihm seine Sonderstellung, wenn er sich zu Wort meldete, weil ihm eine Sache wichtig war: nicht als Künstler, sondern als Zeitgenosse, als skeptischer Demokrat, der Zivilcourage nicht als Phrase verstand. Wenn er Stellung bezog zu Erschütterungen im Ostblock, zu Miseren der westlichen Luxusgesellschaft, mit besonderer Neugier zu Deutschlands Selbstwerdungs-Problemen, mit besonderem Groll, bis zuletzt, gegen den Eigendünkel der Schweiz, dann hatten seine Bedenken Gewicht. Ein untersetzter Mann mit eigentümlich breitem Gesicht trat da auf, den Blick hinter schwerer Brille geschützt, und die Bedächtigkeit seiner Rede kam nicht nur aus dem Schweizer Naturell: Sein Impuls war der Zweifel, sein Stil nicht die klotzige Feststellung, die einen Sachverhalt plattmacht, lieber die vorsichtige Formulierung, in der eine Frage mitschwingt. »Ohne Utopie wären wir Lebewesen ohne Transzendenz.«

An die Zwangsläufigkeit einer Biographie, etwa der eigenen, wollte er nicht glauben; das gelebte Leben war für ihn nur eine unter vielen möglichen Varianten, vielen möglichen Identitäten, nur eben leider - im Gegensatz zur Literatur - unwiderruflich. Es hätte auch alles ganz anders kommen können.

Mit 23 Jahren veröffentlichte Max Frisch, Jahrgang 1911, Sohn eines bescheidenen Zürcher Architekten, nach ein paar Semestern Literatur und einigen Reiseerfahrungen als Journalist seinen ersten Roman, und der hätte, mit etwas Glück, der Grundstein zu einer moderaten Literaten-Laufbahn sein können. Doch sosehr Frisch sich in dieser Rolle gefiel, so sehr zweifelte er an ihr, und ein paar Jahre später machte er - zugunsten einer anderen Lebens-Variante - entschlossen Schluß mit der Schriftstellerei. Er studierte Architektur, konnte sich nach einem ersten Erfolg in Zürich selbständig machen, auch eine Familie gründen, und so hätte er fortan als bürgerlicher Baumeister seine Schweiz mit Eigenheimen und öffentlichen Bauten bestücken können.

Auch diese Rolle wird er sich, zweifelnd, eine Weile geglaubt haben, doch inzwischen hatten die Umstände ihn schon in eine dritte gestürzt: Kriegsausbruch, Generalmobilmachung in der Schweiz, Frisch einsam als Wehrmann an einer Front, gegen die der Feind nie anrückte. Damals, schlaflos von Untergangsahnungen, begann er wieder zu schreiben, Impressionen und Selbstbetrachtungen ohne Kunstanspruch, aus denen dann doch ein kleines Buch wurde. Als er nach ein paar Monaten an seinen Zeichentisch zurückkehren konnte, war der Architekt zum Feierabend-Schriftsteller geworden. 1943, fast zehn Jahre nach dem ersten, erschien sein zweiter Roman, und auch daraus hätte sich die Biographie eines typisch schweizerischen Nebenerwerbs-Autors entwickeln können.

Doch da war das berühmte Zürcher Schauspielhaus, das lockte, und dessen Dramaturg Kurt Hirschfeld, der drängte, später kamen Bertolt Brecht, Exil-Heimkehrer auf Zwischenhalt in Zürich, und der Verleger Peter Suhrkamp mit fordernder Ermutigung: Da war der Selbstzweifler Frisch zum Schriftsteller geworden, ohne sich je wirklich dafür entschieden zu haben, und er verabschiedete sich Schritt um Schritt von der Architektur. Später, in der Rückschau, hat er die Windungen seiner Biographie am liebsten ganz ins Hypothetische zurückgenommen: »So war das, glaube ich. Oder so hätte es sein können.«

Innerhalb von zwei Jahren, 1945 und 1946, hatte das Zürcher Schauspielhaus drei rasch nacheinander entstandene Stücke von Max Frisch zur Premiere gebracht, und sie waren bald auch auf deutsche Bühnen gekommen. Neben Wolfgang Borchert ("Draußen vor der Tür") wurde der Schweizer Frisch mit »Nun singen sie wieder« zu einem der ersten deutschen Nachkriegs-Dramatiker: Wo noch weitum Sprachlosigkeit herrschte, fand der scheinbar Unbetroffene, heil Davongekommene zu Pathos und Klage, zur Kraft der Beunruhigung. Die Resonanz, die ihm da begegnete, stärker als je in der Schweiz, hat Frischs Beziehung zu Deutschland geprägt und Deutschlands Vertrauen zu ihm; das »Tagebuch 1946 - 1949« zeugt davon.

Max Frisch war nie so sehr Mode, daß er altmodisch hätte werden können; seine Abneigung gegen das Repräsentative und sein Bedürfnis, sich selber zu überraschen, geben noch dem Spätwerk innere Spannung, Leben von Satz zu Satz. Viel Zeitgebundenes, nicht nur in den frühen Zeitstücken, ist dennoch längst Geschichte. Der Theaterautor Frisch hatte nicht die Pranke, mit der sein Schweizer Freund und Antipode Dürrenmatt auftrumpfen konnte; gerade die Möglichkeiten des spielerischen Variierens, des Offenhaltens der Form, die seine Theaterlust reizten, verhinderten den entschiedenen Wurf. Manche über Jahre gehegten Lieblingsprojekte ("Die Chinesische Mauer«, »Graf Öderland") fanden so nie eine zwingende Form, und selbst sein berühmtestes Stück, die Antisemitismus-Parabel »Andorra«, zeigt eher die Größe der Anstrengung als die des Gelingens.

Max Frisch hat gern »man« gesagt, wenn er von sich sprach; darin war nicht nur untertreibende Beiläufigkeit, auch Zögern vor der Behauptung »Ich«. »Ich« war für ihn keine feste Größe, sondern das Unbekannte, das sein Leben, sein Lebenswerk einzukreisen, in seinen Grenzen und Möglichkeiten auszuloten versuchte. In diesem Ich hat das Werk des Erzählers Frisch seinen Kern, seinen Zusammenhalt, seine Beständigkeit, aus ihm entfaltet er seine Welt: ein nie endendes Selbstgespräch, ein Rollenspiel mit der eigenen Person und mit erdachten Identitäten, ein Tagebuch der Lebenshypothesen, von denen manche zur Eigenständigkeit von Romanen heranwuchsen.

»Stiller«, der Abenteuerroman einer Flucht vor der eigenen Identität, »Homo Faber«, die Geschichte eines Mannes, der seiner verdrängten Vergangenheit erliegt, »Mein Name sei Gantenbein«, die Auflösung einer Biographie im Kaleidoskop ihrer Möglichkeiten: Das sind die Romane, in denen Frischs Grundthema, das unauflösliche Wechselspiel zwischen gelebtem Leben und literarischer Fiktion, seine Form gefunden hat. »Jedermann erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.«

Wieviel Autobiographisches seine Fiktionen nährte, hat er (im »Tagebuch 1966 - 1971«, in der Erzählung »Montauk« und anderswo) bis zur Schonungslosigkeit offenbart: die erste Ehe, die bürgerlich sein wollte, die späte zweite, die ein glückliches Abenteuer für ein paar Jahre war, dazwischen die lange Verbindung mit Ingeborg Bachmann, und manches Abenteuer davor, dazwischen, danach - Frisch war ein Mann, der die Frauen liebte.

Das Spiel der Lebens-Varianten hat mit den Jahren an Reiz verloren, verschlungen von der wachsenden Summe des Geschehenen und Unwiderruflichen; die Zeit hat Frisch zum Chronisten des Alterns gemacht, der dem Ende gefaßt entgegensah: »Was keine Variante mehr zuläßt, ist der Tod.« Am vergangenen Donnerstag ist er, sechs Wochen vor seinem 80. Geburtstag, nach langer Krankheit in Zürich gestorben.

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