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Mein Name sei Wedekind

Anatol Regnier schildert souverän seine neurotische, verzweigte Sippe
aus DER SPIEGEL 41/2003

Oft ist es eine Last mit den Nachkommen: Sie tüfteln an Familienmythen herum, sie fälschen, sie schönen oder verschärfen, machen mit den Vorfahren, was sie wollen, und setzen ihnen wahlweise Heiligenschein oder Teufelshörner auf. Und wenn Anatol Regnier - Enkel des Dramatikers Frank Wedekind und Sohn seiner berühmten Tochter Pamela - eine »Familienbiografie« vorlegt, stellt sich erst mal Argwohn ein: Hat der Mann auch genug Abstand?

Er hat. Natürlich ist Regnier nah dran, weiß sehr, sehr Intimes, aber er blickt meist gelassen, oft humorvoll und, wenn es sein muss, auch mal fassungslos auf die Geschicke seiner Verwandten. Drei Lebensläufe sucht er sich heraus: die seiner Großmutter Tilly Wedekind und ihrer beiden Töchter Pamela und Kadidja. Auch wenn sich die Damen emotional und geografisch oft voneinander entfernen - da purzelt nichts durcheinander. Regnier vollzieht seine Ahnenbeschwörung sehr diszipliniert.

Zuerst tritt die Großmutter auf, als sie noch längst keine ist, sondern eine junge Schauspielerin, manisch-depressiv und ausgestattet mit respektablen erotischen Energien. Die möchte sie ausgerechnet am 22 Jahre älteren Frank Wedekind auslassen - und der reagiert darauf weitaus verklemmter, als seine freizügigen Dramen es hätten vermuten lassen. Dennoch heiraten sie, aber die Ehe erweist sich für beide rasch als ein Martyrium: Tillys Stimmungen schwanken weiterhin periodisch, und Wedekind steuert zuverlässig seine Eifersucht bei.

1906 kommt Tochter Pamela zur Welt, 1911 Tochter Kadidja. Beide tun es den Eltern nach: Pamela entwickelt sich zu einer gefeierten Schauspielerin, Kadidja zu einer begabten und bis heute unterschätzten Schriftstellerin. Während des Hitler-Regimes bleibt Pamela in Deutschland, arrangiert sich, genießt sogar gewisse Privilegien, ihre Schwester hingegen geht in die USA.

Die Wedekind-Weiber - zu deren Sippe um ein paar Ecken auch noch der schwedische Dramatiker August Strindberg gehört - kennen zahllose Kulturprominente: Pamela verlobt sich halb im Scherz mit dem homosexuellen Schriftsteller Klaus Mann und wird wiederum von dessen Schwester Erika angebetet. Sie heiratet erst den Dramatiker Carl Sternheim, dann den Schauspieler Charles Regnier - Mutter Tilly liebt inzwischen den Dichter Gottfried Benn.

Als Charles Regnier in den Clan einsteigt, wird er mal »mit Strindberg angeredet, mal mit Wedekind, zum Schluss sagte ich, mein Name sei Ibsen«.

Der rasante Reigen schrecklich verwandter

Seelen erweist sich unversehens als vergnüglich-abgründige Kulturgeschichte. Solch einen Fundus illustrer Klatschgeschichten hat eben nicht jede Familie zu bieten. SUSANNE BEYER

* Frank, Tilly, Kadidja, Pamela.

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