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LITERATUR Meistersinger des Schreckens

aus DER SPIEGEL 8/2009

Zwei Möglichkeiten hat, wer sich nach abgeschlossenem Philosophiestudium als Angestellter einer Großwäscherei wiederfindet: Er freut sich, überhaupt einen Job zu haben. Oder grämt sich, Teil der »allgemeinen Ödnis des Wirklichen« zu sein. Gerhard Warlich ist Anfang 40 und hat vor 14 Jahren über Martin Heidegger promoviert. Für ihn, den schwermütigen Helden in Wilhelm Genazinos luftigem Roman »Das Glück in glücksfernen Zeiten«, ist der Verdacht zur Gewissheit geworden: Das Leben lässt sich nur in Form weitestmöglicher Vermeidung ertragen.

Genazino, 65, ist in diesem Buch einmal mehr ein Virtuose in der Darstellung »innerer melancholischer Verwilderung«, ein Meistersinger des Lebensschreckens. Als in seinem neuen Roman Warlich mit dem Wunsch seiner langjährigen Gefährtin nach einem Kind konfrontiert wird, überfällt den Mann heftiges »Existenzzittern«. Sein nur mühsam gegen das »Zwangsabonnement der Wirklichkeit« aufrechterhaltenes Beobachterleben gerät vollends aus der Balance; die Kluft zwischen den Anforderungen der Außenwelt und den Bedürfnissen der Innenwelt ist nicht mehr zu überbrücken.

Mit größter Präzision zerlegt Genazino das Heilsversprechen gelingenden Lebens in seine Bestandteile: Übrig bleibt das Wehklagen der »ratlosen Seele«. Dabei versagt sich der Autor jede dramatische Zuspitzung. Er setzt lieber auf ironische Distanz zu seinen Figuren: »Innere Überempfindlichkeit« diagnostiziert Warlich an sich selbst. Als er seinen Job verliert und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden muss, stellt sich ausgerechnet dort bei ihm kurzfristig Optimismus ein: Vielleicht lässt sich doch noch ein Leben nach eigener Wahl führen? Dieser Hoffnung steht allerdings die Einsicht entgegen, »dass unsere Freiheit nur eine Freiheit des Redens und Vorstellens ist, nicht eine des Handelns«. Genazinos kluger und bei aller Knappheit außerordentlich reichhaltiger Roman erzählt davon mit wunderbarem Hintersinn.

Wilhelm Genazino: »Das Glück in glücksfernen Zeiten«. Hanser Verlag, München; 160 Seiten; 17,90 Euro.

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