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Medizin: »Viren der Liebe«

Neun von zehn Erwachsenen in den westlichen Industrieländern haben den unangenehmen Bläschenausschlag an den Lippen schon einmal verspürt: Die Herpes-Viren, übertragen durch Küsse und andere Hautkontakte, sind allgegenwärtig -- und vielleicht nicht harmlos. Forscher vermuten neuerdings, daß Herpes-Viren bei der Übertragung von bestimmten Krebsarten mitwirken. Einem Bericht von William A. Knaus, Internist an einer Universitätsklinik in Washington, über den neuesten Stand der Herpes-Forschung sind folgende Auszüge entnommen:
aus DER SPIEGEL 45/1976

Als erster mühte sich der römische Kaiser Tiberjus vor fast 2000 Jahren, eine Herpes-Epidemie einzudämmen. Er erließ ein Kuß-Verbot für alle öffentlichen Feierlichkeiten. Seither haben Menschen immer wieder versucht, dieser weitverbreiteten Infektion Herr zu werden -- vergebens.

Herpes-Infektionen sind am bekanntesten als unangenehmer Bläschenausschlag an Lippen und Mund, der bei Erkältungen und Fieber auftritt. Sie werden durch Viren des gleichen Namens hervorgerufen -- genauer gesagt, durch zwei engverwandte Mitglieder aus der vielseitigen Familie der Herpes-Viren.

Das spezifische Virus, das den Bläschenausschlag an Lippen und Mundpartien hervorruft, Herpes 1. ist so weit verbreitet, daß schätzungsweise 90 Prozent der erwachsenen Bevölkerung der Vereinigten Staaten irgendwann einmal damit infiziert wurden. Darüber hinaus wurden aber auch etwa 60 Prozent der erwachsenen Amerikaner (meist ohne es selbst zu merken) von einem zweiten Mitglied dieser virulenten Familie infiziert, dem Virustyp Herpes II. Folge

* Menschliche Zellen in 20 000facher Vergrößerung; untere Bildhälfte: eindringende Herpes-Viren.

dieser Infektion ist eine Krankheit, die sich als schmerzhafte Bläschenbildung an den Genitalien äußert und die in letzter Zeit in erschreckendem Ausmaß zugenommen hat.

Beide Herpes-Typen galten seit langer Zeit als »Viren der Liebe«, weil sie einerseits durch Kontakt von Mensch zu Mensch übertragen werden und weil sie scheinbar kaum je zu schweren Erkrankungen führten.

Der Herpes-Typ II freilich wird neuerdings mit einer bösartigen Krankheit in Verbindung gebracht -- dem Gebärmutterhalskrebs, an dem in diesem Jahr allein schätzungsweise 20 000 Amerikanerinnen erkranken. 7700 Frauen in den USA sterben daran in jedem Jahr.

Nach über 50 Jahren gewissenhafter Forschung glauben die meisten Wissenschaftler jetzt, der Herpes-Typ II werde den ersten stichhaltigen Beweis dafür liefern, daß Gebärmutterhalskrebs durch Viren verursacht wird.

Ein entfernter Vetter der Herpes-Typen I und II wurde bereits definitiv mit einer in Afrika verbreiteten bösartigen Lymphknotengeschwulst, dem sogenannten Burkitt-Lymphom, in kausalen Zusammenhang gebracht. 1970 gelang es erstmals, diese menschliche Krebsgeschwulst zweifelsfrei auf ein Virus zurückzuführen -- ein Mitglied der Herpes-Familie, nach den Wissenschaftlern, die es zuerst beschrieben. Epstein-Barr-Virus genannt.

Insgesamt umfaßt die Herpes-Familie über So verschiedene Virus-Typen: Typ I und Typ II sind am bekanntesten. Da beide Virus-Typen auch beim oralen Geschlechtsverkehr übertragen werden können, haben die Wissenschaftler unlängst Infektionen des Typs I auch an den Genitalien und Viren des Typs II bei der Gesichtsherpes festgestellt. Einige Beobachter glauben, daß infolge dieser durch den Geschlechtsverkehr angeregten Virenübertragung die ohnehin geringfügigen chemischen Unterschiede zwischen den beiden Virenformen weiter abgebaut werden, Am Ende, so ihre Spekulation, könnte es nur noch eine dominierende Herpes-Infektion geben.

In ihrer gegenwärtigen Beschaffenheit sind die Herpes-Viren Typ I und Typ II, verglichen mit anderen Viren, ziemlich groß -- etwa 0,00015 Millimeter im Durchmesser, etwa viermal so groß wie der Erkältungsvirus.

Beide Virustypen sind einzigartig ausgerüstet, um zu überleben. Ihr innerer Kern, bestehend aus 120 ringförmigen DNS-Molekülen, ist in mehrere Schichten dichter, schützender Polymere eingebettet und wird obendrein noch von einer wasserdichten Fettmembran umschlossen. Diese Hülle gewährleistet, daß der Erreger bei der Übertragung von Mensch zu Mensch am Leben bleibt.

Bei dem Kontakt von Haut zu Haut bleibt die äußere Membran des Virus an dem neuen Träger haften, während der Kern die infektiöse DNS in die fremden Hautzellen einschleust. Die Viren-DNS reißt dann die Steuerung der normalen Eiweißsynthese der Zelle an sich und zwingt sie, Hunderttausende neuer Herpes-Viren zu produzieren. Etwa 25 000 dieser genauen Herpes-Nachbildungen bauen sich aus dem menschlichen Zellmaterial ihrerseits eine Schutzschicht, die sie befähigt, in weitere Zellen einzudringen und sich dort wiederum entsprechend zu vermehren. Dieser Prozeß der Zellenvernichtung und schnellen Ausbreitung greift jeweils auf die Nachbarzellen über, bis sich schließlich das typische Herpes-Bläschen bildet.

Gelingt es, die Immunabwehr des Körpers zu überspielen, so gelangen schließlich Tausende der aus dem ursprünglich eingedrungenen Virus gebildeten neuen Viren durch den Blutkreislauf in andere Teile des Körpers. Zwar treten die typischen Herpes-Bläschen selten an anderen Körperstellen auf; dennoch haben die Herpes-Viren offenbar die gleiche Affinität zum Nervensystem entwickelt wie Polio- und Tollwut-Viren

Bei Autopsien wurden Teile des Herpes-Virus Typ I im sogenannten Trigeminus-Ganglion gefunden, wo Mund- und Lippennerven sich verzweigen. Der

Herpes-Virus Typ II wurde in den Sakralnerven nachgewiesen, die sich in die Genitalien verzweigen.

Statt die Nervenzelle anzugreifen, bezieht der Herpes-Virus dort praktisch nur eine Warteposition, mitunter jahrelang. Offenbar tragen verschiedene Vorgänge dazu bei, ihn dann freizusetzen -- psychischer oder physischer Stress, menstruationsbedingte hormonale Veränderungen oder biochemische Umstellungen während der Pubertät. Der Erreger verläßt dann den Kern der Nervenzelle und dringt in die Haut ein, wo er ein prickelndes, brennendes Gefühl hervorruft und nach ein oder zwei Tagen ein Herpes-Bläschen bildet.

Das vielleicht drastischste Beispiel der Herpes-Affinität zum Nervensystem ist die schmerzhafte Krankheit, die unter dem Namen Gürtelrose bekannt ist.

Bei dem auslösenden Virus handelt es sich um ein weiteres Mitglied der Herpes-Familie, das Windpocken-Virus, das sich mitunter auch in den Zellen der Rückenmarksnerven (Spinalnerven) ansiedelt. Wenn es, zum Beispiel nach Stress, in die Hautzelle überwechselt, führt es zu einem streifenförmigen Bläschenausschlag, der langsam und genau an der Bahn der Spinalnerven entlangkriecht.

Das Kußverbot des Tiberius war nur der erste Versuch von vielen, die Herpes-Infektion einzudämmen. So wurden die Bläschen unter anderem mit elektrischem Strom ausgebrannt, durch häufige Anwendung von Äther anästhesiert, mit rotem Farbstoff bestrichen und dann mit Leuchtstofflicht bestrahlt.

In jüngster Zeit wurden die Viren buchstäblich vergiftet. Das derzeit meistverordnete Virostaticum ist Idoxuridin (IDU), dessen Wirksamkeit allerdings von vielen bezweifelt wird.

So unangenehm und lästig die durch die Herpes-Viren Typ 1 und Typ II verursachten Bläschen-Infektionen auch sein mögen, so sind sie doch an sich selten ernsterer Natur.

Die Wissenschaftler haben sich viele Jahre lang vor allem mit dem hartnäckigen Verbleiben dieser Viren im menschlichen Gewebe beschäftigt -- ein Umstand, der ihren Verdacht erregte. Auf großen Umwegen gelangten sie zu der Annahme. die heute fast zur Gewißheit geworden ist, daß die Herpes-Viren Typ II bei der Krebserkrankung des Gebärmutterhalses eine wichtige Rolle spielen.

Umfangreiche Forschungen in dieser Richtung begannen 1905. als ein New Yorker Gynäkologe, H. N. Vineberg, bei einer seiner Patientinnen Krebs am Gebärmutterhais entdeckte. Die Feststellung als solche überraschte ihn nicht -- in seiner zwanzigjährigen Praxis hatte er viele Frauen behandelt, die an diesem Krebs litten. Diese Patientin aber, eine Mrs. Rosen, war Jüdin, und nach Vinebergs Erfahrungen erkrankten Jüdinnen selten an Gebärmutterhals-Krebs.

Neugierig geworden, machte sich Vineberg an die mühsame Arbeit, all seine Akten durchzugehen. Er stellte fest, daß eine Krebserkrankung des Gebärmutterhalses bei seinen nichtjüdischen Patientinnen zwanzigmal häufiger auftrat als bei Jüdinnen. Das verwunderte ihn, zumal die Faktoren, die seines Wissens mit dem Krebs in Zusammenhang standen -- Armut. Frühchen, mehrfache Schwangerschaften -, damals in den übervölkerten jüdischen Gettos New Yorks verbreitet waren.

Vineberg gelangte schließlich zu der Schlußfolgerung, daß die geringe Verbreitung dieser Krebsart bei Jüdinnen auf drei Faktoren zurückzuführen sein könnte: Erbanlagen, religionsbedingte Ernährungsweise oder die traditionell jüdische Sitte sexueller Abstinenz während der Menstruationsperiode der Frau.

Wie sich dann herausstellte, war der dritte Faktor entscheidend. 1936 berichtete ein anderer Arzt. A. S. Handley, daß auf den Fidschi-Inseln Mohammedanerinnen seltener an Gebärmutterhals-Krebs litten als Hindu-Frauen. Die Beschneidung der Moslems und Juden, meinte Handley, würde seine und Vinebergs Feststellungen erklären.

1966 dann belegten umfangreiche Untersuchungen an Nonnen in Atlanta, an Prostituierten in London und an Tausenden von Patientinnen, die an diesem Krebs litten, eindeutig, daß das Sexualverhalten beim Gebärmutterhals-Krebs eine Rolle spielt. Der Tumor tritt häufiger bei Frauen auf, die schon früh in ihrem Leben ihr erstes sexuelles Erlebnis haben und dann zu mehreren Partnern überwechseln.

Besonders naheliegend war daher der Gedanke, daß während des Geschlechtsverkehrs mit dem sich unter der Vorhaut ansammelnden Smegma krebsverursachende Viren vom Mann auf die Frau übertragen werden. Die Beschneidung bei Juden und Moslems verbessert die männliche Hygiene und reduziert damit die Zahl schädigender Gebärmutterhals-Infektionen.

Im Jahre 1970 dann erfolgte ein entscheidender Durchbruch -- und möglicherweise ein weiterer Fortschritt bei der Lösung des Geheimnisses des Gebärmutterhals-Krebses. Der Hinweis kam aus Afrika. Etwa zwölf Jahre nachdem der englische Chirurg D. P. Burkitt erstmals eine ungewöhnliche Form von Halskrebs bei afrikanischen Kindern geschildert hatte, gelang es den Forschern, den Krebs direkt auf eines der Herpes-Viren, das sogenannte Epstein-Barr-Virus, zurückzuführen.

Anfang der siebziger Jahre fanden zwei Forscher, Laura Aurelian von der Johns Hopkins University und Ariel Hollinshead von der George Washington University ein weiteres Indiz. Sie entdeckten unabhängig voneinander im Blut von Frauen, die an einer Krebserkrankung des Gebärmutterhalses litten, ein Herpes-spezifisches Antigen. Laura Aurelian untersucht nun eine Gruppe von Frauen vor und nach der Behandlung von Gebärmutterhalskrebs. Bisheriges Ergebnis: Das Herpes-Antigen ist bei allen noch unbehandelten Patientinnen festzustellen und verschwindet nach erfolgreicher Behandlung.

Inzwischen hat auch Dr. Hollinshead dieses Antigen im Blut von Patienten festgestellt, die an Kopf- und Halstumoren leiden. Diese Entdeckung ist besonders interessant, weil diese Stellen auch von dem Herpes-Virus Typ 1, der Bläschenausschlag an Lippen und Mund hervorruft, befallen werden.

Trotz dieser Erfolge fehlen noch die anderen Glieder in der Beweiskette, die einen kausalen Zusammenhang zwischen Herpes-Viren und Gebärmutterhalskrebs untermauern sollen.

Bei einem vierjährigen Experiment mit 400 Affen wurden Herpes-Viren des Typs II mehrfach in den Gebärmutterhals der weiblichen Tiere injiziert, ohne daß sie zu bösartigen Veränderungen führten.

Der dritte und wichtigste Beweis, der Nachweis des tatsächlichen Virus in menschlichen Tumoren, konnte bisher nur ein einziges Mal erbracht werden. 1972 gelang es Frau Dr. Aurelian, die mit Zellmaterial an einem noch im Anfangsstadium befindlichen Gebärmutterhalskrebs experimentierte, den Virus Typ II aus dem Tumor zu züchten. Bemühungen, das Ergebnis durch weitere Experimente abzusichern, schlugen fehl.

Inzwischen rechnen einige Wissenschaftler mit zukünftigen Fortschritten auf einem anderen Gebiet. Das Ziel ist Beherrschung der ursprünglichen Herpes-Infektion durch Impfung.

Die konventionellen Impfstoffe, etwa gegen Grippe, bestehen aus Viruspartikeln, die durch Hitze oder schädigende Chemikalien abgetötet wurden.

Nach der Injektion stimulieren diese toten Viren trotzdem noch die Bildung von Abwehrstoffen, ohne selber eine ernste Erkrankung hervorrufen zu können. In Deutschland wurden seit Anfang der siebziger Jahre Impfstoffe gegen Herpes-Hautinfektionen eingesetzt, allerdings ohne großen nachweislichen Erfolg. (Sie mußten überdies, wegen mangelnder Sicherheit, jüngst wieder vom Markt genommen werden.)

Zwar gelang es vor einigen Jahren in Amerika, einen verläßlichen Impfstoff gegen ein Herpes-Virus zu entwickeln, das bei Hühnern Krebs auslöste. Die Immunisierung schützte die Tiere zuverlässig gegen die Tumorbildung.

Aber die Schwierigkeit, solche Verfahren auf den Menschen zu übertragen, liegt auf der Hand: Will man ein abgetötetes Krebsvirus als Impfstoff einsetzen, so muß jedenfalls vor allem sichergestellt sein, daß es für immer außerstande ist, je wieder das Wachstum einer bösartigen Geschwulst in Gang zu setzen.

Leider zeigten Versuche mit beiden Herpes-Typen, Typ I und Typ II, daß sie auch in abgetöteter Form in der Lage sind, in Hamstern Tumore zu erzeugen. Einige Forscher meinen sogar, daß abgetötete Viren unter Umständen karzinogener sind als lebende.

Trotz aller Problematik berechtigt die jüngste Geschichte der medizinischen Forschung. auf einen künftigen Sieg über die Herpes-Erkrankungen zu hoffen. »Die meisten dieser Probleme«, erinnert sich ein bekannter Virenforscher, Joseph Melnick vom Baylor College of Medicine, »bestanden auch, als wir mit der Entwicklung eines Impfstoffes gegen die Kinderlähmung begannen.«

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