Zur Ausgabe
Artikel 65 / 80
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Medizin und Technik

Der Autor, gelernter Historiker und Philologe, arbeitet als Assistent am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Tübingen.
aus DER SPIEGEL 5/1979

Die gesundheitspolitische Diskussion -- das belegen nicht zuletzt die einschlägigen SPIEGEL-Artikel -- hat ein neues Thema gefunden: Nach Ärzten und pharmazeutischer Industrie müssen sich gegenwärtig »die Technik« und »die naturwissenschaftliche Medizin« als Ursache für die medizinische Misere verantworten. Unter dem Eindruck der Argumente überwand sogar die deutsche Ärzteschaft die Epoche Sewering als Zeitalter der »Apparatemedizin« und stellt, wenn auch nicht die Höhe ihrer Einkünfte, so doch das technisch Machbare zur Disposition.

Wie schon in früheren Arbeiten hat Alexander Mitscherlich auch in seinem SPIEGEL-Essay (SPIEGEL 38/1978) auf einen wichtigen Punkt in der Entwicklung der naturwissenschaftlich -- technischen Medizin hingewiesen. Er erinnert an den Nürnberger Ärzteprozeß, dessen Verhandlungsgegenstand nach seiner Interpretation eine Medizin war, »die ständig in Technologien weiterentwickelt wird«; in dem, »was vor dreißig Jahren im Hitlerstaat erschienen ist«, sieht er das erste Mahnmal einer Entwicklung, an deren Ende »die totale Verdunkelung« stehen wird.

Mitscherlich ist weit davon entfernt, ärztlicher Maschinenstürmerei oder gar der gängigen, an der Technikdiskussion sich emporrankenden Forderung nach Einschränkung des medizinischen Leistungsangebotes das Wort zu reden. Sein Standpunkt scheint unmittelbar vernünftig; worum es ihm geht, ist der Versuch, den von der Technik erzwungenen »Verzicht auf die Anwendung von Sprache in der Medizin« aufzuheben. Daß er sich nicht scheut, historisch zu argumentieren, zeigt, wie wenig er den Tagesinteressen verpflichtet ist.

Mitscherlichs Betroffenheit steht außer Frage; ebenso seine Sachkenntnis. Die von ihm und Fred Mielke betreute Dokumentation zum Nürnberger Ärzteprozeß ist bis heute die wichtigste Arbeit in einer beschämend geringen Zahl westdeutscher Untersuchungen zur nationalsozialistischen Medizin.

Dennoch: Diese Dokumentation hat die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Medizin eher verharmlost und in eine falsche, sicherlich nicht beabsichtigte Richtung abgelenkt. Das hängt zusammen mit der unzutreffenden Identifizierung von technifizierter und nationalsozialistischer Medizin.

Schon die erste Veröffentlichung des Abschlußberichts über den Nürnberger Ärzteprozeß veranlaßte die schnellen Rechner in der -- nicht in allen Positionen -- neuen Standesführung, eine vorteilhafte Bilanz aufzumachen: »Von etwa 90 000 deutschen Ärzten haben etwa 350 Medizinverbrechen begangen. Die Masse der deutschen Ärzte hat unter der Diktatur ihre Pflichten getreu den Forderungen des Hippokratischen Eides erfüllt, von den Vorgängen nicht gewußt und mit ihnen nicht im Zusammenhang gestanden.«

Die deutsche Ärzteschaft hat sich für diese Form der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ein eindrucksvolles Denkmal setzen lassen: Auf ihren Antrag wurde 1956 in Köln die Straße, an der gerade das Haus der Bundesärztekammer errichtet worden war, nach einem ihrer rührigsten Funktionäre benannt, nach Karl Haedenkamp. Geehrt wurde damit die Kontinuität ärztlicher Standespolitik seit der Weimarer Republik unter Einschluß der Jahre 1933 bis 1945.

Haedenkamp war in jenen Jahren unter anderem Schriftleiter des Deutschen Ärzteblattes; in dieser Eigenschaft verdeutlichte er zum Beispiel die neuen medizinalpolitischen Ziele: »Es wird nichts versprochen, aber desto mehr gefordert. Keine Spekulation auf die Begehrlichkeit, sondern Appell an das vaterländische Pflichtgefühl.«

Als leitender Redakteur brachte

Haedenkamp auch das führende Standesblatt auf den neuen Kurs gegen »Parlamentarismus, Demokratie und Materialismus«, verteidigte er die »Übergriffe« seiner Parteigenossen vor den »Unzufriedenen« unter seinen Kollegen. Ehrenamtlich, versteht sich, war Haedenkamp auch mit den Berufsverboten für die jüdischen Ärzte befaßt.

»Für die Zukunft«, kommentiert er 1933 die erste Entlassungswelle« »gilt der Grundsatz, daß Deutsche nur von deutschen Ärzten behandelt werden. Es bleibt abzuwarten, wie und wann dieser Wunsch erfüllt werden kann, vorläufig sind wir noch an Recht und Gesetz gebunden.« Als dieser Wunsch 1938 endgültig erfüllt wird, sorgt Haedenkamp als Leiter der Auslandsabteilung der Reichsärztekammer für den »Austausch deutschblütiger Ärzte aus dem Ausland«. 1939 wird er aus der Reichsärztekammer in den marineärztlichen Dienst abgedrängt, setzt aber auch jetzt noch seine Zukunft auf die faschistischen Raubzüge: Für seinen Abschied bedingt er sich aus, nach dem Krieg durch ein Amt in einer deutschen »Kolonie« entschädigt zu werden.

Was hat dieser Lebenslauf mit Mitscherlichs Thesen zu tun? Entscheidend ist eine Antwort auf die Frage, was als faschistische Medizin zu gelten hat. Wenn damals in der Tat eine sich in Techniken fortentwickelnde Medizin ihre erste schwarze Stunde feierte, dann waren Haedenkamp und die Ärzte, deren Interessen er vertrat, keine Nationalsozialisten. Ihre Abrechnung mit der »Begehrlichkeit« des Patienten war nämlich eine Abrechnung mit der naturwissenschaftlich-technischen Medizin; die Vertreibung jüdischer, sozialdemokratischer und marxistischer Ärzte war eine Reinigung des Standes. von Repräsentanten eben dieser Medizin.

Stimmt Mitscherlichs These, dann

war all dies reinste Menschlichkeit; dann stimmt die Rechnung der Bundesärztekammer -- unter ihren Funktionären auch wieder Haedenkamp -- von den lediglich 350 nationalsozialistischen Ärzten; dann ist die Identifizierung der deutschen Ärzteschaft mit Haedenkamp ein Zeichen der Überwindung faschistoiden Denkens.

Mitscherlichs Deutung hat die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Medizin in diese falsche Richtung abgedrängt. Was die Mehrheit der Ärzte mit dem deutschen Faschismus zusammenführte, war gerade dessen Irrationalismus, in dem die allgemeinpolitischen und standespolitischen Interessen auf einen Nenner kamen. Es war bequem, dessen genaues Gegenteil nach 1945 als faschistisch definiert zu finden.

Fairerweise muß man aber wohl zugeben, daß es Mitscherlich nicht vorrangig um eine Gesamtdeutung nationalsozialistischer Medizin geht. Seine Aufmerksamkeit gilt den Ereignissen, deren Aburteilung in Nürnberg versucht wurde, und darüber hinaus dem Prozeß der Versachlichung in der Medizin und dem damit einhergehenden Verlust von Sprache.

Am Beispiel der nationalsozialistischen Ärzteverbrechen stellt er zwei Fragen. Er fragt nach dem ursächlichen Zusammenhang von naturwissenschaftlich-technischer Medizin und Gewalt; hier glaubt er die Sprache als Gegenmittel einer mörderischen Entwicklung empfehlen zu müssen. Dahinter steht aber die grundsätzliche Frage, was Mord ermöglicht. Sind es Unterkühlung und Sterilität sozialer Beziehungen oder die totale Nähe, deren die Herrschaft bedarf?

Für Mitscherlichs These spricht die Tatsache, daß die Verfeinerung des technischen Instrumentariums den Mord zumindest erleichtert; die Einführung der Todesspritze in einigen Staaten der USA zum Vollzug der Todesstrafe ist ein schlagkräftiger Beleg dafür. Gegen Mitscherlich spricht ein grundsätzlicher Einwand: Hat Ödipus seinen Vater nicht ermordet, weil er die Distanz zu ihm nicht einhalten konnte? Eine Flucht in das Konkrete ist immer mißlich; ich meine gleichwohl, daß nur eine am Beispiel orientierte Diskussion weiterhilft. Sicherlich nicht in dem Sinne, den Mitscherlich meint, aber nicht hinreichend präzisiert, war die nationalsozialistische Medizin eine Gesprächs-Medizin«. Die Propaganda, und nicht die materielle Hilfe, war eines ihrer wesentlichen Heilmittel.

Ihr zentrales Thema war die »Begehrlichkeit« des Patienten, der gegenüber das traditionelle pharmazeutische und technische Heilmittel versagte. Es ging geradezu darum, dem Patienten die Notwendigkeit solcher Heilmittel auszureden und ihn auf sich selbst als erste Krankheitsursache zu verweisen.

Dieses Anliegen stellt die nationalsozialistische Medizin bruchlos in die Geschichte der Medizin seit Einführung der gesetzlichen Krankenversicherung. Mit diesem Ereignis änderte sich die Sprache des Arztes gegenüber dem Patienten in grundlegender Weise, wird sie von entscheidender Wichtigkeit. Ist der Patient für den Naturwissenschaftler ein »Fall«. lediglich ein erkranktes Organ, so wird er für dessen Kritiker zum »sozialen Parasiten«, zum »Schweinehund« oder zum »Sozialgangster« (so 1977!).

Es ist unschwer zu belegen, daß erst

mit dieser neuen Sprache jene Dimension der Gewalt in die Medizin kam, die Mitscherlich beklagt. Die Opfer der nationalsozialistischen Ärzteverbrechen waren zunächst die Opfer einer politischen Propaganda geworden, die sie als Schädlinge und Untermenschen brandmarkte und in die Konzentrationslager brachte.

Belegbar ist auch, daß diese Gewalt nicht im Zuge der, sondern erst gegen die naturwissenschaftlich-technische Medizin durchsetzbar wurde. Das beginnt etwa mit Bismarcks Leibarzt Ernst Schweninger, der bis heute mehreren Generationen von Ärzten das bewunderte Vorbild des röhrenden und kalauernden ärztlichen Herrenmenschen wurde. Schweninger ließ keinen Zweifel, daß die Herrschaft des Arztes über den Patienten und die Anwendung naturwissenschaftlicher Methoden sich gegenseitig ausschließen.

Die nationalsozialistische Medizin bietet eine Fülle von Beispielen für diese Unvereinbarkeit. Am bekanntesten wurde das Beispiel des Chirurgen Ferdinand Sauerbruch, der sich 1936, wenige Wochen nachdem Hitler die entscheidenden Kriegsvorbereitungen angeordnet hatte, von den Nazis in einer weltweit beachteten Rede lossagte. Sein Argument gegen deren irrationale Forschungs- und Gesundheitspolitik war: Rückkehr zur naturwissenschaftlichen Methode.

Ein zweites Beispiel: Nach Abbruch der Euthanasieaktion wird in einem Entwurf der Arbeitsfront zur Neuordnung des Gesundheitswesens beklagt, »daß eine übersteigerte Wissenschaft modernster Prägung Zehntausende unglückliche Menschenkinder künstlich am Leben erhält, statt dem schicksalsmäßigen Ablauf dieser Leben freien Lauf zu lassen«. Dagegen hätten »vor jedermann gerechtfertigte Maßnahmen diese Quelle sinnwidriger Humanitätsduselei wenigstens teilweise zu verstopfen« gesucht.

Konnte die klassische naturwissenschaftliche Medizin die faschistischen Mordprogramme nicht begründen, so fragt sich, wo sie ihre Begründung fanden. Der gegen die Naturwissenschaften bewußt im Mythischen gehaltene Biologismus ist nur eine Ebene gewesen. Auf eine andere Ebene haben Mitscherlich und Mielke in ihrer Dokumentensammlung mit einem beweiskräftigen Beispiel hingewiesen: das bis in die Schulbücher propagierte, rigide Kostenbewußtsein nationalsozialistischer Medizin.

Die Beispiele dafür lassen sich beliebig vermehren. Solchen Kalkulationen fielen nicht nur die Geisteskranken zum Opfer, sie bestimmten auch den Gesamtcharakter nationalsozialistischer Medizin, wie zum Beispiel die Einschränkung naturwissenschaftlich begründeter Therapieformen gegenüber psychologischen, suggestiven oder volksheilkundlichen Billigmedikamenten.

Wenn, wie Mitscherlich mit Recht vorschlägt, die Erinnerung an den Nationalsozialismus den Blick für die Vorgänge in unserer gegenwärtigen Medizin schärfen soll, dann darf man auch nicht übersehen, daß die Diskussion über die Grenzen medizinischer Technik wieder zusammenfällt mit einer Diskussion über die Kostenexplosion im Gesundheitswesen.

Die entscheidende interne Begründung für seine medizinische Praxis erhielt der Nationalsozialismus aber ausgerechnet durch die psychosomatische und anthropologische Medizin, die als die humanen Alternativen zur naturwissenschaftlichen Medizin gelten.

Das in dieser Hinsicht wichtigste Werk

stammt von einem von Mitscherlichs Lehrern, dem Heidelberger Internisten Viktor von Weizsäcker. Dieses Werk, 1935 in zweiter Auflage erschienen, unternimmt den Versuch, »das menschliche Subjekt in das anatomisch-physiologisch orientierte Denken der Medizin« einzuführen.

Was Weizsäcker darunter verstand, war der Wandel der Medizin von der »reinen Erhaltungslehre« zur »Vernichtungslehre«, zur »Vernichtungspolitik«. Es sei »gewiß unangenehm, daß der Arzt sich nicht von dem Gesetz des Vernichtens emanzipieren kann«, so schrieb Weizsäcker; »aber es« sei »ein Glück, wenn er durch diese Verstrickung Gelegenheit bekommt, der blinden Vernichtung Einhalt zu tun und das Handeln aus dem Geiste zu lenken, auch wo es Vernichtung heischt«.

Was erregt mehr Ekel? Die Experimente eines Professors Gebhardt oder diese blumig formulierte Mordlust? Meines Wissens ist Weizsäcker der erste gewesen, der in Nürnberg die naturwissenschaftliche Medizin auf der Anklagebank sitzen sehen wollte. An seinem Beispiel wird am deutlichsten, wie mit dieser These eine falsche Spur zur Aufklärung der nationalsozialistischen Ärzteverbrechen gelegt wurde. Die »Vernichtung«, die Weizsäcker predigte, war gewiß nicht die durch die Technik ermöglichte; sie war Inhalt einer »vom Menschen zum Menschen gerichteten Medizin«.

Das gegen die naturwissenschaftliche Medizin erhobene Argument, sie reduziere den Patienten auf die Dimension seines erkrankten Organs, erfährt hier eine überraschend positive Wendung und erweist sich als humane Zurückhaltung gegenüber der Unverletzlichkeit der Person. Wo naturwissenschaftliche Medizin nur das einzelne Organ sieht, greifen manche ihrer Kritiker auf die ganze Person durch. Daß sie den Patienten dem totalen Zugriff entziehe, ist einer der Vorwürfe, der sich in der Tradition der Kritik an der naturwissenschaftlich-technischen Medizin immer wieder findet.

Mitscherlichs Warnung vor den Folgen einer technifizierten Medizin ist damit nicht widerlegt. Seine Alternative erweist sich aber als ebensowenig tragfähig, um der Entmenschlichung der Humanmedizin entgegenzutreten.

Vor einiger Zeit begannen die Rundfunkanstalten mit der Sendung eines Funkkollegs über »Umwelt und Gesundheit«. Einer der wissenschaftlichen Leiter hat die Ziele des Kollegs dahingehend umrissen, daß »die Menschen so zu bilden, so zu erziehen« wären, »daß sie teils sich gesundheitsgerechter verhalten können, teils mit der Welt, die sie nicht ändern können, doch besser fertig werden«. Ein anderer Autor notierte sich zum Beispiel die Gesundheitsdefinition der WHO unter dem Stichwort »spießbürgerliches Idol«.

Eine Medizin, die das Streben nach Gesundheit lächerlich macht oder zumindest nur um den Preis der individuellen Anpassung an eine schädliche Umwelt billigt, bedarf gewiß keiner Verfeinerung der technischen Apparatur. Sie wird aber nicht auf die Anwendung von Sprache verzichten können, die so gewalttätig sein wird wie das Valium zum Beispiel.

Walter Wuttke-Groneberg
Zur Ausgabe
Artikel 65 / 80
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.