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Menschen im Experiment

Das Märkische Viertel im West-Berliner Bezirk Reinickendorf ist Deutschlands derzeit größtes Wohnbauprojekt. Innerhalb van zehn Jahren, van 1963 bis 1972, entstehen auf einem ehemaligen Laubengelande annähernd 17 000 Wahnungen für etwa 60 000 Menschen -- ein Stadtteil, größer als Tübingen, fast so groß wie Worms. Baukasten: 1,5 Milliarden Mark. Der West-Berliner Senat wertet das Vorhaben als »überlegtes Experiment« mit »spürbar fannalem Anspruch«, als »ersten Versuch, langgehegten Leitbildern eine andere Vorstellung entgegenzusetzen«, als »Berlins anregendsten Beitrag zum Städtebau der Gegen. wart«. Dach Menschen, die dort leben, sprechen anders. Dr. Dietrich Mackrodt, Arzt im Märkischen Viertel, nennt die gesamte Planung der Stadtrandsiedlung »menschenverachtend«; Architekten hätten sich odem Rausch am Reißbrett hingegeben« und »mit Bleistift und Lineal eine Menschenmasse untergebracht«. »An die Menschen aber«, sagt Johannes Hoene, Pfarrer im Märkischen Viertel, »haben sie nicht gedacht; sie wollten nur etwas vorweisen, zu ihrem eigenen Ruhm und Stolz.« Zusammen mit Photograph Klaus Mehner haben sich SPIEGEL-Redakteur Karl-Heinz Krüger und SPIEGEL-Mitarbeiter Hermann Funke vier Wochen lang im Märkischen Viertel einquartiert, der eine zur Bestandsaufnahme, der andere zu kritischer Beurteilung.
Von Karl Heinz Krüger
aus DER SPIEGEL 45/1970
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