Zur Ausgabe
Artikel 75 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

BÜCHER Meine Beschwerden

Hans-Christian Kirsch: »William Morris - ein Mann gegen die Zeit«. Eugen Diederichs Verlag, Köln; 320 Seiten; 78 (ab 1. Mai 98) Mark. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Gute Frage, gestellt 1883: »Wie werden wir uns vor jenen, die nach uns kommen, über den Umgang mit dieser Erde verantworten können?« Einer Erde nämlich, »die uns unsere Vorväter immerhin noch in einem Zustand der Schönheit übergeben haben«.

Schon damals lagen dichte Schwefelschwaden über Städten und machten einem bange, der deswegen forderte, »die Luft rein und die Flüsse sauber zu halten": der englische Designer, Dichter, Kritiker und Sozialist William Morris (1834 bis 1896).

Als Pionier und Vaterfigur steht Morris längst in hohem Ansehen. Auf ihn haben sich Generationen von Künstlern und Kunsthandwerkern berufen. Er war ein Vorläufer des Jugendstils, und sein Ideal der Personalunion von Künstler und Handwerker wurde 1919 im Bauhaus-Manifest von Walter Gropius aufgegriffen.

Weber und Möbelmacher, Drucker, Setzer und Glasmaler priesen Morris, weil er an alte, zum Teil vergessene Techniken wieder anknüpfte. Nicht allein dem Architekten und Entwerfer Henry van de Velde wurde vor diesem Lebenswerk »schwindelig«.

Als Ahnherr der Grünen aber, als Erzvater von Alternativen, Aussteigern und Stadtflüchtern wird Morris jetzt erst recht entdeckt, gerade noch pünktlich zu seinem 150. Geburtstag am 24. März dieses Jahres.

Der Sachbuchautor Hans-Christian Kirsch (alias Frederik Hetmann), ein fleißiger Biographienschreiber zwischen Riemenschneider und Che Guevara mit einer Nase fürs jeweils Zeitgemäße, hat sich nun jenes alten Briten angenommen, der bereits »meine Beschwerden zur Sprache brachte, unsere Beschwerden«.

In schwärmerischem Einverständnis hebt Kirsch die jäh aktualisierten Züge in Leben und Schriften seines Helden hervor, freilich auch das Erbe an Resignation, das Morris hinterlassen hat: Gegen Ende seines Lebens sah er ein, _(Für die Gattin des legendären Königs ) _(Artus, die des Ehebruchs beschuldigt ) _(wurde, stand Morris'' Ehefrau Jane ) _(Modell. )

»daß die Straße nach Utopia möglicherweise endlos ist«.

Schon erstaunlich, wie Morris seiner Mitwelt beispielsweise predigte, »welche Schätze Bäume für die Stadt oder den Vorort darstellen«. Und leicht trifft seine Neigung zum Praktischen mit der »hirnmüder Kopfarbeiter« von heute zusammen, die sich - wie Kirsch - gelegentlich wünschen, »neben dem Schreiben irgendein Handwerk auszuüben«.

Solchen Träumen hängt man kaum völlig einsam nach. Der »gestandene Gefühlssozialist« (Friedrich Engels über Morris) hatte seinen »Vater«, den Kulturphilosophen John Ruskin, und er hatte seinen Weggefährten, etwa in der »präraffaelitischen« Maler-Bruderschaft. Bruder Dante Gabriel Rossetti spielt unvermeidlich auch als Rivale des Helden bei dessen schöner Frau Jane eine tragende Rolle in jeder, nicht zuletzt dieser Morris-Biographie.

Aus der von Morris gegründeten »Firma« sollte Kunst für alle kommen. Das aber mußte, mit dem Titel einer sozialutopischen Erzählung von Morris, »Kunde von Nirgendwo« bleiben. Das exquisite Kunsthandwerk war viel zu aufwendig. Auch das üppig ausgestattete Kirsch-Buch wird sich nicht jeder kaufen können.

So ist dieser »Teufelskreis« (Kirsch) bis heute nicht durchbrochen. Noch eine Morris-Aktualität, eine ironische: Ein Teppich des Künstlers, letzter Auftrag vor seinem Tod, kommt im April bei Sotheby''s zur Versteigerung. Der Erlös wird auf 15 000 bis 20 000 Pfund geschätzt.

Für die Gattin des legendären Königs Artus, die des Ehebruchsbeschuldigt wurde, stand Morris'' Ehefrau Jane Modell.

Zur Ausgabe
Artikel 75 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel