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»Mein Vater, der Schelm, der mich gessen hat«

Ein vielstündiges, vielfiguriges Menschheits-Schauspiel, Titel »the CIVIL warS«, das der amerikanische Theater-Avantgardist Robert Wilson entworfen hat, soll den Olympischen Sommerspielen in Los Angeles Kulturglanz geben. Das deutsche Teilstück zum interkontinentalen Gesamtkunstwerk hatte jetzt in Köln Premiere. *
aus DER SPIEGEL 4/1984

Als die beiden - der amerikanische Theatermacher Robert Wilson, 42, und der deutsche Dramatiker Heiner Müller, 55, einander vorgestellt wurden, um Möglichkeiten einer Zusammenarbeit zu erkunden, schlug Wilson vor, sie sollten einander Kindheitserinnerungen erzählen.

Er selbst sprach von der aufregenden ersten Wahrnehmung des geschnitzten Kinderbettchens, in dem er gelegen hatte, und vom überwältigenden ersten Anblick eines Supermarkts im heimatlichen Waco/Texas. Müller revanchierte sich mit der Schilderung jener Nacht, in der sein kommunistischer Vater von SA-Schergen abgeholt wurde.

So von der Kindheit ausgehend, sagte Wilson später, seien sie einander nahegekommen - obwohl ihre Sicht grundverschieden war: In Wilson lebt noch immer der träumerisch-gebannte Blick des Kindes, das die Welt wahrnimmt, als würde es sie eben selbst erschaffen; Müller, der Erwachsene, stilisiert das Schlüsselerlebnis zu einem Gleichnis, das die eigene Erfahrung schnurstracks in einen großen politisch-historischen Zusammenhang setzt.

Was die gemeinsame Arbeit der beiden gegensätzlichen Theater-Visionäre hervorgebracht hat, ist nun im Kölner Schauspielhaus, gut drei Stunden lang, zu sehen: der deutsche Teil von (auf die exquisite Orthographie legt Wilson Wert) »the CIVIL warS«.

Seit fünf Jahren ackert Wilson an diesem welttheatralischen Monumentalwerk, das mit Blick auf die Olympischen Spiele am 6. Juni in Los Angeles in einer Halle mit 6000 Plätzen aufgeführt werden soll: ein Menschheitsschauspiel, das von vielen Kriegen in vielen Ländern handeln will, von Familien, die sie überleben müssen, und auch davon, daß Krieg in der Familie beginnt, weil schon in Mythen und Märchen Väter und Söhne einander nach dem Leben trachten.

Nur die Tiere sind zweifelsfrei friedlich in Wilsons Universum: eine goldene Riesenschildkröte, die über die Kölner Bühne marschiert; ein großer Marienkäfer, der zu Hamlets Füßen herumkrabbelt; ein Eisbär und ein Braunbär, die lustig miteinander herumpurzeln; am Schluß eine riesige Schnee-Eule, die auf _(4. v. r.: Ingrid Andree als Friedrich ) _(II. )

einem Baum sitzt und in der Sprache der Hopi-Indianer ein weises Lied singt.

Inzwischen sind Hunderte von Künstlern aus aller Welt in das Unternehmen »the CIVIL warS« verwickelt; in Theatern auf drei Kontinenten sind Vorbereitungen im Gange; aus Dutzenden von öffentlichen und privaten Töpfen sind die 12 oder 14 Millionen Dollar Produktionskosten zusammengekommen - und einiges fehlt da noch.

Fünf Akte soll das Gesamtwerk umfassen. Das erste fertiggestellte Teilstück (Akt 1) wurde im letzten September in Rotterdam uraufgeführt; die Kölner nun (mit dem Prolog, einer Szene aus Akt 3 und dem ganzen Akt 4) waren als zweite dran; etwa in Monatsabständen sollen die weiteren Teil-Premieren in Tokio, Rom und Minneapolis folgen.

Wenn dann alles zusammenkommt, in Los Angeles, wird auch Wilsons Ausgangs-Idee - ein Panorama des amerikanischen Bürgerkriegs - ihren Platz im ausgreifenden Ganzen gefunden haben, und eine Szene trägt auch das Kölner Ensemble dazu bei: In ihrem Zeltlager rüsten sich Bürgerkriegs-Soldaten zum Aufbruch in die Schlacht - zeitlupenhaft langsam im steigenden Morgenlicht. Und ebenso langsam rollt eine riesige Autodroschke im Stil der Jahrhundertwende durch diese Szene, im Wagen Herrschaften in fahlgrünen Staubmänteln, gewissermaßen Touristen am Rande des Schlachtfelds, und in ihrer Mitte, klein und starr, Friedrich der Große mit seinem Dreispitz. So befremdlich surreal und traumhaft genau sind, immer wieder, Wilsons Bilder vom immer wiederkehrenden Krieg.

Der kleine Friedrich der Große hat im ganzen deutschen Teil eine bedrohliche, geierhafte Präsenz, und der Prolog zum Gesamtwerk macht vorstellbar, daß der Preußenkönig darin etwa die Rolle des Kriegsgottes spielt.

»the CIVIL warS« beginnt mit zwei Astronauten, in silberschimmernden Anzügen, die schwerelos hoch über der Bühne vor dem schwarzen Kontinent Afrika schweben, und beginnt mit einer leisen Parade von Märchenfiguren, die ein riesiger schwarzer Gockel und ein trommelnder kleiner Junge anführen. Dann reißen Blitze den Kontinent entzwei, Voltaire zitiert den kindischen Optimismus seines Candide, und ihm stellt sich König Friedrich mit einem kriegerisch-untergangsbesessenen »Vorwärts Preußen!« entgegen.

Ein spielzeughaft pittoreskes Modell der Stadt Berlin vor gut 200 Jahren rollt auf die Bühne, und dann marschiert preußische Infanterie auf: Reihe um Reihe schießen sie und werden niedergeschossen, die düstere Orgelmusik von Philip Glass schwillt und schwillt, bis zuletzt Friedrich allein im feurigen Schlachtenqualm das Leichenfeld überragt: ein Kriegsgott, ein Kriegsgeier.

Robert Wilsons Arbeit, lang ist das her, begann als Theater von Kindern für Kinder, und noch bei den ersten Stücken, die seinen internationalen Ruhm begründeten, waren Kinder seine Inspirationspartner: Ihr Träumen schuf eine eigene Welt, sprachlos, geschichtslos, von Augenblick zu Augenblick neu. Mit dem Global-Projekt »the CIVIL warS«, mit dem Entschluß, die eigene Phantasie mit der ganz anderer Leute zu verbinden, hat sich Wilsons Theater entschlossen, erwachsen zu werden - auch wenn sich sein Blick nicht leicht vom Kinderland lösen will.

Im holländischen ersten Akt von »the CIVIL warS« hat Wilson, eher bunt und verspielt, das Märchen vom kleinen Jack erzählt, der auf der Suche nach seinem Vater an einer Bohnenstaude in den Himmel klettert und dort in das Haus eines Menschenfressers gerät, der natürlich - Märchenweisheit - kein anderer als sein Vater ist.

Der deutsche Teil - da wird Heiner Müllers Blick spürbar - ist demgegenüber ein sehr deutscher Alptraum, ein geradezu preußischer: Er hat eine düstere Grandiosität.

Das Motiv mörderisch-menschenfresserischer Vater-Sohn-Beziehungen, Schlüsselmoment der Biographie Friedrichs des Großen, zieht sich als Spur von Literatur-Zitaten (Shakespeare, Racine, Goethe, Kafka, Heiner Müller) durch Wilsons leise, leuchtende Theatervisionen. Noch im Kölner Schlußbild, tief unter der singenden Schnee-Eule, erinnert eine geschundene Frau mit Gretchens Kerkerlied daran: »Mein Vater, der Schelm, der mich gessen hat.«

Mit »the CIVIL warS« ist Robert Wilsons Theater erwachsen geworden. Die Visionen des kindhaften Träumers sind an die Leine von Sprache, Literatur, Geschichtsbewußtsein, Bedeutung gelegt. Das macht sie strenger und ernster, das ist Entzauberung: Auch Wilsons Theater schafft nun keine eigenen Welten mehr, sondern weist klagend auf die bekannte schlechte hin, die es schon gibt.

4. v. r.: Ingrid Andree als Friedrich II.

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