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FILM Menschliches Chamäleon

»Zelig«. Spielfilm von Woody Allen. USA 1983. 80 Minuten; schwarzweiß und Farbe. *
aus DER SPIEGEL 40/1983

Eine alte, grauflimmernde Wochenschau. Der Papst auf seinem Balkon über dem Petersplatz. Zum Heiligen Jahr möchte er die Menge, urbi et orbi, segnen. Plötzlich jedoch schlägt der Heilige Vater wie ein Wilder auf einen neben ihm Stehenden ein. Wobei er die steifen Deckel seiner frommen Botschaft als Prügel benutzt.

Wer hat ihn so erregt? Da wir im Jahr 1933 sind, kann es nicht »Wetten, daß ...«-Elstner sein, der »Hörzu« kürzlich verriet, daß er - seltsame geschlechtliche Verirrung - wenn schon auf einer einsamen Insel, dort am liebsten mit dem Papst wäre.

Nein, es ist Zelig, Woody Allens neuer filmischer Doppelgänger. Aber wer ist Zelig, der da, päpstlicher als der Papst, neben dem Heiligen Vater steht und dessen heiligen Zorn erregt?

Zelig ist ein New Yorker Jude, der von allen geliebt werden, es allen recht machen will. Der totale Opportunist. Anders als wir nicht so perfekten Anpasser, die wir zwar schon mal einem Taxifahrer zustimmen, wenn er härter durchgreifen will, oder einem Kellner zunicken, wenn er fragt, ob die Kohlroulade gut war (sie war miserabel). Anders als wir wird Zelig buchstäblich zum Gangster, wenn er mit Gangstern spricht, zum Chinesen, wenn er chinesisch ißt, zum Neger, wenn eine schwarze Band in seiner Nähe jazzt, zum Psychiater, wenn ihn ein Psychiater eben wegen dieser Anpasserei auf die Couch legt. Zelig ist ein menschliches Chamäleon.

Man wundert sich, daß es diese Figur, die aus lauter Lust am Ja-Sagen zum Bi-, Tri-, ja Quatrogamisten wird, nicht schon längst gibt. Jedenfalls hat Woody Allen mit seinem Zelig, der dauernd fremde Farbe annimmt, sich mit Dicken bläht und mit Dünnen schrumpft, eine Figur geschaffen, die ähnlich schlüssig ist wie etwa Schwejk, der den blinden Gehorsam bis zur Sabotage leistete, wie Oblomov, der vor Schwermut und Langeweile das Bett nicht mehr verlassen konnte, oder Peter Schlemihl, der seinen Schatten verlor.

Zelig, eine kleine leise tragikomische Gestalt, der ein Nichts ist, weil er alles sein möchte - Woody Allen hat mit ihm, zum Beispiel, den jüdischen Assimilationsakrobaten in den USA porträtiert, jene absurde geschichtliche Gestalt, die ihre Identität nur behalten zu können glaubt, indem sie sie dauernd verleugnet. Aber Zelig ist auch der mit wahnwitziger Konsequenz zu Ende geträumte amerikanische Traum, nämlich der, everybody''s darling zu sein. Ein Traum, der im Land der Gleichen nur durch absolute Angleichung zu leisten ist.

Nun hat Woody Allen in seinem Film nicht etwa die (fiktive) Lebensgeschichte von Zelig nachgespielt: »Zelig« ist, zweites Wunder, gleichzeitig die perfekte Parodie auf den amerikanischen Dokumentarfilm, der aus der Montage alter vergilbter Photos, Wochenschau-Schnipsel, Interviews von Augenzeugen die Vita des Zelig konstruiert.

Während da die echte Susan Sontag in Venedig, der echte Saul Bellow an seine Bücherwand gelehnt, vor der Kamera Zeugnis für den unechten Zelig ablegen, entsteht ein sarkastisches Bild, wie Dokumentarfilme das verfehlen, was sie vorgeblich dokumentieren.

Inmitten lärmender Betriebsamkeit, inmitten krächzend kratziger Fetzen alter Ton- und Filmaufnahmen steht Zelig bald nicht wie der rekonstruierte Held, sondern wie das wiedergefundene Jagdobjekt da. Die Dokumente kreisen ihn immer auswegloser ein: Obwohl sie nichts über ihn besagen, legen sie sich

wie eine Zwangsjacke um seine Chamäleon-Erscheinung.

So ist »Zelig« auch noch eine hinreißende Satire auf den amerikanischen Zwang zur Veräußerung. Zelig wird auf dem Altar der Publicity präpariert. Er wird mit Konfettiparaden gefeiert und auf Hollywoods Prominentenpartys herumgereicht.

Ein Tanz wird nach ihm benannt. Schlager himmeln ihn an ("Obwohl du vielleicht sechs Leute bist, liebe ich dich"). Ärzte, Politiker, Frauenvereine, Moralapostel und Glücksritter drängen sich um ihn, und seine Psychiaterin rettet ihn schließlich, Zeligs seliges Märchenende, durch Liebe.

Daß sie von Woody Allens Ehefrau Mia Farrow gespielt wird, damit er ihr - vielleicht? - durch die Blume des Films sagen kann, sie sei eine miserable Köchin und ihre Pfannkuchen seien zum Kotzen, ist sicher nur ein Seitenaspekt.

Denn Zelig macht Zeitgeschichte, als er nämlich plötzlich, Anfang der dreißiger Jahre, von seinen Ehefrauen und der amerikanischen Moral in die Flucht geschlagen, neben Adolf Hitler steht - der kleine Jude als perfekter Nazi.

Doch diesen Aberwitz beendet Woody Allen mittels Liebe und Psychiatrie. Die Ärztin ist ihm gefolgt und winkt dem neben Hitler stehenden Zelig zu; der winkt zurück, mitten unter den »Heil« schreienden Nazis. Hitler kann seinen Witz über Polen nicht beenden, Zelig und seine Ärztin fliehen, Hals über Kopf überqueren sie den Atlantik und werden in Amerika als Helden gefeiert.

»Zelig« ist auch ein Wunderwerk an Dokumentarmontagen, wenn Woody Allen da mit nahtloser Perfektion in Nazi-Wochenschauen, Prominentenpartys mit Chaplin, Cagney und US-Präsidenten montiert wird.

Woody Allen hat sich mit seinem Zelig so geschickt in die Zeitgeschichte eingeschlichen, daß er von ihr nicht mehr zu trennen ist. Vielleicht muß ja nach Zelig die Geschichte des Dritten Reichs wirklich umgeschrieben werden.

Denn daß Hitler ein frustrierter Witzeerzähler war, der über Polen auch andere als seine blutigen Witze riß, ist, Gott hab ihn Zelig, auch neu. Es liegt daran, daß Allen die Historie nicht plump fälscht, sondern sie als Fußnote zu Zeligs Biographie betrachtet.

Hellmuth Karasek _(Zelig zwischen US-Präsident Coolidge und ) _(FBI-Chef Hoover. )

Zelig zwischen US-Präsident Coolidge und FBI-Chef Hoover.

Hellmuth Karasek
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