Zur Ausgabe
Artikel 40 / 51
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FERNSEHEN / MONDOVISION Meist Nettes

aus DER SPIEGEL 26/1967

Die »hungernde, übervölkerte, sportliche und künstlerische Welt« von Tunis bis Tokio, von Wladiwostok bis Winnipeg will der britische BBC-Redakteur Aubrey Singer, 40, mindestens 600 Millionen Bewohnern dieser Welt zugleich ins Haus senden -- live zwei Stunden lang.

Die bislang kolossalste Gemeinschaftssendung internationaler TV-Stationen -- Titel »Our World« (Unsere Welt) -- wird in Deutschland am kommenden Sonntag um 20 Uhr vom Ersten Deutschen Fernsehen zu empfangen sein. Für die New Yorker beginnt die Mondovision wegen der Zeitverschiebung um 14 Uhr, für die Moskowiter um 22 Uhr, und in Japan ist es 4 Uhr früh.

Die kommode Sendezeit verdanken die Deutschen dem BBC-Mann Singer, der die Welt-Anschauung plante und leitet: Das Londoner BBC-Haus empfängt ab 20 Uhr über drei amerikanische und einen sowjetischen Fernmeldesatelliten Impulse aus 300 Kameras, die an 42 Orten in 18 Ländern aufgestellt sind; 31 Länder nehmen die Londoner Mischung ab, und 13 Konferenzdolmetscher erläutern ihren Landsleuten, was sie an Ausländischem zu Gesicht bekommen.

Das gigantomane Unternehmen vergleicht der Urheber Singer mit den Eisenbahnlinien, die erstmals ganz Nordamerika umspannten: »Die Eisenbahn vereinte eine Nation, vielleicht kann das Fernsehen helfen, die Welt zu vereinen.«

Die missionarische Sendung hat Singer, Leiter der BBC-Abteilung für Auslandsübertragungen und Wissenschaftsprogramme, im kleinen Maßstab vorgeprobt. Er dirigierte bei den ersten Telstar-TV-Obertragungen von England nach Nordamerika und Australien.

Die Europäische Rundfunk-Union (EBU) in Brüssel bestellte Singer zum Leiter des »Welt«-Projekts und entwarf einen Schaltplan, nach dem rund 10 000 Techniker und TV-Reporter die Neun-Millionen-Mark-Sendung einem Sechstel der Erdbewohner sichtbar machen können.

Das zweistündige Welt-Panorama, ein Kaleidoskop aus Unterhaltung, »Aktion Gemeinsinn«-Mentalität und Volkshochschule, wird Attraktivität vor allem durch technische Beweglichkeit entwickeln: Mit Szenen, die oft nur fünf Sekunden dauern, springt Singer von Kontinent zu Kontinent.

Den Lauf-Plan hat der britische TV-Journalist Anthony Jay, 37, geschrieben. Der Report beginnt bei fünf Neugeborenen (aus Japan, Polen, Mexiko, der UdSSR und Kanada), die das Licht »Unserer Welt« erblicken.

Oft zum Gesang der Wiener Sängerknaben, denen der französische Filmkomponist ("Jules und Jim") Georges Delerue, 42, einen mehrsprachigen, süßlichen Kenn-Chor schrieb, reportiert die Sendung sodann, was sich an diesem Abend in der »hungernden, übervölkerten, sportlichen und künstlerischen Welt« begibt -- meist Nettes.

Am Flusse Newa treffen sich Leningrader Abiturienten, in Linz erläutert ein Arbeiter das LD-Blasstrahl-Verfahren der Vereinigten Österreichischen Stahlwerke, ein Pariser Polizeihubschrauberpilot soll die Verkehrslage schildern, und in Kalifornien werden Bikinimädchen, in Kanada Cowboys, in Spanien Thunfischer und in Tunis Kameltreiber gezeigt.

Hunger und Übervölkerung will der Blick auf die Welt durch Ansichten einer Wisconsin-Rinderherde, einer japanischen Krabbenfarm und neuer Trabantenstädte spiegeln. Sport für die Welt treiben an diesem Abend italienische Reiter, schwedische Kanusportler und die kanadische Weltrekord-Schwimmerin Elaine Tanner: Sie will im 100-Meter-Schmetterling einen neuen Rekord aufstellen.

In der Hohen Tatra der Tschechoslowakei wird just für die Mondovision der Zugang zu einer bislang verborgenen Tropfsteinhöhle freigesprengt; in Rom dreht Federico Fellini eine Straßenszene seines neuen Films; an der französischen Riviera malt Chagall gerade an einem Bild, und in London proben die Beatles einen neuen Song.

Die DDR führt -- dreieinhalb Minuten lang -- das Observatorium von Jena vor, und ebensolang kommt auch die Bundesrepublik ins Bild: Im Bayreuther Festspielhaus probt Wolfgang Wagner mit der Amerikanerin Grace Hoffman und der Britin Heather Harper am zweiten Akt der Wagner-Oper »Lohengrin«.

Die Deutschen hatten erst die Kieler Woche und die Harmonika-Orchestermeisterschaften in Karlsruhe zur Global-Sendung angeboten; sie waren aber Singer nicht »typisch deutsch« genug.

Die aufgezeichnete Live-Sendung wird in diesem und im Jahr 2000 noch einmal ausgestrahlt -- falls sie zustande kommt. Der technische Leiter der ersten Mondovision, Eric Griffiths, hat statistisch erforscht, wie oft Sendeleitungen ausfallen. Griffiths, düster: »Die ganze Geschichte ist ziemlich nervenzermürbend.«

Zur Ausgabe
Artikel 40 / 51
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.