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BÜCHER Max & Itzig

Dem Romancier Edgar Hilsenrath gelingt in »Der Nazi & der Friseur« scheinbar Unmögliches -- eine Satire über Juden und SS.
aus DER SPIEGEL 35/1977

Itzig Finkelstein, Friseur, sieht aus, wie sich der »Stürmer« den Juden malte: Froschaugen, krumme Nase, Plattfüße, eifrig hinter Weibern her, sofern sie nicht vor Dürre »klappern«, sondern einen fetten Hintern haben.

In Beth David, nahe Tel Aviv, balbiert Itzig Finkelstein im Salon des tropfnasigen Schmuel Schmulevitch. Er hält, beim Einseifen, feurige zionistische Reden, kämpft als Terrorist gegen die Engländer, marschiert 1948, im Nachschub, gegen die Araber und avanciert durch Dusseligkeit zum Volkshelden: »Judas Makkabäus ist auferstanden!«

Aber Itzig Finkelstein ist gar kein Jude. In Wahrheit heißt er Max Schulz, ehemals SS-Oberscharführer und gesuchter Massenmörder. Unter den

* Edgar Hilsenrath: »Der Nazi & der Friseur Literarischer Verlag Helmut Braun, Köln; 424 Seiten; 28 Mark.

10 000 Juden, die er in Polen umgebracht hat, war auch sein Schulfreund Itzig Finkelstein. Nach dem Krieg, und nach einer delikaten Operation am Glied, schlüpfte Max in Itzigs Haut.

Treibt da einer mit Entsetzen Scherz? Ja, entsetzt. Ein blutiger Schelmenroman, grotesk, bizarr und zuweilen von grausamer Lakonik kommt jetzt auf den deutschen Markt und berichtet von dunkler Zeit mit schwarzem Witz: »Der Nazi & der Friseur"*. Der Autor weiß, wovon er handelt: Edgar Hilsenrath, 51, ist Jude.

Im Ausland hat der »Nazi« bereits beste Referenzen und eine Gesamtauflage von 1,2 Millionen. »Ein Meisterwerk, desgleichen die Literatur über diese Höllenzeit wenig aufzuweisen hat« (die New Yorker jüdische Zeitung »Aufbau"); eine »schluchzende, Kapriolen schlagende Bouffonnerie« (die Londoner »Sunday Times"); eine »wahnwitzige Persiflage, die schaudern macht« ("Neue Zürcher Zeitung"); und angesichts des »surrealen Horrors« fragte »The Times Literary Supplement": »Es wäre interessant zu wissen, wie die Deutschen auf das Buch reagieren.«

Diese Möglichkeit haben deutsche Verlage sieben Jahre verhindert. Erst auf dem Umweg über die USA, Italien, England und Frankreich fand der -- ursprünglich deutsch geschriebene -- »Nazi« zu den Betroffenen. »Überempfindlichkeit der Verleger für jüdische Themen« und der »gefährliche Philosemitismus, der hier so übereifrig gepflegt wird«, vermutet »Nazi«-Autor Hilsenrath, habe die Buchmacher zögern lassen.

Es war nicht Hilsenraths erstes Rencontre mit der Ängstlichkeit deutscher Verleger. Sein Debütroman »Nacht« hatte der Münchener Kindler-Verlag 1965 mit Hängen und Würgen in einer Auflage von 1000 Stück herausgebracht und dann in der Versenkung verschwinden lassen.

Denn auch in der »Nacht« ging Hilsenrath eigene Wege. Er schilderte das wölfische Verhalten von Juden, die während des Krieges in einem ukrainischen Getto, drangsaliert von den Besatzern, ums blanke Überleben kämpfen -- durch Terror depraviert. In der jüdischen Presse vor allem, nach der amerikanischen Edition, erhielt die Horror-»Nacht« starke Zustimmung.

Hilsenrath, ein scheuer, verletzlicher Mann, bewehrt mit Schnauzbart, betritt somit quasi als Neuling eindrucksvoll die deutsche Szene. Er ist US-Bürger, wohnt seit knapp zwei Jahren in West-Berlin, tippt, in seiner Junggesellenküche, auf einer uralten Maschine der verschollenen Marke »Groma« an weiteren Werken und trimmt sich mit einer mäßig schweren Hantel.

Er habe Hemmungen, sagt er, über sich selbst zu schreiben; er verarbeite nur Erfahrungen, die er mit anderen Menschen hatte. Sein oft lebensgefährlicher Lebenslauf ist ein reicher Fundus an Nachtmahrischem und Makabrem.

Die Kindheit verbrachte er in Halle an der Saale. Der Vater, Kaufmann und dekorierter Frontoffizier des Ersten Weltkrieges, wollte den zunehmenden Nazi-Boykott seines Geschäftes nicht begreifen. Erst kurz vor Kriegsausbruch flüchtete die Familie ins Ausland, Hilsenrath mit seiner Mutter nach Rumänien.

Der Zwölfjährige bekam Privatunterricht, trat mit 13 der zionistischen Bewegung bei und hielt, mit 14, als zionistischer Jugendführer bereits Vorträge. Romanhaftes und einige Theaterstücke hatte er auch schon verfaßt.

Die relative Idylle endete jäh, als Rumäniens faschistisches Regime Pogrome entfesselte und die Juden in den rumänisch okkupierten Teil der Ukraine deportierte. In der Ruinenstadt Mogiljow-Podolsk, in einem von Hunger, Typhus und sadistischer Soldateska beherrschten Getto, lernte Hilsenrath das »große Sterben« und »brutale Überleben« kennen -- Schauplatz seines Romans »Nacht«.

Hinter den russischen Befreiern, einer standrechtlichen Erschießung knapp entronnen, schaukelte Hilsenrath dann mit einem Pferdewagen nach Bukarest, besorgte sich einen gefälschten Paß und reiste über Bulgarien, Türkei, Syrien und Libanon ins damalige Palästina.

Als Kibbuznik« Bäume-Pflanzer in der Negev-Wüste, Tellerwäscher, Nachtasyl-Bewohner und Krankenträger (Partner: Jakov Lind) schlug er sich durch die Wirren des entstehenden Staates Israel. Via Frankreich immigrierte er, 1951, in die USA.

In Amerika hatte er es, zunächst, nicht besser -- »ich habe fast immer am Rande der Gesellschaft gelebt«. Er kellnerte in Nightclubs, schrieb in der Subway und in Nachtcafés, wurde mehrmals überfallen, hauste mit einer Kommune in den Wäldern. Mit der amerikanischen Version der »Nacht«, ediert vom größten US-Verlag, Doubleday, kam der Erfolg.

Während eines München-Aufenthalts, 1968, setzte er zum »Nazi & der Friseur« an; im Hauptbahnhof, unter Gastarbeitern wandelnd, murmelte er die Dialoge vor sich hin. Max Schulz, der SS-Scherge, nahm Gestalt an; ein antisemitischer Schüler, der ihn in Halle verprügelt hatte, stand Pate.

Fünf Väter hat der Knabe Max, denn seine Mutter, die arische Minna, war nicht gern allein. Sie glich einem »Bierfaß auf Stelzen«, diente in der deutschen Kleinstadt »Wieshalle« einem jüdischen Pelzhändler und verband sich schließlich dem Friseur und »Kinderschänder« Anton Slavitzki, dem »laut Gerüchten der Schwanz bis übers Knie hing«.

Gegenüber Slavitzkis schmuddeligem Laden hat der Jude Chaim Finkelstein seinen Friseursalon, genannt »Der Herr von Welt«. Finkelsteins Sohn Itzig, zur gleichen Stund geboren wie der krummnasige« froschäugige Max, ist von Gestalt ein Bild von einem Arier, gradnasig und blond; die Knaben werden Freunde.

In einem Monolog, gerichtet an den Leser und wechselnde Personen, erzählt Max seine monströse Simpliziade. Eigentlich soll es ein »Märchen« werden, sagt Hilsenrath, denn Max bat, nach einer Vergewaltigung durch Slavitzki, einen »Dachschaden«; doch die krude Wirklichkeit bricht immer wieder durch.

Maxens Erweckung aus kleinbürgerlichem Frust geschieht, als auf Wieshallens höchstem Punkt, dem »Ölberg«, der Führer spricht. Er predigt: »Selig ist der Stock in der Hand des wahren Meisters.« Max, der Geprügelte« meldet sich zur SA« sodann zur SS, im KZ »Laubwalde« wird er zum Henker der Familie Finkelstein.

Nach dem verpatzten Endsieg kehrt Max heim ins zerbombte Reich. Bei einer vetteligen Frau Holle, an ihrem Holzbein hat sich ein perverser US-Besatzer gerade zu Tode gevögelt, faßt Max Fuß und wieder Tritt: Mit seiner Kriegsbeute, einem Sack ausgebrochener Goldzähne, macht er Karriere als Schwarzhändler.

Aber »das Leben ist grausam, nicht mal die Sommervögel haben es leicht«; irdische Gerechtigkeit fürchtend, beschließt Max, ein anderer zu werden, Itzig Finkelstein. In einer Odyssee aus infernalischen Schnurrpfeifereien und rabenschwarzem Slapstick verwandelt Max sich in sein Opfer: Ein meisterliches Vexierspiel über Schuld und Sühne -- Mörder und Gemordeter werden identisch, »es gibt keine Lösung«.

Hilsenrath nennt sich einen »sehr religiösen Menschen -- das hat mit Gott nichts zu tun«. Er nennt sich auch »sehr vergangenheitsbewußt -- aber ich bin damit fertiggeworden«.

»Ich bin ein Jude deutscher Kultur«, sagt Hilsenrath. Er will sein »Liebesverhältnis« zur deutschen Sprache weiterführen und zunächst in Deutschland bleiben. Der junge »Literarische Verlag Braun«, der den »Nazi« als Top-Titel seines Programms herausbringt, wird auch »Nacht« wieder auflegen, und Hilsenraths dritter Roman ist schon abgeschlossen.

Er handelt von einer amerikanischen Kapitalistin, die bei einer Reise nach Moskau von einem Dissidenten bekommt, was ihr immer gefehlt hat: einen Orgasmus.

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