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Klaus Franke über Ivan Illich: "Die Enteignung der Gesundheit" Medizinkritik als Fastenpredigt

aus DER SPIEGEL 27/1975

Klaus Franke, 41, ist Redakteur im Wissenschafts-Ressort des SPIEGEL.

F urore machte das Pamphlet gegen

die »Pestilenz der modernen Medizin«, noch ehe es hierzulande gedruckt vorlag. Doch seltsam, die sonst stets kampfbereiten Wahrer der ärztlichen Standesehre gingen bislang mit dem Autor unerwartet glimpflich um -- Is was, Doc? Oder andersherum: Stimmt was nicht mit Illichs Streitschrift?

Das Buch ist erschienen, Zweifel sind ausgeräumt: Strenger als der ehemalige päpstliche Hausprälat und Monsignore Ivan Illich hat noch keiner den Medizinmännern die Leviten gelesen.

Daß die Ärzteschaft sich die Privilegien einer Priesterkaste anmaße, daß sie in den allermeisten Krankheitsfällen gar keine Heilerfolge erziele, daß sie im Verein mit Kliniken, Krankenkassen und Pharma-Firmen immer größere Anteile des Volkseinkommens beschlagnahme -- das alles, als Vorwurf nicht gerade neu, zählt für Illich noch zu den läßlichen Sünden. Er geht aufs Ganze: Längst, behauptet er, sei der »wuchernde Medizinbetrieb« selber zu »einer Hauptgefahr für die Gesundheit geworden«.

Nicht nur, daß die Summe der schädlichen Nebeneffekte, ausgelöst durch Operationen, Diagnose-Prozeduren und Medikamente, die therapeutischen Wohltaten inzwischen weit überwiege; die Medizin als mächtiges Sozialunternehmen, das seine Klienten von der Geburt bis zum Tod betreut, produziert laut Illich eine arztabhängige Gesellschaft von lebenslang Kranken -- ein Vorgang, der die Selbstheilungskräfte und die menschliche Fähigkeit lähme, mit Schmerzen, Krankheiten und schließlich dem Tod souverän fertig zu werden. Das klingt aggressiv und wird von Illich mit Verve und Scharfsinn vorgetragen -- warum, noch einmal, zeigen die Betroffenen gleichwohl keine Wirkung?

Zwar können die Mediziner, mangels Daten, die meisten Vorwürfe Illichs kaum schlüssig widerlegen. Doch läßt dessen Studie gleichfalls ein strapazierfähiges Unterfutter -- Zahlen, empirische Befunde -- durchaus vermissen. Die Beweislast für seine Thesen verlagert er in mehr als 250 Fußnoten, meist Literaturverweise nebst Kommentar.

Noch lieber aber verläßt sich Illich auf sein Talent, gleichsam fließend aphoristisch zu schreiben. Beliebiges Beispiel: »Der Tod ist die äußerste Form der Konsumverweigerung« -- das ist einfach zu schön gesagt, um Widerspruch aufkommen zu lassen.

Was indes Illichs Polemik, trotz aller im Detail zutreffenden Kritik, letztlich ins Leere laufen läßt, offenbart sich im englischen Originaltitel seines Buchs: »Medical Nemesis«. Als Nemesis -- in der altgriechischen Mythologie die Rache der Götter für frevelhaften menschlichen Übermut -- interpretiert Illich jenen Vorgang, der neuerdings medizinische Wohltat angeblich zur Plage werden läßt.

Für Illich ist der Rekurs auf den Mythos kein Spiel mit Metaphern: Ihn schaudert es angesichts einer Medizin. die sich ganz offensichtlich anheischig macht, Schmerz und Tod aus der Welt zu schaffen. Es verlangt ihn nach einer neuen Bescheidenheit, nach demütiger Unterwerfung unter die »conditio humana«, die seit jeher die »Erfahrung von Schmerz, Krankheit und Tod« eingeschlossen habe.

Soll das nun heißen, daß die derzeitige Medizin-Krise ein Racheakt übernatürlicher Mächte ist? Und soll künftig wieder mehr gelitten werden, weil sonst das »Mitleid ... zu einer obsoleten Tugend« und ein »krankes Bedürfnis nach Schmerz« die Menschen zu Gewalt und Terror stimulieren würde? Illich, Spezialist für »Denkanstöße«, sagt dazu eher ja als nein.

Selbst wenn Illich die banale Erkenntnis, daß auch der medizinische Fortschritt halt seine zwei Seiten hat, mit Hilfe der Nemesis-Theorie stark dämonisiert -- es bleibt die Frage, was geschehen muß, wenn die Schattenseite der Medizin tatsächlich übermächtig hervortritt.

Ginge es nach Illichs fulminanter Anklage, so könnte für den Delinquenten folgerichtig nur ein Todesurteil herausspringen. Ausdrücklich erklärt er den modernen Medizinbetrieb für nicht reformfähig. Er empfiehlt sogar eine exemplarische Exekution der »heiligen Kuh« Medizin -- als gewissermaßen symbolisches Opfer mit »Echo-Effekt«, das einen Auftakt auch zur Abkehr von anderen Formen des Fortschrittsglaubens darstellen könne.

Doch am Ende läßt Illich unversehens Milde walten: Der grimmige Richter retiriert in ein Gewölk aus nebulösen Formulierungen -- er fordert die »Deprofessionalisierung der Medizin«, alle Macht den Laien, weniger Geld für die medizinische Technik, den Abbau des ärztlichen Behandlungsmonopols« die Beseitigung der »wechselseitigen Akkreditierung selbstberufener Heiler«.

Freilich, andererseits sollen »spezialisierte Heilkundige« weitermachen dürfen, auch öffentlich subventioniert werden, nur stärker überwacht durch »informierte Klienten«, wie es scheint. durch jenen sogenannten »mündigen Patienten«, wie ihn sich mittlerweile auch eine aufgeklärte Minderheit von Ärzten wünscht.

Kein Zweifel, Illichs vage Vision einer Zukunftsmedizin droht den Ärzten schwerlich mit geschäftsschädigenden Konsequenzen. Seine Schelte nahmen sie deshalb gelassen hin. Man werde sich, versprach etwa der Heidelberger Medizin-Professor Hans Schaefer. Illichs Vorwürfe mit der gebotenen Vorsicht zu Herzen nehmen -- Medizinkritik als Fastenpredigt?

Es mache auf jeden Fall Spaß, so urteilte ein britischer Kritiker, jene spannende Erzählung zu lesen, wie »St. Illich den reichen und mächtig ätherspeienden Drachen erschlägt«. Eine lehrreiche, keine wahre Geschichte.

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