Zur Ausgabe
Artikel 61 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Mein Geheimnis hat 500 Seiten«

SPIEGEL-Gespräch mit Bestsellerautor Umberto Eco über Erfolg, Okkultismus und seinen neuen Roman *
aus DER SPIEGEL 40/1988

SPIEGEL: Herr Professor Eco, acht Jahre nach Ihrem Welt-Seller »Der Name der Rose« erscheint nun, vorerst auf italienisch, Ihr zweiter Roman, »Das Pendel des Foucault": geschwellte Brust oder Fracksausen?

ECO: Ich glaube, jeder hat Angst, mehrere Jahre einem Werk zu widmen und am Ende sehen zu müssen, daß dieses Werk ein Flop sein könnte.

SPIEGEL: Sie sind Professor der Semiotik, der Wissenschaft der Zeichen - wie stehen die Auspizien?

ECO: Wenn die Kritik eine positive Meinung über mein Buch haben sollte und dabei sagen würde, das Buch sei schwierig, und das Buch beim Publikum keinen Erfolg hat, wäre ich zufrieden. Wenn es dagegen von der Kritik negativ beurteilt wird und trotzdem beim Publikum ankommt, würde ich es als einen Mißerfolg betrachten.

SPIEGEL: War der Millionen-Erfolg der »Rose« eine Belastung?

ECO: Er war fast eine Form von Erpressung. Während ich die »Rose« schrieb, hatte ich keine Probleme, ich konnte schreiben, wie ich wollte, niemand kontrollierte mich. Wenn man aber, zum Beispiel, einen Weitsprung-Rekord gemacht hat, dann will man es immer noch besser machen. Vermutlich spürte diesen Ehrgeiz auch Kant, nachdem er die »Kritik der reinen Vernunft« geschrieben hatte und zur »Kritik der praktischen Vernunft« ausholte.

Ich habe mit dem »Pendel« sofort nach der »Rose« angefangen, und diesmal war alles ganz anders. »Das Pendel des Foucault« ist ein erlittenes Buch. Ich bin nur ganz langsam vorangekommen.

SPIEGEL: Woran litten Sie?

ECO: Manche Kapitel habe ich bis zu zehnmal neu geschrieben. Allein das Material, das ich weggeworfen habe, füllt vier große Kisten. Ich war mir nicht sicher, wie ich das Buch beenden sollte. Ich wußte zwar, was ich in den Schluß packen wollte. Aber ich wußte eine Zeitlang nicht, wie ich durch die lange, enge Magellan-Straße der Handlungsverstrickungen zum Ende finden konnte. Ich habe oft geändert, und ich habe nie jemandem etwas gezeigt.

SPIEGEL: Sie und Ihr Verlag, Bompiani, wollten »Das Pendel des Foucault« bis zum Schluß als top secret wahren - aber das Pendel schlug schon vorher aus: Zeitungen tratschten und spekulierten. Wie kam das?

ECO: In dem Augenblick, in dem ein Buch dem Verleger übergeben wird, läuft das Manuskript durch die Hände von einigen Dutzend Leuten. Außerdem habe ich es, eine psychologische Notwendigkeit, fünf, sechs Freunden zum Lesen gegeben. Der Verleger bat deshalb - wie üblich in solchen Fällen - die Zeitungen, das Buch so lange nicht zu rezensieren, bis es in den Buchhandlungen auslag. Wir wissen nicht, wer zu wem darüber gesprochen hat.

SPIEGEL: Ist es Naivität oder Vermessenheit, wenn Umberto Eco und sein Verleger glauben, daß die Presse bis zur Premiere stillhält?

ECO: Es kann sein, daß wir naiv waren. Als Forscher der Massenmedien bin ich sehr verärgert darüber, daß mir diese Naivität unterlaufen ist.

SPIEGEL: Und es war gewiß keine Strategie dabei, um das Interesse anzuheizen?

ECO: »Das Pendel des Foucault« ist kein Buch, das es notwendig hätte, einen Skandal zu verursachen, _(Mit Redakteuren Birgit Kraatz und Fritz ) _(Rumler in Ecos Mailänder Wohnung. )

um gelesen zu werden. Trotzdem glauben nun viele, der Verlag und ich könnten dem Chefredakteur des »Corriere« sagen, am Montag bringst du die Nachricht, und zum Chefredakteur der »Repubblica«, du spielst den Dummen und bringst die Nachricht am Dienstag, und Sie vom SPIEGEL stellen sich noch dümmer und veröffentlichen sie erst zwei Wochen darauf. Wenn das so stimmte, wäre ich der mächtigste Mann Italiens und könnte euch alle miteinander kündigen.

SPIEGEL: Hassen Sie Journalisten?

ECO: Nicht alle und nicht zu jeder Zeit.

SPIEGEL: Die Frankfurter Buchmesse dieses Jahres steht unter dem Motto »Schwerpunkt Italien«, Ihr Buch wird vermutlich der Angelpunkt sein ...

ECO: Man braucht in Frankfurt nicht über mein Buch zu sprechen, denn wenn die Messe beginnt, ist das Buch in Italien bereits erschienen.

SPIEGEL: Aber erst seit zwei Tagen.

ECO: Die ausländischen Mitverleger haben es schon, somit ist Frankfurt weder ein Verkaufsmoment noch eine Präsentation. Ich komme nach Frankfurt, um über die Bücher anderer Italiener zu sprechen, nicht über mein Buch. Es war mein Wunsch, das »Pendel« vor Frankfurt zu veröffentlichen, denn wir waren in Sorge, in Frankfurt könnte das gleiche geschehen wie hier in Italien im August.

SPIEGEL: Also auch Spekulationen, Indiskretionen, Mißverständnisse ...

ECO: Meine Sorge war, daß man vorher zuviel darüber sprechen könnte. Warum? Die Leute lesen in der Zeitung über das Buch, gehen zum Buchhändler und erfahren, daß es noch nicht erschienen ist. Das ärgert beide. Ich hatte auch Sorge, der Klatsch könnte das Buch in ein kommerzielles Produkt verwandeln, und die Kritiker sagen bei seinem Erscheinen: Genug, man hat schon zuviel darüber gesprochen.

SPIEGEL: Anlaß zu Ihrem Erstling »Der Name der Rose« war, so schrieben Sie, Ihr dringendes Bedürfnis, »einen Mönch zu vergiften«. Welche Obsession plagte Sie beim »Pendel des Foucault«?

ECO: Es waren zwei Bilder. Eben jenes Pendel, mit dem Leon Foucault im Jahre 1851 im Pariser Pantheon die Rotation der Erde nachwies; dieses Pendel hängt jetzt im Pariser »Conservatoire des Arts et Metiers": ein obsessives Bild, dem ich im Roman alle symbolischen Bedeutungen gebe. Und das Bild eines Knaben, der auf einem Friedhof die Trompete bläst - das habe ich selbst erlebt, als ich 13 Jahre alt war.

SPIEGEL: Es wird Ihnen sicher nicht unlieb sein, wenn man Sie als einen der letzten Enzyklopädisten bezeichnet?

ECO: Wenn Sie damit die Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts meinen, Diderot, Voltaire, dann freut es mich. Diderot schrieb Enzyklopädien, erotische Romane, Essays über Ästhetik.

SPIEGEL: Ist es somit erlaubt, im Roman »Der Name der Rose«, mit seiner gelehrten Fülle an historischen, geistigen, geistlichen Strömungen, eine Enzyklopädie des Mittelalters im 14. Jahrhundert zu sehen?

ECO: In einer bestimmten Weise schon.

SPIEGEL: Und ist es richtig, im »Pendel des Foucault«, mit seiner fundierten Kenntnis von Geheimgesellschaften, Magie, Kabbala, Alchimie, sinistren Verschwörungen, eine Enzyklopädie des immerwährenden Okkultismus zu sehen?

ECO: Eigentlich schon. Oder, anders gesagt: »Der Name der Rose« war eine Enzyklopädie des besseren Mittelalters, »Das Pendel des Foucault« ist eine Enzyklopädie des schlimmsten 20. Jahrhunderts.

SPIEGEL: Der Okkultist decodiert, wie der rationalistische Semiotiker, auch Zeichen, Signale, Spuren. _(Mit Sean Connery (l.) als William von ) _(Baskerville. )

ECO: Ja, aber er schaut immer in die falsche Richtung. Meiner Meinung nach ist es eine kranke Lektüre der Zeichen. Lassen Sie mich ein Beispiel geben: Im »Namen der Rose« erblickt William von Baskerville ...

SPIEGEL: ... der Detektiv und Semiotiker im Mönchsgewand ...

ECO: ... Spuren im Schnee und schließt daraus auf eine bestimmte Art von Pferd. Der Okkultist gibt den Spuren sofort eine falsche Deutung und macht damit endlos weiter, eine Art Neubildung von Zellen in falscher Richtung, ein geistiger Krebs, ein Krebs der unkontrollierten Interpretation.

SPIEGEL: Was reizt einen Rationalisten wie Sie am Okkultismus?

ECO: Ich habe eine schöne Sammlung antiker Bücher über Dämonologie, kabbala und Geheimwissenschaft; das Problem hat mich immer fasziniert, aber man kann von Afrika fasziniert sein, ohne deshalb Afrikaner zu sein. Der Ausdruck Okkultismus hat, vor allem durch seine extreme Abart im 19. Jahrhundert, einen negativen Wert, aber man muß auch wissen, daß sich die großen Philosophen der Renaissance oder männer wie Newton mit Magie beschäftigt haben: Ein großer Teil des modernen Denkens steht mit einem Fuß hier, mit dem andern dort; ein Mythos der Magie war auch der Traum der Herrschaft über die Natur.

SPIEGEL: Magie funktioniert nicht ohne Geheimnis ...

ECO: ... und Geheimnis nicht ohne Verschwörung. Die Verbindung von geistigem Krebs, Geheimnis und Verschwörung - das ist die Botschaft meines Buches, davon handelt es. Denn wenn man vorgibt, ein Geheimnis zu haben, dann besitzt man die Macht; wenn aber dieses Geheimnis zufällig enthüllt wird, verliert man jede Macht. Damit ein Geheimnis Macht verleiht und nicht enthüllt werden kann, muß es ein leeres Geheimnis sein. All dies trifft auch auf viele Aspekte des politischen Lebens zu.

SPIEGEL: Die Botschaft ist klar, aber die Story Ihres Buches, vielfältig verschachtelt und zeitlich gestaffelt, läßt sich schwer nacherzählen. Können Sie uns helfen?

ECO: Nein, man kann den Inhalt nicht wiedergeben. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Sie begegnen Monsieur Flaubert und fragen ihn, was ist der Inhalt deines neuen Romans »Madame Bovary«, und Flaubert wird antworten: Es ist die Geschichte einer Frau, die auf dem Lande lebt, mit einem Arzt verheiratet ist, sich langweilt, Ehebruch begeht und sich umbringt.

Und dann begegnen Sie Monsieur Flaubert wieder und fragen ihn, was ist der Inhalt deines neuen Buches »Bouvard und Pecuchet«? Den kann er nicht erzählen, er wird vielleicht sagen: Es sind da zwei Pensionäre, die aufs Land ziehen und alle Viechereien dieser Welt anstellen. Es gibt also Bücher, deren Inhalt erzählt werden kann, und andere, wo das nicht möglich ist; das will nicht heißen, daß die einen schöner sind als die anderen.

SPIEGEL: Vielleicht doch ein Versuch, Monsieur Eco?

ECO: Also: In meinem Buch gibt es drei Verlags-Redakteure, die sich leidenschaftlich mit Okkultismus und geheimen Sekten befassen. Aus einem intellektuellen Spiel heraus erfinden sie eine neue hermetische Gesellschaft und stellen dabei fest, daß man keine Verschwörung erfinden darf, weil die Menschen sie ernst nehmen. Das ist die Geschichte.

SPIEGEL: Die Krankengeschichte eines geistigen Krebses.

ECO: Ja, eine der Gestalten stirbt auch an Krebs und beobachtet, daß seine Zellen genau das machen, was er mit den Konzepten gemacht hat: zu viele Anagramme.

SPIEGEL: Sie schreiben das Ganze in Thrillerform. Warum?

ECO: Die Geschichte folgt den unendlichen, untergründigen Kulturströmungen unserer Zeit. Der Thriller-Aspekt vermittelt unsere Lebensangst, die Unruhe unserer Zeit. In dem Buch ist sie nicht nur Gerüst der Handlung, sondern die Konsequenz der historischen Psychose dieser »verschwörerischen Interpretation« der Natur, der Gesellschaft, der Welt des Ungewissen.

SPIEGEL: Fürchten Sie eigentlich nicht, daß Sie dem Leser zuviel zumuten?

ECO: Ich wollte mich mit einem Stoff befassen, der für einen neuen Bestseller nicht in Betracht kam, ja nicht einmal eine Versuchung in diesem Sinne sein konnte. Außerdem bin ich überzeugt, daß das Publikum auch schwierige Dinge lesen muß und daß man ihm nicht nur leichte Kost vorsetzen darf.

SPIEGEL: Jedem der 120 Kapitel Ihres Buches ist, ganz im Stil der Gelehrtenrepublik, ein Zitat aus der Okkultismus-Literatur vorangestellt - Pomp oder Zweck?

ECO: Die Zitate haben einen Wahrheitseffekt. Alles, was die Personen meiner Bücher sagen, ist nicht erfunden worden, so unglaublich es oft auch klingt; die Zitate sollen beweisen, daß es tatsächlich jemand gesagt hat. Obwohl im Buch alles Erfindung ist, entsprechen die Bestandteile der Wahrheit.

SPIEGEL: Eine gigantische Stoff- und Wissens-Arbeit. Wie schafften Sie das?

ECO: Indem ich wenig Interviews gab.

SPIEGEL: Sie sind ein wandelnder Multi, Sie lehren in Bologna und in aller Welt, sind Star von Semiotik-Kongressen, Sie schreiben Romane und wissenschaftliche Werke, Essays über Gott und die Welt. Anthropologen sprechen von monochronen und polychronen Gehirnen: Der Deutsche etwa mache eine Sache nach der anderen, der mediterrane Mensch dagegen mehrere Sachen nebeneinander.

ECO: Das ist eine Verallgemeinerung, nach der Goethe kein Deutscher sein könnte.

SPIEGEL: Und wie hält sich der polychrone Professor bei Arbeitslaune?

ECO: Ah, dafür habe ich eine unfehlbare Methode: immer dasjenige zu machen, wozu ich im Augenblick nicht gezwungen bin, und das mache ich mit Vergnügen.

SPIEGEL: Nun sind Sie auch noch als Gründervater einer Universität und Förderer eines neuen Vagantentums unter Studenten hervorgetreten.

ECO: Ich gehöre zu den vier Konsulenten, die zur Gründung einer Universität der Republik San Marino herangezogen wurden; und anläßlich des 900jährigen Bestehens der Universität Bologna, meiner Alma mater, haben wir das Projekt »Erasmus« beraten. Dieses Projekt ist noch in seiner Anfangsphase, aber wenn es voll funktioniert, würde es bewirken, daß jeder Student der Europäischen Gemeinschaft ein Jahr im Ausland verbringt. Bei dieser Wanderung von Tausenden von Studenten würde es zu Zehntausenden von Mischehen kommen, innerhalb von 30 Jahren wäre die

europäische Elite europäisch im echten Sinn des Wortes.

SPIEGEL: Ihre Frau ist Deutsche, wie sehen Sie die deutsche Kulturszene?

ECO: Ich sehe eine große Umwälzung der Welt: Die Franzosen reden, als wären sie Deutsche, die Deutschen reden, als wären sie Angelsachsen, und die Angelsachsen reden, als wären sie Franzosen. Zum Beispiel: Das deutsche philosophische, komplexe Gespräch, mit all seinen Abstraktionen, wird immer mehr zum französischen philosophischen Gespräch, während der Deutsche in vielen Bereichen und Disziplinen versucht, eine typisch angelsächsische, technisch-wissenschaftliche Redeart anzunehmen.

SPIEGEL: Wenn ein Deutscher ein italienisches Autokennzeichen sieht, denkt er gewöhnlich an Sonne, Strand und Spaghetti. Was decodiert der Semiotiker Eco beim Kennzeichen »D«?

ECO: Spaghetti aus Weichweizen, die die Deutschen jetzt versuchen zu verkaufen anstelle der Spaghetti aus Hartweizen. Also das Bild von 80 Millionen Unglücklichen, die zu weich gekochte Spaghetti essen.

SPIEGEL: Mit dem Roman »Der Name der Rose« war der Semiotik-Professor Eco zu einer Weltberühmtheit geworden - jetzt erscheint die »Rose« auch in Rußland, und die Japaner haben die Übersetzung des Buches ebenfalls geschafft. Wie sind Sie mit dem Eco-Effekt fertig geworden?

ECO: Ich hatte negative Folgen in der akademischen Welt befürchtet. Statt dessen habe ich Ehrendoktor-Würden von sechs Universitäten der Welt erhalten; man kann ruhig sagen, daß die akademische Welt meinen Roman ernst genommen hat. In meiner Universität hingegen, in Bologna, spielte sich eines der schönsten Phänomene ab, die ich je erlebt habe: Kein Student hat je das Buch erwähnt, ich habe auch nie darüber gesprochen, und es ist, als ob nichts gewesen wäre.

SPIEGEL: Stimmt es, wie eine Untersuchung herausgefunden haben will, daß nur 37 Prozent der Käufer Ihrer »Rose« das Buch zu Ende lasen?

ECO: Ich hoffe es, weil andere sagen, daß dieses Buch von allen zu Ende gelesen wird - weil es ein Bestseller ist und leicht zu konsumieren. Wenn ich das Vergnügen hätte zu wissen, daß es nur von wenigen gelesen wird, wäre ich damit zufrieden, wie ein alter deutscher Professor der guten Tradition. Es ist dies eine Befriedigung, wie sie nur Proust und wenige andere kannten.

SPIEGEL: Heißt das, daß Sie eigentlich ANgst vor dem Erfolg haben?

ECO: Man hat uns in unserer Kindheit schon beigebracht, daß eine Sache, die zu vielen Leuten gefällt, häßlich ist. Wenn eine Sache schön sein soll, muß sie unbedingt auch sehr kostspielig sein, wie Champagner und Kaviar, damit sie nur wenigen Leuten schmeckt. Delikatessen eben, Aphrodisiaka. Salami ist bestimmt kein Aphrodisiakum.

SPIEGEL: Noch weniger Mortadella.

ECO: Nie die Mortadella. Schon zu Zeiten Heraklits gab es diese Angst: Was die Masse liebt, ist bestimmt schlecht.

SPIEGEL: Meinen Sie das im Ernst?

ECO: Nein, aber man muß mit den Schöngeistern, von denen Hegel spricht, gute Beziehungen pflegen.

SPIEGEL: Der »Rosen«-Roman beschrieb eine Welt fast frei von Frauen. Nun wird Ihnen schon der Vorwurf gemacht, auch »Das Pendel des Foucault« sei ein rein männliches intellektuelles Abenteuer; Eco als Macho. Fühlen Sie sich getroffen?

ECO: Absolut nicht. Wenn es im »Namen der Rose« nur ein einziges Mädchen gab: Es ist ein Roman, der sich in einer mittelalterlichen Abtei abspielt, und da gab es halt, es tut mir leid, keine Frauen. Und außerdem: Die offizielle haltung des Mittelalters gegenüber der Frau war eine argwöhnische - und so habe ich diese Welt dargestellt und die Frau mundtot gemacht, weil sie einfach kein Recht hatte zu sprechen.

Ich habe im vergangenen Monat den Berg Athos besucht, zu dem Frauen nicht zugelassen sind. Wenn ich einen Roman über diesen Berg schreiben wollte, könnte ich keine Frauen erwähnen. Wenn sich eine Geschichte in einer männlichen Strafanstalt abspielt, dann geht es einfach um eine männliche Strafanstalt.

SPIEGEL: In Ihrem »Pendel des Foucault« treten immerhin schon drei Frauen auf ...

ECO: ... und die eine von ihnen ist die einzige positive Figur des Romans, die mit natürlicher Weisheit spricht. Aber vielleicht spricht sie zuviel, während die Leser an Romane gewöhnt sind, in denen Frauen nur Liebe machen.

SPIEGEL: Herr Professor Eco - was hält den Motor Eco am Laufen?

ECO: Das Rezept wurde schon von Aristoteles in seinem ersten Band der »Metaphysik« gegeben: Die Menschen fangen an zu philosophieren - aus Erstaunen.

SPIEGEL: Sie meinen Neugier?

ECO: Erstaunen ist mehr als Neugier. Neugier heißt: Was ist das? Erstaunen heißt: Warum ist das so? Der italienische, in New York lebende Physiker Mario Salvadori hat ein sehr schönes Buch geschrieben mit dem Titel »Why buildings stand up": Warum sind die Pyramiden nicht zusammengefallen, warum steht der Eiffelturm, warum ist der Petersdom nicht zusammengekracht?

Er ist erstaunt von einer Sache, die niemanden verwundert. Das meinte Aristoteles mit Erstaunen, und das gibt den Schwung zu jeder wissenschaftlichen Tätigkeit.

SPIEGEL: Das Geheimnis des neuen Eco-Romans wird sich für deutsche Leser wohl erst im nächsten Jahr enträtseln - wenn »Das Pendel des Foucault« in Übersetzung vorliegt. Wird dann womöglich, wie am Ende Ihres Romans, das enthüllte Geheimnis seine Macht verlieren?

ECO: Mein Geheimnis ist kein leeres Geheimnis, es ist ein Geheimnis von 500 Seiten.

SPIEGEL: Herr Professor Eco, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. _(Christian Slater, Valentina Vargas. )

Mit Redakteuren Birgit Kraatz und Fritz Rumler in Ecos MailänderWohnung.Mit Sean Connery (l.) als William von Baskerville.Christian Slater, Valentina Vargas.

B. Kraatz, F. Rumler
Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 61 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.