Margarete Stokowski

Meghan Markle Die eigentliche Queen

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Mit ihrem Abschied vom britischen Königshaus hat sich Meghan Markle allen Kritikerinnen zum Trotz als freie, selbstbestimmte Frau gezeigt. Ein wahrlich royaler Abgang.
Meghan Markle mit Prinz Harry

Meghan Markle mit Prinz Harry

Foto:

Toby Melville/ REUTERS

Wie viel Leid muss eine Frau in dieser Gesellschaft standardmäßig ertragen, bevor sie sich beschweren darf? Und ab welchem Grad von Reichtum und Berühmtheit darf sie sich nicht mehr beschweren – weil andere ja wohl schlimmere Sorgen haben? Was, wenn sie sich gar nicht beschwert, sondern einfach weggeht – ist das noch frecher, als wenn sie offen Kritik üben würde? Wie hart müssen die Folgen des Leids bei ihr sein (reicht Krankheit oder muss es der Tod sein?), bis man sieht, dass es doch schlimm war?

Während ich beginne, diese Kolumne zu schreiben, ist der erste Treffer, den Google mir für "Meghan Markle" anbietet, ein Artikel auf "Der Westen". Die Überschrift: "Meghan Markle: Blamage in der Öffentlichkeit! Foto zeigt sie ausgerechnet beim ..." – direkt Gänsehaut! Bei was wohl? Beim Essen von Katzenhirn? Beim Twerken in SS-Uniform? Man muss knietief in den Text scrollen, um zu erfahren: "Das Foto zeigt die Herzogin beim Schwitzen". Auf dem Foto: Meghan mit Rollkragenpullover, unter dem Arm ein winziger Fleck. Der Artikel steht auf der Webseite unter "eure Favoriten" mit bisher knapp 300.000 Klicks von Menschen, die gehofft haben, Meghan auf dem Klo zu sehen.

Der Rückzug aus dieser Art von Leben wird sich eine Weile ziehen, und es ist unklar, ob Meghan, Harry und ihr Sohn irgendwann frei von Boulevardmüll leben werden. Aufschlussreicher als darüber nachzudenken, ist es, im Moment zu sehen, wie die Öffentlichkeit auf die Entscheidung des Paars reagiert, sich aus dem Königshaus zurückzuziehen. Was für viele festzustehen scheint, ist, dass alles Meghans Schuld ist : Der Abschied wird "Megxit" genannt, da steckt beachtlich wenig "Harry" drin.  

DER SPIEGEL

Obwohl das Paar den Rückzug gemeinsam verkündet hat, scheint für viele klar, dass hier eine Frau ihren Mann manipuliert hat. Und zwar nicht nur für die Boulevardpresse. "Die Zeit" schreibt : "Früher endeten die Märchen so, dass die Frauen den Prinzen heiraten durften, im modernen Märchen entführen sie ihn aus dem Palast, um fortan in Kanada zu leben." Eine Entführung also. Und noch schlimmer: "Herzogin Meghan rebelliert gegen das Königshaus und tut der modernen Frau doch keinen Gefallen" heißt es bei der "Zeit". Statt abzuhauen hätte Meghan in ihrer royalen Rolle bleiben sollen, um mit "kleinen Verschiebungen" "viel zu bewirken", so wie einst Lady Di einem Aids-Kranken die Hand schüttelte: "Lady Di hat die Aids-Kranken von ihrem Stigma befreit, mit nur einem einzigen Foto" – klar, Aids zu haben, ist seitdem etwas, was man so ganz lässig nebenbei erwähnen kann.

Als Beleg dafür, dass Meghan sich nun feige für den "Rückzug ins Celebrity-Leben" entschieden habe (statt sich wie angekündigt Charity-Projekten zu widmen), sieht Elisabeth Raether das Gerücht, dass Meghan einen Vertrag mit Disney unterzeichnet haben soll, für eine Synchronsprecherinnenrolle. Dass Meghan ihr Honorar an eine Tierschutzorganisation spenden lässt, erwähnt "Die Zeit" nicht. Eine ehemalige Schauspielerin, die nun wieder mit Filmen anfängt, um Geld zusammenzukriegen, so verrückt ist das eigentlich alles nicht.

Dass Meghan "der modernen Frau keinen Gefallen" tut, indem sie sich – immer noch mit ihrem Mann zusammen – für ein freieres Leben entscheidet: Was ist das für eine Idee? Hätte sie der Emanzipation zuliebe lieber einen Weg wählen sollen, der ihren eigenen Bedürfnissen nicht entspricht? Um darin – wenn sie das denn geschafft hätte – vielleicht mal minimal durchscheinen zu lassen, was ihre eigentlichen Werte sind und hauptberuflich eine von Paparazzi verfolgte Grüßauguste zu sein? Burnout für den Feminismus, ist das das moderne Märtyrerinnentum, das wir wollen?

Was wären ihre Möglichkeiten innerhalb des Königshauses gewesen? Sie wäre eine Art Model gewesen in diesem Laden, dessen ganzer Deal mit der Öffentlichkeit darin besteht, von Steuergeldern einen Lifestyle zu pflegen, der im Grunde nur ein hochwertiges Dschungelcamp ist: Das Volk zahlt und bekommt dafür die Seelen und die Privatsphäre der Royals, es darf zugucken, wie sie leben, es wird angelächelt und kauft die Kleider nach, die die weiblichen Beteiligten und die Kinder tragen. Dafür halten diese die meiste Zeit das Maul, beziehungsweise öffnen es hauptsächlich zu Charityzwecken – was ziemlich zynisch ist, weil Königshäuser ein Symbol für soziale Ungerechtigkeit sind und man ohne diese Ungerechtigkeit kaum Charity bräuchte.

Wäre Meghan ein besseres Vorbild gewesen, wenn sie geblieben wäre? Ja, in einer Welt, in der man davon ausgeht, dass es die natürliche Rolle von Frauen ist, sich zu fügen und das Beste draus zu machen. Ist es aber nicht. Frauen müssen sich nicht fügen, und sie müssen nicht die ganze Welt um sich herum erziehen, retten, reparieren. Es ist nicht die automatische Aufgabe jeder Frau, jeden Raum, den sie je betreten hat, in einen feministischen Happy Place zu verwandeln. Es ist nicht die Aufgabe jeder von Rassismus betroffenen Person, 24 Stunden täglich jeden Rassismus in ihrem Umfeld zu bekämpfen, bis sie selbst an Übermüdung stirbt.

Man ist kein besonders gutes Vorbild, wenn man immer den härtestmöglichen Weg geht, obwohl dieser Weg den eigenen Wünschen und Bedürfnissen widerspricht. Man ist dann ehrlich gesagt überhaupt kein Vorbild. Jede Frau, die sich heute entscheidet, einen Ort zu verlassen, der ihr nicht guttut und an dem sie auch nichts Nennenswertes bewirken kann, ist die eigentliche Queen.

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