»Maybrit Illner« zu #allesdichtmachen »Herr Liefers, welche Botschaft wollten Sie eigentlich aussenden?«

Jan Josef Liefers versuchte bei Maybrit Illner noch einmal, die Aktion #allesdichtmachen zu erklären – so richtig gelang es nicht. Nach langen Lockdown-light-Monaten scheint es schwierig, überhaupt noch miteinander zu reden.
Jan Josef Liefers

Jan Josef Liefers

Foto: Svea Pietschmann / ZDF

Ein Glück, dass es wohl bald vorbei ist. Über eine Million Menschen wurden am Mittwoch geimpft, hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gestern Nachmittag verkündet, mehr als ein Prozent der Bevölkerung an einem Tag: Endlich scheint die Impfkampagne so zu laufen, wie sie sollte. Es ist nicht nur Licht am Ende des langen Corona-Tunnels zu sehen. Es wird auch heller. Man kann es sich kaum vorstellen nach diesem endlosen Corona-Lockdown-light-Winter – aber das Ende ist in Sicht.

Was viele schöne Folgen haben wird: weniger Tote, weniger Kranke, weniger Ängste, weniger Einschränkungen im Alltag. Und weniger Bullshit. Endlich.

»Freiheit, Solidarität, Widerspruch – spaltet Corona das Land?« war der Titel von Maybrit Illners Talkshow am gestrigen Abend, und natürlich ging es nicht um die Frage, ob die Pandemie das Land spaltet. Was sie ja tut, die sozialen Unterschiede verschärfen sich. Es ging um die Aktion #allesdichtmachen, mit der einige bekannte deutsche Schauspieler sich in der vergangenen Woche durch ein paar Videoclips über die deutschen Corona-Maßnahmen lustig machten.

Liefers machte keine gute Figur

Natürlich war Jan Josef Liefers zu Gast, einer der prominentesten Protagonisten dieser Aktion – der sich auch nach der scharfen Kritik nicht davon distanziert, mitgemacht zu haben. Sondern durch die Lande zieht und erklärt, was das eigentlich sollte. Oder es zumindest versucht.

Wobei er bei Maybrit Illner keine wirklich gut Figur machte. »Welche Botschaft wollten Sie eigentlich aussenden?«, wurde er mehrmals gefragt, und so richtig erklären konnte er es nicht. Dass er mehrmals den Faden verlor und nicht wiederfand, machte es auch nicht besser.

Ein bisschen saß er da im Fernsehstudio wie die Verkörperung jener Déformation professionelle, die offensichtlich mit dem Job als erfolgreicher deutscher Fernsehschauspieler kommt, dass man nämlich glaubt, zu allen möglichen Dingen etwas zu sagen zu haben, einfach nur, weil man eben Schauspieler ist und die Leute einem deshalb ja zuhören. Ohne aber etwas zu sagen zu haben.

Natürlich ist er damit nicht allein. Eine ganze Industrie hängt an dieser Idee. In fast jeder Talksendung sitzen Schauspielerinnen und Schauspieler – weil ja auch die Macher dieser Sendungen glauben, diese hätten etwas zu sagen. Was sich schon unter normalen Bedingungen oft als falsch erweist. Was aber in so aufgehitzten Zeiten wie der Spätphase einer Pandemie vollends ins Absurde kippt.

Dass es keinen falschen Beifall geben dürfe, zu diesem Gedanken schaffte Liefers es immerhin.

Da hätte es vorbei sein können

Als die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim, eine der erfolgreichsten und besten Corona-Erklärerinnen der Bundesrepublik, darauf den schönen Satz sagte, dass aber »nicht jede Diskussion eine gute« sei und sie eigentlich gar keine Lust habe, über die Schauspieleraktion zu reden, weil sie in der Aufregung über #allesdichtmachen vor allem sinnlos verschwendete Aufmerksamkeit sehe – da hätte die Sendung eigentlich auch vorbei sein können.

Nun waren aber noch der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki da, der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer von den Grünen und Peter Tschentscher, der Erste Bürgermeister der Hansestadt Hamburg.

Kubicki verteidigte die Meinungsfreiheit, Tschentscher mahnte die Künstler, nicht ihre Verantwortung gegenüber denen zu vergessen, die gerade in den Krankenhäusern gegen die Pandemie kämpfen – und Palmer erzählte davon, wie es ist, in einem Shitstorm zu stehen. »Ich lass mich nicht wegdrücken«, sagte er, »die Leute sind nicht blöd«, und sie »brauchen keine Vordenker«. Streit spalte nicht, sondern führe zusammen, fügte Palmer noch hinzu, ein interessanter Gedanke, der dann aber nicht weiter verfolgt wurde.

Gesellschaft im Nervenzusammenbruch

Man kann es wohl nicht anders sagen: Nach über einem Jahr Pandemiebekämpfung ist dieses Land wirklich am Ende. Wenn die Aktion #allesdichtmachen und die Reaktionen darauf irgendetwas gezeigt haben, dann das.

Es tut der Politik nicht gut, das only game in town zu sein. Natürlich hat sie immer einen Entertainment-Anteil – aber das Corona-Drama überfordert die Beteiligten doch deutlich. Es tut auch dem schaustellenden Gewerbe nicht gut, wenn seine Protagonisten und Protagonistinnen keine Bühne mehr haben. So ganz ohne Aufmerksamkeit werden sie nämlich kribbelig und gehen schließlich dahin, wo die Action ist: Und es kommt ein Quatschskandal wie #allesdichtmachen heraus.

Wir alle müssen dringend mal wieder rausgehen, anstatt Tag für Tag und Abend für Abend vor dem Computer oder dem Fernseher zu hängen und erbitterte Streits über absurde Themen zu führen.

Donald Trump ist schon weg, das war ein Anfang. Es wird Zeit, dass auch Corona geht.

Aber es ist ja absehbar. In New York sollen die Corona-Maßnahmen ab dem 1. Juli weitgehend aufgehoben werden. Man kann es sich kaum vorstellen. Aber das Leben nach Corona scheint wirklich in Sicht zu sein.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.