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FERNSEHEN Mehr Mensch

Ein Münchner »Anti-Fernseh-Club« boykottiert ARD und ZDF und träumt vom Privatfernsehen.
aus DER SPIEGEL 44/1979

Gequälte Gebührenzahler, die in deutschen TV-Programmen schwere Verstöße gegen die Menschenrechte aufspüren, haben sich immer wieder gegen das Medium zusammengerottet.

Sie gründeten eine »Notgemeinschaft der Fernsehteilnehmer«, eine »Aktion Funk und Fernsehen« oder die »Funk- und Fernsehmitgestaltung«. Die hatten den »Rotfunk« im Visier, die »Heimtücke«, mit der ARD und ZDF »nationale Werte diffamieren« und »normal gesittete Familien« zur Verzweiflung brachten.

Aber das waren schlicht Maulhelden; die klebten am Schirm, gingen weiter durch die Hölle von »Panorama« oder »Kennzeichen D« und druckten eher lustige Boykottaufrufe. Jetzt hingegen formieren sich aktive Widerständler: Sie schalten ab, ein für allemal, werfen ihre teure Unterhaltungselektronik auf den Gebrauchtwarenmarkt und verweigern sich.

Es sind, vorerst, nur 187 Kaufleute, Juristen, Arbeiter und Handwerker; noch brodelt die Revolte lokal, in München. Dort hat sich ein »Anti-Fernseh-Club« etabliert, der »die Schädlichkeit des Fernsehprogramms« anprangert und alternative Lebenslust pflegt, nämlich »vergnügliche Freizeitgestaltung schlechthin«. Beitrittsbedingung: Ersatzlose Entfernung des TV-Geräts aus der Wohnstube.

Paul Holler, 50, ein freundlicher Malermeister und Betreiber einer Karateschule, führt die Meute an. Den Club hatte er letztes Jahr mit fünf Gleichgesinnten eröffnet, in der grundlegenden Einsicht: »Man wird mit lauter Scheiße berieselt.«

Nun sind derlei bittere Gedanken auch normal gesitteten Fernsehern, die ARD- und ZDF-Programme als Gleichgewicht des Schreckens fürchten, gewiß nicht fremd. Was treibt die Münchner in die Résistance?

»Entspannung« fehlt, klagt Haller, fortwährend »werden Probleme durchgekaut«; zur besten Sendezeit schwätzen Politiker, denn »die brauchen ja das blöde Volk«. Erst nachts, nach 23 Uhr, sei »Sehenswertes« im Programm, aber dann »sind nur Ganoven und Zuhälter noch richtig wach«.

»Vergewaltigt« fühlt sich die Stadt-Guerilla vom »aufgeblasenen Apparat«, von der »öffentlich-rechtlichen Pfründewirtschaft«, in der »abgehalfterte Politiker« kommandieren. Erzübel des Fernsehens, sagt Haller, sei die ungenierte Intervention der Parteien; bei manchen TV-Beiträgen solle »man doch gleich sagen: Dies ist eine Sendung der CDU oder der SPD«.

Aber obgleich die Münchner den Bildschirm zuletzt nur noch als Schlafmittel schätzten, mußten sie den TV-Verzicht teuer bezahlen. Wochenlang litten sie an »furchtbaren Entzugserscheinungen«. 15 gutwillige Abstinenzler waren der Droge im Wohnzimmer schon so verfallen, daß sie dem Vorsitzenden Hoher gestanden: »Du, Paul, ich schaff? das nicht«; zu Hause rebellierten die Kinder, die über den Verlust der »Biene Maja« nicht hinwegzutrösten waren.

Und auch die Standhaften, die schon lange trocken und »heute echt mehr Mensch sind«, sind mit dem Teufel Television längst nicht fertig. Auf wöchentlichen Clubabenden ist die TV-Misere weiter »Hauptthema«. Ein Mitglied, das befugt ist, ein Gerät zu halten, erstellt »Analysen«; im übrigen amüsiert sich die Truppe mit Schach, Wandern und Kartenspiel.

Dem Medium hat die Münchner Gebührenentzugszentrale auch keineswegs auf ewig entsagt. Fürs Privatfernsehen wollen sich alle wieder einschalten; dankbar verfolgt der Club die Initiativen des »Herrn Albrecht in Niedersachsen«.

Bei den Wickert-Instituten will Hohler eine große TV-Umfrage bestellen, die Aufschluß über das bundesdeutsche Protestpotential geben soll. In diversen Städten arbeiten Sympathisanten-Zirkel, und schon prophezeien Beitrittswillige der Holler-Gemeinde, »bald werden Sie einige 100 000 Mitglieder haben«. Der Meister bleibt bescheiden: »Wenn wir Tausend sind, wachen diese Leute auf.«

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