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»Meine Arbeit soll mein Mythos sein«

SPIEGEL-Interview mit der Tournee-Sängerin Hildegard Knef *
aus DER SPIEGEL 6/1986

SPIEGEL: Ihre Tournee ist, einigermaßen glücklich, zu Ende gegangen. Danken Sie dem lieben Gott oder dem Publikum?

HILDEGARD KNEF: Beiden.

SPIEGEL: Zehn Städte, zehn Abende, jeder brachte Ihnen rund 20000 Mark garantierte Gage. War das die Mühe wert?

HILDEGARD KNEF: In Amerika hätte ich viel mehr Geld dafür gekriegt.

SPIEGEL: Sie wurden gefeiert, trotz Pannen und Hängern. Macht Sie das selig oder stutzig?

HILDEGARD KNEF: Ich habe keine Hänger. Ich habe begriffen, daß in unserer Zeit die perfekte Show das Langweiligste auf Erden ist.

SPIEGEL: Ihre Freunde haben um Sie gezittert und gefragt: Was treibt die Hilde wieder auf die Piste?

HILDEGARD KNEF: Das können keine Freunde sein, denn so doofe Freunde habe ich nicht. Wenn man, wie ich, vier Jahre am Schreibtisch sitzt, dann muß man ausreißen vor der ungeheuren Belastung des weißen Blattes, das einen jeden Morgen anglotzt und sagt: Beweise mir, daß du nicht so dämlich bist, wie du im Moment aussiehst.

SPIEGEL: Ihr Manager Martin Biallas investiert, neben Ihren 20000 Mark Gage, jeden Abend noch mal 20000 Mark. Ist er ein Mäzen oder hat er einen Mäzen?

HILDEGARD KNEF: Fragen Sie ihn.

SPIEGEL: Zur Kostendeckung braucht er 1000 Zuschauer pro Abend. Manche Säle waren nicht voll.

HILDEGARD KNEF: Stimmt nicht. Er hat mir gesagt: Hilde, ich schwöre dir, die waren voll. Schaun Sie, ich kann ja nichts sehen, ich stehe in den Scheinwerfern. Außerdem bin ich kurzsichtig. Ein Schweizer Augenarzt hat mir mal empfohlen, ich sollte meinen Führerschein zurückgeben, es gebe sowieso sowenig Leute in der Schweiz.

SPIEGEL: Vielleicht war nicht das Publikum zu klein, vielleicht waren die Säle zu groß?

HILDEGARD KNEF: Sie würden voll sein, wenn ich die Zeit hätte - vier Wochen Pause, und dann wäre es ein anderes Ding: Dann wüßten die Leute, durch Mundpropaganda, daß sie eine Frau zu sehen kriegen, die wieder Tanzunterricht nimmt, die singt, die arbeitet, die agil ist und die Freude am Leben hat.

SPIEGEL: Sie waren, was Ihr Privatleben betrifft, selbst nie ein Kavalier - Sie haben die Öffentlichkeit daran teilnehmen lassen. Marlene Dietrich hat das ganz anders gemacht, die hat sich zum geheimnisvollen Mythos stilisiert.

HILDEGARD KNEF: Marlene ist meine Freundin. Marlene ist aber auch eine Re-Kreative: Sie hat kaum einen Text geschrieben (außer ihren Memoiren). Da trennen wir uns. Ich bau nicht an einem Mythos, ich arbeite mit einer Besessenheit, die mit einem Mythos überhaupt nichts zu tun hat. Meine Arbeit soll mein Mythos sein.

SPIEGEL: Als Marlene Dietrich, vor vielen Jahren, ihr Comeback in Deutschland startete, kam sie hochgeschlossen eingenäht in ein Futteral. Sie kommen hochgeschlitzt. Wer berät Sie - Sie selbst?

HILDEGARD KNEF: Die Kleider hat einer der besten Hollywood-Leute gemacht, und der weiß ganz genau, was man auf der Bühne aushalten muß - in der Hitze; Scheinwerfer sind Heizöfen erster Pracht.

SPIEGEL: Sind Sie, im Zusammenhang mit der Tournee, mal auf die Idee gekommen, daß Sie mißbraucht werden könnten?

HILDEGARD KNEF: Ich bin so oft mißbraucht worden wie jeder andere Mensch auch. Man muß sich auch manchmal mißbrauchen lassen und es wissen. Was glauben Sie, wieviel besser ich mich fühle mit 60 als mit 40.

SPIEGEL: Worin liegt der Vorzug?

HILDEGARD KNEF: Im Wissen, im Wissen auch um sich selbst.

SPIEGEL: Was hat Hildegard Knef noch alles vor?

HILDEGARD KNEF: Auf was man mich so immer läßt, nicht? Ich bin ja auch abhängig von Leuten, die mich zahlen.

SPIEGEL: Gehen Sie jetzt glücklicher nach Amerika zurück?

HILDEGARD KNEF: Ich gehe immer glücklich dahin, wo meine Tochter ist. *KASTEN

Hildegard Knef *

besuchte ihre Gemeinde: Alte Damen und junge Herren vor allem jubelten ihr zu, als sie mit ihrer Lieder-Tournee »Stationen meines Lebens« durch die Lande zog. Nicht alle zehn Auftritte waren ausverkauft, und die Resonanz der Presse auf ihre gebrochenen Töne und intimen Plaudereien klang nicht einhellig. »Meist fällt die Knef lautstark über die eigenen Lieder her«, monierte »Die Welt«, gelegentlich habe sie »den Plauderfaden verloren » ("Tagesspiegel") und sei »vor lauter Rührung im Text steckengeblieben« ("Süddeutsche Zeitung"). Und harsch die »FAZ": »Statt einen ehrenvollen Schlußstrich unter die eigene Legende zu setzen, buhlt sie, wie von Haßliebe getrieben, nochmals um die Zuneigung ihrer Landsleute.«

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