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KINO Mein Freund Harvey

Im Sommer 1977 lähmt eine Hitzewelle New York - und die Furcht vor einem Serienkiller. Jetzt erinnert Regisseur Spike Lee an diesen »Summer of Sam«.
aus DER SPIEGEL 45/2000

Er ist vermutlich der einzige Serienmörder, der nicht nur seine .44er-Magnum beherrschte, sondern auch die Zeichensetzung. David Berkowitz schoss seinen Opfern meist direkt ins Gesicht, doch wenn er in Briefen an den New Yorker »Daily News«-Kolumnisten Jimmy Breslin seine Untaten feierte - unter dem Pseudonym »Son of Sam«-, zeigte er immerhin für Sprache ein Gefühl. »Er wusste, wo ein Semikolon hingehört«, lobte Breslin; das war allerdings das einzig Erfreuliche, was sich über Berkowitz sagen ließ.

Denn bis ihn die Polizei im August 1977 endlich schnappte, hatte Berkowitz, ein übergewichtiger Postangestellter, nicht nur sechs Menschen getötet und sieben schwer verletzt. Vor allem lähmte die Angst vor seiner willkürlichen Wut ganze Stadtteile, mehr noch als die Rekord-Hitze in jenem Sommer. Weil der »Son of Sam« es auf junge Frauen mit langen dunklen Haaren und auf Paare, die nachts in geparkten Autos knutschten, abgesehen hatte, wagten viele New Yorker ihrer Libido nur noch in der eigenen Wohnung nachzugeben; einige Frauen trauten sich sogar bloß mit blond gefärbten Haaren auf die Straße. Diese Demütigung hat so mancher dem Mörder bis heute nicht verziehen.

Letztes Jahr wurde Berkowitz, inzwischen 46, wieder wütend, und wieder schaffte er es damit auf die Titelseiten. Denn bis ins Hochsicherheitsgefängnis in den Catskill Mountains, wo Berkowitz eine 300-jährige Haftstrafe abzusitzen versucht, hatte sich herumgesprochen, dass der Regisseur Spike Lee einen Kinofilm über den Fall gedreht hatte: »Summer of Sam«, der diese Woche auch in Deutschland startet, reiße aus purer Geldgier alte Wunden wieder auf, wetterte Berkowitz. Im Knast zum gläubigen »Son of Christ« konvertiert, orakelte er, Gott wolle nicht, »dass ich auf jemanden böse werde«. Deshalb werde er beten: »Für Spike Lee und seine Familie«.

Das Gebet wurde offenbar erhört. Mr. Lee und Familie sind, soweit bekannt, wohlauf, und »Summer of Sam« wurde von den meisten US-Kritikern verrissen, floppte zudem an der Kasse. Dabei ist Berkowitz' blutiger Irrwitz - er glaubte damals, die Todesbefehle kämen vom Nachbars-Hund, einem Labrador namens Harvey - nur eine Episode im großen Siebziger-Jahre-Panorama, das Spike Lee entworfen hat.

Lee, 43, seit seiner Großstadt-Moritat »Do the Right Thing« (1989) der wohl wichtigste schwarze Regisseur der Welt, betritt damit neues Territorium, im wörtlichen Sinn: »Summer of Sam« ist der erste Film Lees, der fast ausschließlich in einem weißen Viertel spielt, nämlich der Italo-Gemeinde der New Yorker Bronx. »Dead End«, Sackgasse, heißt es hier überall, auf den Straßenschildern wie im Leben.

Dennoch versucht der junge Vinny - wir sind im Land der unbegrenzten Möglichkeiten: ein heterosexueller Friseur -, Beruf und Freizeit auf das Angenehmste zu verbinden, indem er nach Feierabend mit seiner Chefin schläft. Ansonsten hängt dieser Vinny (John Leguizamo) am Ende einer Sackgasse mit seiner Clique herum, wirft Tabletten ein und Mädchen gierige Blicke nach, und wenn der Nachwuchs-Macho mit seiner Frau Dionna (Mira Sorvino) durch die Discos zieht, lässt er sie manchmal einfach auf der Tanzfläche stehen und schiebt mit ihrer Cousine eine schnelle Nummer im Auto. Aids ist anno '77 noch unbekannt, zwei Gefahren bleiben: dass seine Frau ihn erwischt - oder der »Son of Sam«.

Doch die Bedrohung durch den Killer schweißt das Viertel nicht zusammen, im Gegenteil: Die Nerven liegen blank, die emotionalen Fliehkräfte beginnen zu wirken.

Auch Vinnies Freund Ritchie (Adrien Brody) bekommt diesen Wahn zu spüren. Weil Ritchie beschließt, das Discomode-Diktat seiner Kumpel zu ignorieren, sich stattdessen mit Stachelfrisur und Nietenhalsband schmückt und in einer Punkband spielt, gilt er als verdächtig: Wer so herumläuft, glauben sie, der könne auch ein Mörder sein. Als sie auch noch herausbekommen, dass Ritchie sein Geld mit Auftritten in einem Schwulen-Club verdient, persönliche Betreuung einiger Gäste auf der Toilette inklusive, geraten die Männer in Lynch-Stimmung.

Es ist überhaupt die Atmosphäre jenes Sommers, die überdrehte Mischung aus Paranoia und Amüsierwillen um jeden Preis, die Lee ebenso meisterhaft wie eitel nachzeichnet. Am Fortgang der Geschichte verliert er im Laufe des Films sichtlich die Lust, und die Hauptfiguren interessieren ihn offenbar so sehr wie kaputte Klimaanlagen (Ausnahme: Mira Sorvino, die Hure mit Herz aus Woody Allens »Mighty Aphrodite"); stattdessen konzentriert Lee sein ganzes Können auf den grellen Glanz von '77. Damals hatte er in New York erste Regieerfahrungen gesammelt; in »Summer of Sam« kehrt er in der Rolle eines Fernsehreporters an die alten Brennpunkte zurück.

Wie die aufblitzenden Lichter einer Discokugel erhellt »Summer of Sam« Facetten der kollektiven Erinnerung New Yorks an ein wildes Jahr: Alle schwitzen, der Mob plündert, Elvis Presley stirbt, Punk wird populär, das »Saturday Night Fever« grassiert, die Schickeria tanzt im Studio 54 und tauscht die Partner im berüchtigten Swinger-Club »Plato's Retreat«.

Und immer, wenn die heiteren Hits von Abba den Zuschauer in trügerische Sicherheit lullen, tappt der »Son of Sam« durch die Straßen - Harveys Auftrag im Kopf, den Revolver in der Hand. MARTIN WOLF

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